»Die berechnen nur zu viel«, sagte Tom.
»Das will ich schon einrichten, sie sind Anfänger im Geschäft und müssen billig sein«, sagte Marks, während er fortfuhr zu lesen, »'s sind drei leichte Fälle, wenn weiter nichts zu tun ist, als sie niederzuschießen oder zu schwören, daß sie erschossen sind; dafür können sie natürlich nicht viel ansetzen; die andern Fälle lassen sich noch ein Weilchen aufschieben«, sagte er und legte den Zettel wieder zusammen. »Jetzt aber müssen wir die Sache näher besprechen. Also, Mr. Haley, Ihr saht, wie das Mädchen das Ufer erreichte?«
»Gewiß – so deutlich, als ich Euch sehe.«
»Und ein Mann half ihr zum Ufer herauf!« sagte Loker.
»Gewiß sah ich das.«
»Wahrscheinlich haben sie die Dirne wo aufgenommen«, sagte Marks; »aber wo? Das ist die Frage. Was meint Ihr, Tom?«
»Wir müssen noch heute nacht über den Fluß – das ist keine Frage«, sagte Tom.
»Aber es ist kein Boot da«, sagte Marks, »'s ist ein fürchterlicher Eisgang, Tom; ist's nicht zu gefährlich?«
»Davon verstehe ich nichts, ich weiß nur, daß es geschehen muß«, sagte Tom mit Bestimmtheit.
»Mein Gott«, sagte Marks voll Unruhe – »ich meine«, sagte er und trat ans Fenster, »'s ist so finster wie in einem Wolfsrachen, und Tom –«
»Das Lange und das Kurze von der Geschichte ist – Ihr fürchtet Euch, Marks; aber ich kann Euch nicht helfen, Ihr müßt fort. Ihr dürft doch nicht etwa einen oder zwei Tage still liegen, bis sie die Dirne unten auf den Talweg nach Sandusky oder sonst wohin gebracht haben.«
»O nein; ich fürchte mich gar nicht«, sagte Marks, »aber –«
»Aber was«, sagte Tom.
»Nun, das Boot. Ihr seht ja, es ist kein Boot da.«
»Ich höre die Wirtsfrau sagen, es käme noch eins diesen Abend und ein Mann wollte darin übersetzen. Und wenn's um den Hals geht, wir müssen mit ihm hinüber«, sagte Tom.
»Ihr habt doch wohl gute Hunde!« sagte Haley.
»Ausgezeichnete«, sagte Marks. »Aber die nützen uns gar nichts. Ihr habt ja nichts von ihren Sachen, um sie auf die Spur zu bringen.«
»Ei doch«, sagte Haley triumphierend. »Hier ist ihr Tuch, das sie in der Eile hat auf dem Bett liegenlassen, und auch ihr Hut ist da.«
»Das ist gut«, sagte Loker, »nur her damit.«
»Aber die Hunde könnten der Dirne Schaden tun, wenn sie plötzlich über sie herfallen«, sagte Haley.
»Das ist zu bedenken«, sagte Marks. »Unsere Hunde haben unten in Mobile mal einen Kerl in Stücke zerrissen, ehe wir sie losbringen konnten.«
»Das ginge nun freilich nicht bei Niggern, die wegen ihres Aussehens gekauft werden sollen«, sagte Haley.
»Das ist wohl wahr«, bemerkte Marks. »Außerdem nützt es nicht einmal, wenn sie jemand zu sich genommen hat. Hunde helfen einem gar nichts hier in den obern Staaten, wo sie die Nigger zu Wagen fortschaffen; natürlich findet man ihre Spur nicht. Sie helfen bloß was unten in den Plantagen, wo die Nigger, wenn sie fortlaufen, sich auf ihre eigenen Beine verlassen müssen und keine Hilfe kriegen.«
»Na«, sagte Loker, der draußen bei der Wirtin gewesen war, um sich zu erkundigen, »ich höre eben, der Mann mit dem Boote ist da; also Marks –«
Dieser Würdige warf einen bekümmerten Blick auf das bequeme Quartier, das er verlassen sollte, stand aber langsam auf, um zu gehorchen. Nach einigen Worten zu weiterer Verabredung reichte Haley mit sichtbarem Sträuben Tom die fünfzig Dollar hin, und das würdige Trio trennte sich für die Nacht.
Während dieser Auftritt in der Schenke stattfand, verfolgten Sam und Andy in einem Zustand höchster Fröhlichkeit ihren Rückweg und gelangten gegen 11 Uhr zu Hause an.
Mrs. Shelby flog an das Geländer.
»Bist du es, Sam? Wo sind sie?«
»Master Haley ruht in der Schenke aus; er ist schrecklich müde.«
»Und Elisa, Sam?«
»Die ist drüben über dem Jordan. Wie man sagen könnte, im Lande Canaan.«
»Was meinst du damit, Sam?« sagte Mrs. Shelby außer Atem und fast in Ohnmacht sinkend bei dem Gedanken an die mögliche Bedeutung dieser Worte.
»Nun, der Herr schützt die Seinen, Missis. Lizzy ist über den Fluß hinüber nach Ohio, so wunderbar, als ob der Herr sie mit einem feurigen Wagen und zwei Pferden hinüber geholt hätte.«
Sams Frömmigkeit trat in seiner Herrin Anwesenheit immer ganz besonders stark zutage, und er machte von biblischen Redensarten und Bildern sehr häufige Anwendung.
»Komm herauf, Sam«, sagte Mr. Shelby, der jetzt ebenfalls unter die Veranda trat, »und erzähle deiner Herrin, was sie wissen will. Komm, Emilie«, sagte er und umschlang sie mit dem Arm. »Du bist ganz kalt und zitterst vor Frost; du nimmst es dir gar zu sehr zu Herzen.«
»Zu sehr zu Herzen! Bin ich nicht ein Weib – eine Mutter? Sind wir nicht beide Gott verantwortlich für dieses arme Mädchen? Möge Gott diese Sünde nicht uns zur Last legen!«
»Was für eine Sünde, Emilie? Du siehst ja selbst ein, daß wir nur getan haben, was wir tun mußten.«
»Aber dennoch ist es mir immer, als ob es schrecklich sündhaft wäre«, sagte Mrs. Shelby. »Ich kann das Gefühl nicht loswerden.«
»Hier, Andy, du Nigger, mach schnell!« rief Sam unter der Veranda. »Führe die Pferde in den Stall; hörst du nicht, daß Master ruft?« Und Sam erschien bald darauf, den Palmenhut in der Hand, in der Tür des Wohnzimmers.
»Nun, Sam, erzähle uns ordentlich, wie die Sache war«, sagte Mr. Shelby. »Wo ist Elisa, wenn du's weißt?«
»Ich habe sie mit eigenen Augen über die Eisschollen springen sehen, Master, 's war ganz merkwürdig; 's war ein reines Wunder; und ich sah, wie ein Mann ihr an der Ohioseite heraufhalf, und dann verschwand sie in der Abenddämmerung.«
»Sam, das Wunder kommt mir etwas apokryphisch vor. Über die Eisschollen springen ist keine leichte Sache«, sagte Mr. Shelby.
»Leicht! Kein Mensch hätte es tun können ohne den Herrn. Ich will's Ihnen nur erzählen, wie's zuging«, sagte Sam. »Master Haley und ich und Andy erreichten die kleine Schenke am Flusse, und ich reite ein paar Schritte voran – (ich war so eifrig, Lizzy zu fangen, daß ich mich nicht halten konnte – gar nicht) – und als ich an dem Fenster der Schenke vorbeireite; da steht sie da, gerade vor meinen Augen, und die andern kommen hinter mir hergeritten. Auf einmal verliere ich meinen Hut und schreie so laut, daß die Toten hätten davon erwachen können. Natürlich hört's Lizzy, und sie tritt zurück, als Master Haley vorbei nach der Haustür reitet; und dann sprang sie zur Seitentür hinaus und hinunter nach dem Fluß; Master Haley aber sah sie und schrie laut, und er und ich und Andy liefen ihr nach. Sie erreichte das Ufer, und das Wasser war noch zehn Fuß breit frei, und auf der andern Seite schwanken und dämmen sich die Eisschollen, als wäre es eine große Insel. Wir kommen dicht hinter ihr her, und ich dachte schon bei meiner Seele, wir hätten sie fest – da tut sie einen Schrei, wie ich ihn nie gehört habe – und auf einmal stand sie auf der andern Seite des Wassers auf dem Eise, und nun ging's weiter, schreiend und springend, und das Eis ging krach, und plump und platsch, und sie sprang darüber wie ein Rehbock! Gott, die Feder, die die Dirne im Leib haben muß, kann nicht klein sein, meine ich.«
Mrs. Shelby saß stumm und bleich vor Aufregung da, während Sam seine Geschichte erzählte.
»Gott sei gepriesen, sie lebt noch! Aber wo mag jetzt das arme Kind sein.«
»Der Herr wird dafür sorgen«, sagte Sam und verdrehte fromm die Augen.
»Du kannst jetzt gehen und Tante Chloe sagen, sie soll dir von dem kalten Schinken geben, der heut mittag übriggeblieben ist. Du und Andy, ihr müßt Hunger haben.«
»Missis ist viel zu gut für uns«, sagte Sam, verbeugte sich eilig und verschwand.
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