Was ist das für eine Lage für einen patriotischen Senator, der die ganze vorige Woche die Legislatur seines heimatlichen Staates angetrieben hat, strengere Beschlüsse gegen flüchtige Sklaven und ihre Helfer zu erlassen!
Er hatte nie daran gedacht, daß ein flüchtiger Sklave eine unglückliche Mutter sein könnte oder ein schutzloses Kind, wie dasjenige, welches jetzt seines unvergessenen Knaben kleine wohlbekannte Mütze trug; und so war unser armer Senator, da er weder von Stein noch von Eisen war, sondern ein Mensch, und zwar ein ehrlicher mit reinem, edlem Herzen, in einer traurigen Lage für seinen Patriotismus.
Wenn unser Senator ein politischer Sünder war, so war er ganz auf dem Wege, dafür eine Nacht Buße zu tun. Es war ziemlich lange regnerisches Wetter gewesen, und der weiche fruchtbare Boden von Ohio eignet sich bekanntlich ganz besonders zur Erzeugung von Schlamm, und der Weg war ein Ohio-Railweg aus der guten alten Zeit.
Und was mag das wohl für eine Art Weg sein? fragt ein Reisender aus dem Osten, der bei dem Railweg nur an einen echten mit eisernen Schienen denkt.
Wisse denn, unschuldiger Freund aus dem Osten, daß man in den umnachteten Regionen des Westens, wo der Kot von unergründlicher und erhabener Tiefe ist, Wege aus runden, unbehauenen Baumstämmen macht, die man nebeneinander quer über die Straße legt und mit Erde, Rasen oder was sonst bei der Hand ist, überzieht. Dieses nennt dann der Eingeborene frohlockend eine Straße, und versucht sofort, darauf zu fahren. Im Verlauf der Zeit spült der Regen Rasen und Erde weg, schiebt die Stämme hierhin und dorthin in malerische Lagen hinunter, herauf und querüber und läßt verschiedene Löcher und Abgründe von schwarzem Schlamm dazwischen erscheinen.
Auf einem solchen Wege fuhr unser Senator dahin, so sehr mit moralischen Bedenken beschäftigt, wie es die Umstände nur erlauben wollten, denn der Wagen fuhr etwa auf folgende Weise: Bumm! Bumm! Bumm! Platsch! Tief unten im Schlamm! Und der Senator, die Frau und das Kind verlieren ihre Plätze so plötzlich, daß sie in keiner sehr ordentlichen Lage sich plötzlich an den Fenstern der tieferliegenden Seite wiederfinden. Der Wagen sitzt fest, während man Cudjoe draußen unter den Pferden schimpfen hört. Nach mannigfachem, vergeblichem Ziehen und Zerren, gerade als der Senator alle Geduld verliert, kommt der Wagen unerwartet mit einem gewaltigen Rucke heraus, aber die beiden Vorderräder fahren in einen andern Abgrund hinunter, und Senator, Frau und Kind purzeln alle in einem Haufen auf den Vordersitz; der Stoß drückt dem Senator den Hut ganz ohne Umstände bis über die Augen und Nase herunter; das Kind schreit, und Cudjoe hält draußen auf dem Bock den Pferden, welche unter wiederholten Peitschenhieben ausschlagen und sich wälzen und anziehen, lebhafte Reden. Der Wagen kommt abermals mit einem Sprunge heraus – nun fahren die hinteren Räder hinunter – Senator, Frau und Kind fliegen auf den Rücksitz hinüber, wobei seine Ellenbogen mit ihrem Hut zusammenstoßen und ihre Füße sich in seinen Hut stemmen, der durch den Zusammenstoß herunterfliegt. Nach einigen Augenblicken ist der Morast überwunden, und die Pferde machen keuchend halt; der Senator findet seinen Hut wieder, die Frau rückt den ihrigen zurecht und beruhigt das Kind, und alle sammeln Fassung für das noch zu Erwartende.
Eine Weile lang wird das beständige: Bumm! Bumm! nur der Abwechslung wegen von verschiedenen einseitigen Versenkungen und Erschütterungen unterbrochen, und sie fangen schon an, sich zu schmeicheln, daß es ihnen gar nicht so sehr schlimm geht. Aber zuletzt bleibt der Wagen mit einem senkrechten Sturz, der alle mit einer unglaublichen Schnelligkeit erst auf die Beine und dann wieder in ihre Sitze zurückbringt, stehen, und nach großem Lärm draußen erscheint Cudjoe an der Tür.
»'s ist eine schrecklich böse Stelle hier, Sir. Ich weiß nicht, wie wir herauskommen sollen. Ich glaube, wir müssen hier Rails holen.«
In seiner Verzweiflung steigt der Senator aus dem Wagen und sucht zimperlich nach einem Fleck, wo er sicher auftreten kann. Plötzlich rutscht der eine Fuß in eine unermeßliche Tiefe hinunter, er versucht ihn herauszuziehen, verliert das Gleichgewicht, purzelt in den Schlamm hinein und wird in einem sehr verzweifelten Zustand von Cudjoe wieder herausgefischt.
Es war schon sehr spät nachts, als der Wagen naß und kotbespritzt aus dem Creek herauskam und an der Tür eines großen Farmhauses hielt. Es kostete keine geringe Mühe, die Inwohner zu erwecken; aber endlich erschien der Besitzer und öffnete die Tür. Es war ein großer, langer, struppiger Bursche, sechs Fuß und einige Zoll lang, und angetan mit einem roten flanellenen Jagdhemd. Ein sehr dichter Pelz von sandgelbem Haar in ganz entschiedener Verwirrung, und ein Bart von einigen Tagen verlieh dem würdigen Manne ein Aussehen, das mindestens gesagt, nicht besonders einnehmend war. Er stand ein paar Minuten lang da und hielt das Licht in die Höhe und blinzelte unsere Reisenden mit einer unglücklichen und verwirrten Miene an, die wahrhaft lächerlich war. Es kostete unseren Senator einige Mühe, ihm die vorliegende Sache recht begreiflich zu machen.
Der alte ehrliche John van Trompe war früher ein beträchtlicher Land- und Sklavenbesitzer im Staate Kentucky gewesen. Da er vom Bären nichts als das Fell hatte und von Natur mit einem großen, ehrlichen, gerechten Herzen, seinem riesigen Körper ganz angemessen, beschenkt war, so hatte er schon seit einigen Jahren mit unterdrückter Besorgnis die praktische Anwendung eines Systems gesehen, das für den Bedrücker und den Bedrückten gleich schlecht ist. Endlich schwoll eines Tages Johns großes Herz zu sehr an, um seine Fesseln länger tragen zu können; so nahm er denn seine Brieftasche aus dem Pulte und ging hinüber nach Ohio und kaufte eine schöne Strecke fruchtbares Land, stellte allen seinen Leuten, jung und alt, Mann und Weib, Freibriefe aus, packte sie auf Wagen und schickte sie fort, um sich drüben niederzulassen; und dann wendete sich der ehrliche John den Creek aufwärts und zog sich auf eine hübsche entlegene Farm zurück, um sich seines Gewissens und seiner Gedanken zu erfreuen.
»Seid Ihr der Mann dazu, eine arme Frau und ein Kind vor den Sklavenfängern zu verbergen?« fragte der Senator ohne weitere Umstände.
»Das sollte ich wohl meinen«, sagte der ehrliche John mit großem Nachdruck.
»Das dachte ich mir«, sagte der Senator.
»Wenn einer kommt«, sagte der gute Mann und richtete seine hohe, kräftige Gestalt in die Höhe, »so bin ich hier bereit für ihn; und ich habe sieben Söhne, jeder sechs Fuß hoch, und sie werden bereit für sie sein. Vermeldet ihnen unsern Gruß«, sagte John. »Sagt ihnen, daß es uns ganz gleich ist, wie bald sie kommen, ganz vollkommen gleich«, sagte John und fuhr mit der Hand durch den Haarpelz, der wie ein Dach über seine Stirn hing, und brach in ein lautes Lachen aus.
Erschöpft, todmüde und stumpf schleppte sich Elisa bis an die Tür und hatte in den Armen ihr in tiefem Schlummer liegendes Kind. Der rauhe Farmer hielt ihr das Licht ins Gesicht und öffnete mit einer Art mitleidigem Grunzen die Tür eines kleinen Schlafzimmers neben der großen Küche, wo sie sich jetzt befanden, und bedeutete sie mit der Hand hineinzugehen. Er holte eine Kerze herunter, zündete sie an, setzte sie auf den Tisch und sagte dann zu Elisa:
»Mein Mädel, du brauchst dich auch nicht ein bißchen mehr zu fürchten, mag kommen, wer da will. Ich bin auf all diese Sachen gefaßt«, sagte er und wies auf zwei oder drei gute Büchsen, die über dem Kamin hingen; »und die meisten Leute, die mich kennen, wissen, daß es nicht sehr gesund sein würde, etwas aus meinem Hause holen zu wollen, wenn ich's nicht hinauslassen will. So leg dich denn hin zum Schlafen, so ruhig als ob deine Mutter dich wiegte«, sagte er und machte die Tür zu.
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