»Euer Herr hält wahrscheinlich keine Hunde«, sagte Haley gedankenvoll, während er sich fertigmachte, aufs Pferd zu steigen.
»Oh, eine ganze Menge«, sagte Sam triumphierend, »erstlich Bruno das ist ein Hauptkerl! Und außerdem hält sich fast jeder Nigger irgendeinen Köter.«
»Bah!« sagte Haley – und er sagte noch etwas mit bezug auf die Hunde, worauf Sam brummte: »Ich sehe keinen Grund, sie zu verfluchen, ganz und gar nicht.«
»Aber euer Herr hält keine Hunde (ich weiß es ziemlich sicher), um Niggern nachzuspüren.«
Sam wußte recht gut, was er meinte, aber sein Gesicht behielt eine Miene aufrichtigster und verzweifelter Einfalt.
»Unsere Hunde hier haben alle recht gute Witterung. Ich glaube, sie sind die rechten, obgleich sie noch keine Übung gehabt haben. Aber es sind schlaue Hunde, zu fast allem zu gebrauchen, wenn sie einmal die Witterung haben. Bruno, hier!« rief er und pfiff dem großen Neufundländer, der sogleich schwerfällig auf sie zugesprungen kam.
»Hol' euch der Henker!« sagte Haley und setzte sich aufs Pferd. »Nun aufgesessen.«
Sam schwang sich gehorsam in den Sattel und wußte dabei geschickt Andy zu kitzeln, worauf Andy in ein Gelächter ausbrach, gar sehr zu Haleys Entrüstung, der mit der Reitpeitsche nach ihm schlug.
»Ich wundere mich über dich, Andy«, sagte Sam mit schrecklichem Ernst. »Das ist 'ne ernste Sache, Andy. Du darfst nicht läppschen. So können wir Master nicht helfen.«
»Ich werde den geraden Weg nach dem Flusse einschlagen«, sagte Haley mit Bestimmtheit, als sie die Grenze des Grundstücks erreicht hatten. »Ich kenne schon ihre Weise – sie suchen alle die Niederung zu erreichen.«
»Gewiß, das meine ich auch«, sagte Sam. »Master Haley trifft das Ding recht in der Mitte. Es gehen zwei Wege nach dem Fluß – der Dreckweg und die Landstraße – welchen Weg will Master reiten?«
Andy sah Sam unschuldig an, ganz erstaunt, diese neue geographische Tatsache zu vernehmen, aber bestätigte durch eine heftige Wiederholung auf der Stelle, was jener sagte.
»Ich möchte fast meinen, daß Lizzy den Dreckweg gegangen, weil er am wenigsten lebhaft ist«, sagte Sam.
Obgleich Haley ein sehr alter Fuchs und von Natur zum Mißtrauen geneigt war, so schien ihm doch diese Ansicht der Sache viel Wahrscheinliches für sich zu haben.
»Wenn ihr nun beide nicht so verdammte Lügner wäret!« sagte er nachdenklich, wie er einen Augenblick überlegte.
Der nachdenkliche Ton, mit dem er dies sagte, schien Andy über die Maßen zu ergötzen; er blieb ein wenig zurück, und der Bauch wackelte ihm so sehr, daß er wirklich Gefahr zu laufen schien, vom Pferde zu fallen, während Sam unbeweglich sein ernstes Leichenbittergesicht beibehielt.
»Natürlich kann es Master machen, wie er will«, sagte Sam. »Wenn es Master für gut hält, reiten wir den geraden Weg – uns ist's einerlei. Jetzt, wenn ich mir's recht überlege, meine ich, der gerade Weg ist ganz bestimmt der beste.«
»Sie würde natürlich einen einsamen Weg gehen«, sagte Haley, welcher laut dachte und Sams Bemerkung nicht beachtete.
»Das weiß man nun nicht«, sagte Sam. »Weiber sind kurios. Sie tun nie, was man erwartet, am gewöhnlichsten das Gegenteil. Weiber sind von Natur wider den Strich gemacht; und denkt man, sie sind den Weg gegangen, so ist's gewiß besser, den andern zu gehen, und dann kann man sicher sein, sie zu finden. Meine Privatmeinung ist nun, Lizzy hat den Dreckweg gewählt, deshalb halte ich es für besser, wir reiten den geraden.«
Diese tiefe psychologische Ansicht von dem weiblichen Geschlechte schien Haley dem geraden Wege nicht besonders geneigt zu machen, und er erklärte mit Bestimmtheit, daß er den andern einschlagen werde, und fragte Sam, wann sie ihn erreichen würden.
»Noch ein Stückchen weiter«, sagte Sam und gab Andy einen Wink mit dem Auge, das sich auf dessen Seite des Kopfes befand, und dann setzte er hinzu: »Aber ich habe mir die Sache überlegt und bin überzeugt, wir sollten den Weg nicht reiten. Ich bin ihn noch niemals geritten. Er ist verzweifelt einsam, und wir können uns verirren – wo wir wieder rauskommen würden, weiß nur der Herr.«
»Dennoch reite ich diesen Weg«, sagte Haley.
»Da fällt mir auch noch ein«, meinte jetzt Sam, »ich glaube, ich habe gehört, daß der Weg unten beim Kreek ganz und gar verhauen ist, nicht wahr, Andy?«
Andy wußte es nicht gewiß, er hatte nur von dem Wege reden hören, war ihn aber nie gegangen. Kurz er kompromittierte sich nicht im geringsten.
Haley, der gewohnt war, bei der Berechnung von Wahrscheinlichkeiten nur zwischen Lügen von schwererem und leichterem Gewicht zu wählen, entschied sich zugunsten des früher erwähnten Dreckwegs. Er glaubte, bemerkt zu haben, daß die erste Erwähnung desselben von Sams Seite unfreiwillig war, und seine konfusen Versuche, ihn davon abzubringen, hielt er für verzweifelte Lügen, veranlaßt durch spätere Überlegung, um Elisa nicht zu schaden.
Als ihm daher Sam den Weg wies, lenkte Haley rasch auf denselben ein, und Sam und Andy folgten ihm.
Der Weg war in der Tat eine alte Straße nach dem Flusse, war aber seit dem Bau der neuen Landstraße ganz verlassen. Ungefähr eine Stunde weit war er offen, aber dann sperrten ihn verschiedene Farmen und Fencen. Sam wußte das recht gut; eigentlich war der Weg schon so lange gesperrt, daß Andy nie etwas von ihm gehört hatte. Er ritt daher mit einer Miene pflichtschuldiger Unterwürfigkeit seine Straße und stöhnte nur manchmal und klagte, daß er so verzweifelt schlecht und gefährlich für Jerry sei.
»Na, ich will euch was sagen«, sagte Haley, »ich kenne euch; es gelingt euch nicht, mit allen Eurem Schwätzen mich von dem Wege abzubringen – also seid still!«
»Master mag seinem eigenen Willen folgen!« sagte Sam mit kläglich gehorsamem Gesicht, aber zu gleicher Zeit höchst schlau Andy zuwinkend, dessen Freude jetzt nahe am Losplatzen war.
Sam war in der heitersten Laune, stellte sich, als gäbe er auf das alleraufmerksamste acht, rief das eine Mal, er sehe einen Mädchenhut auf der Spitze eines entfernten Hügels oder sagte zu Andy: »Ist das da unten in der Tiefe nicht Lizzy« – und diese Ausrufungen machte er stets auf einer schlechten oder holprigen Stelle des Wegs, wo rascheres Reiten allen Beteiligten ganz besonders unangenehm war. Auf diese Weise behielt er Haley in beständiger Aufregung.
Nachdem sie auf diese Weise ungefähr eine Stunde geritten waren, sahen sie sich plötzlich an einem Scheunenhof, der zu einer großen Farm gehörte. Keine Seele war zu sehen, da alles auf dem Feld beschäftigt war; aber da die Scheune ganz entschieden und deutlich quer über den Weg stand, so war es offenbar, daß ihre Reise in dieser Richtung ganz bestimmt ihr Ziel erreicht hatte.
»Habe ich das Master nicht gleich gesagt«, sagte Sam mit einer Miene beleidigter Unschuld. »Warum will auch ein fremder Herr mehr von einer Gegend kennen, als die dort geboren und aufgewachsen sind?«
»Du Schuft! Du hast alles gewußt!«
»Habe ich Ihnen nicht gesagt, was ich wußte, und wollten Sie mir denn glauben? Sagte ich Master nicht, der Weg sei versperrt und verhauen und ich glaubte nicht, daß wir durchkommen könnten? Andy hat's gehört.«
Alles war zu wahr, um es bestreiten zu können, und der arme Mann mußte seinen Ärger mit der besten Miene, deren er fähig war, einstecken. Alle drei machten wieder rechtsumkehrt und ritten nach der Landstraße zurück.
Infolge all' dieser verschiedenen Verzögerungen ritten sie erst ungefähr drei Viertelstunden, nachdem Elisa ihr Kind in der Dorfschenke aufs Bett gelegt hatte, in den Ort ein. Elisa stand am Fenster und sah nach einer andern Richtung, als Sams rasches Auge sie entdeckte. Haley und Andy ritten ein paar Schritt hinter ihm. In dieser Krisis ließ Sam sich den Hut vom Kopf wehen und stieß einen lauten und charakteristischen Ausruf aus, der sie sofort aufmerksam machte; sie zog sich rasch zurück, und der ganze Zug ritt vor dem Fenster vorbei nach der Vordertür der Schenke.
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