Nach und nach setzen sich die Duellanten erschöpft an die Seite, bis nur noch Björn steht. Bisher konnte ihn niemand richtig fordern, aber nun stellt sich ihm Gorm zum Kampf. Björn gibt sein bestes. Die anderen sind von diesem fantastischen Kampf begeistert. Sie johlen und feuern die beiden Kontrahenten abwechselnd an. Björn kann einige Zeit erfolgreich gegen seinen Zugmeister ankämpfen, aber zum Schluss ist er Gorm doch technisch unterlegen.
Ab diesem Moment steht Björn im Mittelpunkt der Truppe. Beim Abendessen scharen sich die anderen um ihn und wollen alles über ihn wissen. Über seine Familie, seine Arbeit und besonders über seinen Lehrer. Felix wird dabei an die Seite gedrängt und steht wieder im Abseits. Bevor aber sich alle auf ihre Schlafstellen begeben, geht Björn noch zu ihm. Er will mehr über den Orden der Bewahrer wissen und wieso Felix den Zug begleitet. Und so berichtet dieser:
„Unser Orden existiert schon seit mehreren Generationen. Niemand, selbst die Ältesten von uns, können sich an dessen Gründung erinnern. Wir leben auf einem Gutshof in der Nähe von Neappa. Wir bewirtschaften unsere Felder und auch sonst ist unser Leben recht unspektakulär. Aber jede freie Minute sprechen wir miteinander und lernen das Wissen der jeweils anderen. Manchmal unternehmen Ordensbrüder weite Ausflüge, um bisher unbekannte Gegenden auf unserer Welt zu erkunden. So haben einige von uns im Norden von Neappa riesige, verwüstete Felder entdeckt, auf denen keine Pflanze wuchs. Oder die besagten Ruinen. Die Ruinenfelder sollen sich über ein Areal erstrecken, dass um ein Vielfaches größer ist als deine oder meine Heimatstadt.“
„Und was macht ihr mit all dem Wissen.“
„Wir zeichnen zum Beispiel Karten von unserer Welt. Willst du eine sehen?“
Björn schaut etwas verunsichert. Er weiß nicht, was eine Karte sein soll und auch als Felix ihm ein Stück Stoff mit bunten Mustern vorlegt, hilft ihm das nicht.
Mühsam bekommt er alles erklärt. Das Meer, die Küstenumrisse sowie die Straßen und Wege. Es ist auch der Strom Tiger eingezeichnet und so kann Björn nun nachvollziehen, wo sich die steinerne Brücke befindet. Am meisten muss sich Björn aber damit abfinden, dass die komischen Striche Runen seien sollen, aus denen man den Namen einer Sache „lesen“ kann. So etwas kannten in Sizza höchstens die Schreiber und Weisen. Aus den Zeichen S i z z a soll Sizza zu deuten sein. Er kommt sich so unwissend vor.
Die nächsten Tage fragt er Felix während der gesamten Marschzeit aus. Abends, nach dem täglichen Duelltraining, versucht er, Lesen und Schreiben zu lernen. Begierig nimmt Björn jeden Tropfen Wissen in sich auf.
Am siebten Tag lagern sie in der Sichtweite einer der großen Ruinenstätten. Diese Gelegenheit möchte sich Felix auf keinen Fall entgehen lassen. So bitten Felix und Björn den Zugmeister, die Gegend erkunden zu dürfen. Aber erst nachdem sie mehrfach versichert haben, sehr vorsichtig zu sein, dürfen sie los.
Felix hatte vor Jahren zum ersten Mal von solchen Stätten gehört, konnte sich aber nie die wahren Ausmaße hiervon vorstellen. So weit das Auge reicht, nur Ruinen. Alle ragen nur wenig über die Vegetation hinaus, aber die rechteckigen Umrisse von den Gebäuden sind klar zu erkennen. Ehrfurchtsvoll gehen sie zwischen den Gemäuern auf den ehemaligen Straßen durch die "Stadt". Wer hier wohl gelebt haben mag? Es müssen viele tausend Menschen gewesen sein oder sogar noch viel mehr. Aber wo waren sie nun? Was war passiert? Und wann? Je länger sie herumschlendern, um sehr mehr Fragen tun sich ihnen auf.
Björn fällt als erstes auf, dass die Straßen, auf denen sie gehen, fast perfekt glatt sind. An wenigen Ecken hat sich Unkraut durch den grauen Belag gedrückt, aber ansonsten ist er fugenlos und extrem hart. Keine festgestampfte Erde und keine verlegten Steine. Was für ein Wundermaterial ist das?
Mit vor Staunen weit aufgerissenen Augen folgen sie langsam den ehemaligen Straßenzügen. Nur hin und wieder blockieren ein paar Steine den Weg und sie müssen vorsichtig darüber klettern. Plötzlich kommt ein Brocken davon ins Rutschen und Björn muss hastig zur Seite springen, damit er nicht getroffen wird. Als er an die Stelle schaut, an der vorher der Stein gelegen hat, entdeckt er etwas Glitzerndes im Staub.
Vorsichtig zieht er eine kleine, flache Scheibe heraus. So ein Material hat er noch nie gesehen. Es ist sehr fest, fühlt sich kalt an und er kann sich fast in der glatten Oberfläche spiegeln. Im Sonnenlicht bekommt das sonderbare Ding einen wunderschönen, lila Schimmer.
„Es ist aus PiReM!“ stöhnt Felix auf
„Es ist aus was…?“
„PiReM. Es ist ein ganz besonders hartes und äußerst seltenes Material. Wir, die Bewahrer, haben schon viel damit experimentiert und uns erscheint es nahezu unzerstörbar. Nur im Feuer, zumindest wenn es unvorstellbar heiß brennt, schmilzt das Material und dann kann man es in eine neue Form gießen. Wir vom Orden sammeln seit Jahrzehnten jeden kleinen Brocken und haben im letzten Winter endlich genug zusammen gehabt, um eine neue Art von Waffe zu erstellen. Ein Schwert vollständig aus PiReM. Es ist absolut stabil und super scharf.“
„Und was macht ihr mit dem Schwert jetzt?“
„Ich bringe es an die Grenze und suche einen würdigen Krieger, dem ich es übergeben kann. Wir vom Orden hoffen, damit dem Schutz unserer Heimat zu dienen. Ich habe es seitlich an meinem Tornister verborgen.“
Björn muss leise in sich hinein grinsen, denn nicht nur er versteckt ein besonderes Schwert.
Felix schaut sich noch länger den Fund an und dreht ihn mehrfach in den Händen. Aber erst Björn erkennt im Gegenlicht, dass auf der soeben gefundenen Scheibe einige Runen in zittrigen Buchstaben eingeritzt sind. Mit gemeinsamen Anstrengungen können sie den Text nach einiger Zeit entziffern:
"Der schwarze Schatten hat alles zerstört. Er wird auch uns töten!"
Tom fährt mit seinem neuen Porsche zur Arbeit. Seitdem er den neuen, sehr gut bezahlten Job im Labor von Trenton, New Jersey, hat, kann er sich solche Träume erfüllen. Endlich hat er diesen Punkt in seinem Leben erreicht. Mit 34 Jahren wird es aber auch nach seiner Meinung Zeit. Was hat er nicht alles dafür getan?
In seinem alten Job lief es auch nicht eben gradlinig. Oft musste er seine Ellenbogen massiv einsetzen, um schneller weiterzukommen. Er bereut aus heutiger Sicht nichts, auch wenn er teilweise mit recht harten Maßnahmen gegen seine Konkurrenten vorgegangen ist. Hin und wieder waren seine Mittel der Wahl nicht nur brutal, sondern sogar illegal. So hatte er jemanden geheime Akten untergeschoben und ihn dann anonym verpfiffen. Eigentlich sollte ja der andere befördert werden, aber so ist er stattdessen aus der Firma geflogen und Tom hat sozusagen als Nachrücker den Posten erhalten.
Aber der Zweck heiligt die Mittel. So ist sein Motto schon immer gewesen. Und der Erfolg scheint ihm Recht zu geben. Wenn er sich anstrengt, alles gibt und sich den Rest einfach nimmt, kann ihm niemand etwas anhaben. So war es immer und so wird es immer sein. Die Zukunft gehört ihm.
In der Firma geht er direkt in sein Büro. Außer seinen Chefs grüßt er niemanden. Dies ist aus seiner Sicht überflüssig und warum sollte er sich mit dem einfachen Leuten auch abgeben? Allerdings wird er auch von keinem einzigen gegrüßt, denn sein Ruf ist ihm bereits vorausgeeilt.
Auf seinem Schreibtisch liegen einige Unterlagen und die neuesten Messwerte seines Experimentes. Sorgfältig und fast liebevoll arbeitet er sich durch die Daten. Alles verläuft wie geplant. Nachdem er seinen Computer gebootet hat, ruft er seine E-Mails ab. Die aus seiner Sicht wichtigen beantwortet er sofort, alle anderen Absender werden wohl wie immer vergeblich auf eine Rückmeldung warten.
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