Sofort hellte Saras Miene sich auf.
„Du hast recht, ich könnte es versuchen. Es wird zwar nicht leicht, an ihn heranzukommen, aber vielleicht ist das die beste Möglichkeit, die ich habe. Allerdings... er lebt weit im Osten. Ich müsste quer durch das gesamte Mittelland reisen. Das kostet Zeit.“
„Na, auch nich' mehr, als wenn du einfach drauflos suchst.“
Zweiundzwanzig.
Es war keine besonders große Herausforderung gewesen, aber die Größe der Gruppe war ungewöhnlich. Wieder einmal.
Der Drei-Morgen-Wald schien voll mit Hantua zu sein, erst kurz davor waren sie auf einen kleinen Verband von vier Soldaten gestoßen, gleich darauf noch einmal auf einen einzelnen Nachzügler. Und jetzt das. Zweiundzwanzig.
Sie hatten keine Schwierigkeiten gehabt, den Gegnern Herr zu werden. Ein paar der Zrundir-Kämpfer waren keine missgestalteten Kreaturen gewesen, sondern muskelbepackte Männer, die wohl aus Iandals direktem Gefolge stammten und früher im Lande Orio gedient hatten. Es erschwerte den Kampf nicht nennenswert, denn obwohl sie intelligenter waren als die verbündeten Hantua, so waren sie doch weniger kräftig und ausdauernd. Nur ihr Blut schmeckte süßer und wirkte stärker. Lennys überraschte dies nicht, denn es waren genau jene Männer gewesen, die zwölf Jahre zuvor in derselben Schlacht gekämpft hatten wie sie selbst – hinter den Festungsmauern von Orio, dem verfluchten Ort, an dem die Fürstin durch ihre Hand vernichtet worden war.
Die Tatsache, dass sie bereits zweimal innerhalb kürzester Zeit auf Hantuagruppen gestoßen waren, die an Größe alles bislang Gewohnte übertrafen, war nur wenig beunruhigend. Im Kriege kamen solche kurzzeitigen Zusammenschlüsse durchaus vor. Es war auch anzunehmen, dass in diesen Fällen ein früherer orionischer Gefolgsmann die Führung solcher Gruppen übernahm und so dafür sorgte, dass die plumpen Krieger sich nicht allzu schnell selbst an die Gurgel gingen.
Dass dieses Aufeinandertreffen eine weitere Verzögerung mit sich brachte, störte niemanden, am allerwenigsten Lenyca Ac-Sarr. Neben dem Ziel, möglichst schnell Log-Stadt zu erreichen, war es ja vor allen Dingen ihr Ansinnen, recht viele Hantua in den Tod zu schicken. Die großen Schlachten überließen sie den Säbelmeistern und den cycalanischen Heeren, was aber nicht bedeutete, dass sie sich aus jeglicher weiteren Kampfhandlung heraushielten. Genausowenig würden sie es ignorieren, wenn tatsächlich in ihrer Nähe eine ganze Armee aus Zrundir auf die sichelländischen Truppen traf. Aber sie legten es nicht darauf an, erst recht nicht, solange der König Manatars und vor allen Dingen Iandal noch am Leben waren, Diese beiden Männer hatten absoluten Vorrang und ihr Tod würde den Krieg deutlicher entscheiden als jede noch so große Schlacht.
Nicht zuletzt deshalb galt es auch, möglichst lange nicht allzu offensichtlich in Erscheinung zu treten. Sie hätten einen direkteren, schnelleren Weg nach Süden wählen können, über den Ben-Apu und durch die Mittelebenen vielleicht. Doch je länger sie verborgen im Wald blieben, desto besser. Selbst der Fluss, dem sie danach zu folgen gedachten, bot zahlreiche Möglichkeiten sich zu verbergen, dank steiler Uferhänge, dichter Schilfwände und kleinerer Forste, die sich an ihn drängten.
Trotz der berauschenden Wirkung des Bluts von Iandals Soldaten konnten sie es sich jetzt aber nicht erlauben, zu lange auf dieser von Leichen bedeckten Waldlichtung zu bleiben. Sie mussten weiter.
Mit betäubten Sinnen ergriff Lennys die Zügel des Mondhengstes, der wie immer geduldig auf die Befehle seiner Herrin wartete. Wie verschwommen nahm sie die Cas wahr, die sich nun ebenfalls wieder auf das Weiterkommen besannen und die Pferde bestiegen. Keiner machte sich die Mühe, die Toten zu verstecken. Vielleicht würde es nur wenige Stunden dauern, bis man sie fand, vielleicht auch ein oder zwei Tage. Was spielte es schon für eine Rolle? Jeder Gefallene trug die Handschrift der Cycala auf seinem Körper. Aber bis die Nachricht, dass die Gebieter der Nacht das Mittelland mit ihrer Rache überzogen, die Runde gemacht hatten, war ein großer Teil des Heeres schon längst in diese Gegend eingezogen. Zu spät für eine Flucht. Lennys war zufrieden.
Yto Te Vel war der geheimnisvollste Ort, den Racyl je besucht hatte. Er war mit nichts vergleichbar und es kam ihr fast so vor, als begegne sie einer Legende, von der sie zwar schon seit ihrer Kindheit immer wieder gehört, an die sie aber insgeheim nie geglaubt hatte.
Was hatte man ihr damals erzählt? Keine Stadt, eher eine Art Lager. Eine Heimat der Vergessenen, ein Hort der Magie und die Ruhestätte der Vergangenheit. Düster und abweisend für all jene, in deren Adern nicht das reine Blut der Batí floss. Angehörige der anderen Stämme wurden hier genauso misstrauisch behandelt wie Fremdländer und wenn kein Fürsprecher der Batí sie begleitete, so wurde ihnen der Zutritt ganz und gar verwehrt.
Die erste Begegnung mit Yto Te Vels Wächtern hatten sie schon einige Stunden zuvor gehabt. Der Nordwald war so dicht und finster, dass selbst Rahors Schwester die schwarzen Späher erst bemerkt hatte, als sie ihnen in den Weg traten. Sie verneigten sich knapp vor Mondor und Wandan, würdigten weder Racyl noch Mo eines Blickes und sagten in cycalanischer Sprache:
„Wir begrüßen unseren hohen Herrn Mondor und den großen Krieger Wandan. Bürgt ihr für Jene, die obgleich sie unreinen Blutes sind, unsere Stadt zu betreten gedenken?“
Mondor zuckte mit keiner Wimper.
„Dies ist Racyl Req-Nuur, Tochter des Kriegers Celdros und einer Mutter aus dem Stamme der Mituan. Sie ist die Halbschwester des hohen Cas Rahor Req-Nuur. Und bei mir ist auch Mo-Lahan Qin vom Stamm der Enca, Erster Diener im Hause des Cas Balman. Ich bürge für sie und wiederhole ihr Ehrenwort, unsere Gesetze zu achten.“
Wieder verneigten sich die Batí-Wachen.
„So teilet euren Gästen mit, dass ihnen gestattet ist, die Heimat der Vergessenen zu schauen, jedoch dürfen sie nicht allein auf ihren Wegen gehen und sollen die ihnen zugedachte Unterkunft nur verlassen, wenn dies unabdingbar ist.“
Die Wachen machten den Weg, den sie versperrt hatten, wieder frei. Kaum, dass sie außer Hörweite der beiden Späher waren, machte Mo seinem Erstaunen Luft. „Ich dachte immer, du wärst der Oberste Batí von Yto Te Vel, Mondor? Das klang gerade nicht sehr respektvoll.“
„Mein lieber Freund, da irrst du dich. Unsere Regeln hier sind streng und gelten für mich ebenso wie für jeden anderen. Ich wäre enttäuscht gewesen, wenn man mir eine Vorzugsbehandlung gewährt hätte. Im übrigen ist die Wortwahl der Batí, wenn sie auf andersstämmige Besucher treffen, sonst weit weniger freundlich. Wandan kann dies sicher bestätigen.“
Der alte Cas nickte.
„Ja, sie haben sich schon sehr am Riemen gerissen. Wir sollten ihnen zeigen, dass wir ihre Worte und unsere Gesetze dennoch ernst nehmen. Geht nicht aus dem Haus, wenn es nicht unbedingt nötig ist. Und wenn ihr es tun müsst, so nur in Mondors oder meiner Begleitung. Alles andere wäre eine Beleidigung der hier lebenden Batí.“
Racyl und Mo versprachen, sich an die Anweisungen zu halten, auch wenn beiden immer noch ein wenig unwohl bei dem Gedanken war, gleich einen Ort zu betreten, an dem sie so wenig willkommen waren.
Bald darauf schimmerte Licht durch die dunklen Kiefern und Fichten hindurch. Wachtürme wurden sichtbar, nicht sehr hoch, aber dadurch nicht weniger bedrohlich. Sie waren aus schwarzem Stein gebaut und ungeübten Augen wurden sie erst offenbar, wenn man direkt davor stand. Man konnte nicht sehen, wie viele Batí sich wirklich darin befanden, aber aus schmalen Scharten deuteten silberne Pfeilspitzen geradewegs auf den Weg, der an ihnen vorbeiführte.
Und dann sah Racyl zum ersten Mal in ihrem Leben den sagenumwobenen Ort, von dem sie schon so viel gehört, vom Gehörten aber so wenig geglaubt hatte.
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