»Ha, so ein Glück hätte ich mir doch nicht zugetraut! Loker, wie geht's denn?« sagte Haley und bot dem großen Manne seine Hand.
»Zum Teufel!« war die höfliche Antwort. »Was bringt Euch hierher, Haley?«
Der lauernde Mann, der Marks hieß, hörte gleich auf, sein Glas zu nippen, reckte den Kopf vor und sah schlau den neuen Ankömmling an, wie manchmal eine Katze nach einem raschelnden dürren Blatt oder einem andern verfolgbaren Gegenstande schielt.
»Das nenne ich mir doch ein Glück, sage ich, Tom. Ich bin in einer verteufelten Patsche, und Ihr müßt mir heraushelfen.«
»Hm! Ha! Glaub' ich wohl!« grunzte sein gefälliger Freund. »Das kann man von vornherein glauben, wenn Ihr Euch freut, jemanden zu sehen; wenn die Leute zu etwas zu gebrauchen sind. Was gibt's denn jetzt?«
»Ihr habt einen Freund mitgebracht«, sagte Haley und sah argwöhnisch Marks an, »vielleicht ein Kompagnon?«
»Jawohl! Hier Marks, das ist der Bursch', der in Natchez mein Kompagnon war.«
»Freut mich sehr, seine Bekanntschaft zu machen«, sagte Marks und bot ihm eine lange schmale Hand wie die Klaue eines Raben dar. »Mr. Haley, glaube ich?«
»Derselbe, Sir«, sagte Haley. »Und jetzt, Ihr Herrn, da wir uns so glücklich getroffen haben, will ich Euch hier was zum besten geben. Ihr da, alter Waschbär«, sagte er zu dem Manne hinter dem Schanktisch, »gebt uns heißes Wasser und Zucker und Zigarren und Überfluß vom Echten, und wir wollen einmal fidel sein!«
Bald sind die Kerzen angezündet, das Feuer lodert munter in dem Kamin, und unsere drei Freunde sitzen um einen Tisch, der mit allen eben genannten Beförderungsmitteln der Gemütlichkeit reichlich besetzt ist. Haley begann eine pathetische Erzählung seiner widrigen Schicksale. Loker schwieg und hörte ihn mit mürrischer Aufmerksamkeit an. Marks, der mit großer Sorgfalt und vielen Umständen sich ein Glas Punsch nach seinem eigenen Geschmack bereitete, blickte von Zeit zu Zeit von seiner Beschäftigung auf, schob seine spitze Nase und sein Kinn fast Haley ins Gesicht und schenkte der ganzen Erzählung die vollste Aufmerksamkeit. Der Schluß schien ihn über die Maßen zu ergötzen, denn der ganze Körper wackelte ihm vor lautlosem Lachen, und er spitzte die dünnen Lippen mit einer Miene des höchsten innerlichen Genusses.
»Also regulär geprellt seid Ihr? He! He! He! 's ist aber hübsch gemacht.«
»Mit diesen Rangen hat man schreckliche Not im Geschäft«, sagte Haley kläglich.
»Wenn wir nur eine Sorte Mädchen kriegen könnten, die sich um ihre Kleinen nicht kümmerten«, sagte Marks, »ob das nicht einer der größten modernen Fortschritte wäre –«. Und Marks gab seinem Witz mit einem leisen einleitenden Gekicher Nachdruck.
»Ich habe mirs nie erklären können«, sagte Haley. »Die Rangen machen ihnen soviel Not – man sollte meinen, sie müßten froh sein, sie los zu werden; aber sie sind es nicht. Und je mehr Mühe ihnen die Kinder machen und je weniger sie im allgemeinen zu was nütze sind, desto lieber sind sie ihnen.«
»Schiebt mal das warme Wasser her, Haley«, sagte Marks. »Ja, Sir, Ihr sagt da, was ich denke und immer gedacht habe. Ich kaufte einmal ein Weib, als ich noch das Geschäft betrieb – ein kräftiges hübsches Weib und gar nicht dumm – und es hatte ein kränkliches Kind mit einem krummen Rücken oder so etwas, und ich schenkte es einem Manne, der versuchen wollte, es aufzuziehen, da es ihn nichts kostete – dachte nicht daran, daß sich das Weib die Sache so zu Herzen nehmen würde – aber Gott, Ihr hättet sehen sollen, wie sie sich aufführte! Wahrhaftig, war fast, als sei ihr das Kind um so lieber, weil es kränklich und garstig war und sie peinigte; und sie verstellte sich auch nicht etwa – sondern weinte darüber und lief herum, als ob sie den letzten Freund auf Erden verloren hätte. Es war wirklich drollig, daran zu denken. Gott, die Weiber haben solche Ideen im Kopfe.«
»'s ist mir auch so gegangen«, sagte Haley. »Vorigen Sommer wurde mir unten am Red River ein Mädchen aufgeschwindelt mit einem ganz hübsch aussehenden Kinde, dessen Augen so hell waren wie Eure; aber wie man es näher besah, war es stockblind. Faktum – stockblind. Nun dachte ich mir, 's ist nichts Schlechtes, wenn du das Kind wieder aus der Hand gibst und nichts weiter sagst, und ich tauschte es daher gegen ein Fäßchen Whisky um; aber als ich's dem Mädchen nehmen wollte, wurde das wie eine Tigerin. Es war, ehe wir aufbrachen, und ich hatte meine Leute noch nicht gefesselt, und was tut sie? Sie klettert wie eine Katze einen Baumwollballen hinan, reißt einem von den Matrosen ein Messer aus der Hand und macht ein Gesicht, daß wir alle scheu zurücktreten. Und wie sie nun sah, daß es doch nichts nützte, so drehte sie sich um und stürzte sich kopfüber mit dem Kinde in den Fluß – sank unter und kam nie wieder zum Vorschein.«
»Bah!« sagte Tom Loker, der diesen Erzählungen mit schlecht verhehlter Verachtung zugehört hatte. »Ihr seid beide nicht gescheit! Meine Mädchen spielen mir keine solchen Streiche, das sage ich euch!«
»Wirklich! Wie fangt Ihr's denn an?« forschte Marks rasch.
»Wie ich's anfange? Ich kaufe eine Dirne, und wenn sie ein Kleines hat, das ich verkaufen will, so trete ich vor sie hin und halte ihr die Faust vor's Gesicht und sage: ›Höre mal, wenn du auch nur ein Wort hören läßt, so zerschmeiße ich dir's Gesicht – ich will kein Wort hören – keine Silbe.‹ Ich sage zu ihnen: ›Das Kleine da ist mein und nicht dein, und du hast ganz und gar nichts damit zu tun. Ich verkaufe das Kind bei der ersten Gelegenheit; hütet Euch wohl, mir mit Eurem Lärm darüber zu kommen, oder Ihr sollt mir wünschen, Ihr wäret nie geboren worden.‹ Ich sage Euch, sie sehen, daß ich nicht mit mir spaßen lasse. Sie bleiben so stumm wie die Fische, und wenn ja eine anfängt, dann –« und Mr. Loker schlug die Faust mit einer Kraft auf den Tisch, welche die Lücke vollständig ergänzte.
»Das nenne ich mir Energie«, sagte Marks, indem er Haley in die Seite stieß und beifällig kicherte. »Ist nicht Tom ein Hauptkerl! He, he, he! Ich sage, Tom, ich rate, Ihr macht's ihnen begreiflich; denn die Niggerköpfe sind alle wollig. Sie bleiben nie unklar über das, was Ihr meint, Tom. Wenn Ihr nicht der Teufel seid, Tom, so seid Ihr sein Zwillingsbruder, behaupte ich.«
Tom nahm das Kompliment mit schicklicher Bescheidenheit an und machte ein so leutseliges Gesicht, als sich mit seiner grämlichen Natur vertrug.
Haley, der sehr reichlich von dem Getränk des Abends genossen hatte, fing jetzt an, eine beträchtliche Erregung und Erhöhung seines sittlichen Gefühls zu empfinden – ein Phänomen, das bei Leuten von frommem und nachdenklichem Charakter unter ähnlichen Umständen nicht selten ist.
»Ihr seid wirklich zu schlecht, Tom, wie ich Euch immer gesagt habe. Ihr wißt, Tom, wir beide haben diese Sachen unten in Natchez oft besprochen, und ich bewies damals stets, daß wir ebensoviel verdienten und uns ebensogut in dieser Welt befänden, wenn wir sie gut behandelten, außer daß wir eine bessere Aussicht behalten, da oben im Himmel einen Platz zu finden, wenn das Schlimmste kommt und nichts mehr zu holen ist.«
»Bah!« sagte Tom. »Weiß ich das nicht – macht mich mit solchem Gerede nicht krank – mein Magen ist ohnedies ein bißchen angegriffen«, und Tom schüttete ein halbes Glas reinen Branntwein hinunter.
»Ich gestehe es«, sagte Haley, indem er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und mit Nachdruck gestikulierte, »ich gestehe es, ich habe immer mein Geschäft betrieben, um Geld dabei zu verdienen; das war das Erste bei mir, wie bei jedem andern Menschen; aber das Geschäft ist nicht alles, und Geld ist nicht alles, weil wir Seelen haben. Mir ist es ganz gleich, wer es hört – und ich glaube, ich habe verdammt viel darüber nachgedacht; deshalb kann ich es auch offen heraussagen. Ich glaube an Religion, und mit der Zeit, wenn ich alles eingerichtet und in Ordnung habe, so rechne ich, mich um meine Seele und alle diese Sachen zu bekümmern: Und was nützt es daher, mehr Böses zu tun, als gerade notwendig ist? – Das scheint mir gar nicht klug zu sein.«
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