Jedenfalls holte mich Wiff dort ab. Es war schon dunkel, und unser Heimweg war weit. Das vergaß ich jedoch völlig, weil mir mein Bruder eine lange Geschichte von einem riesigen Schiff mit vier Schornsteinen erzählte, auf dem viele Menschen tanzten, speisten und sich vergnügten, das aber von einem Eisberg gerammt wurde und mit all den Menschen mitten in der Nacht im eisigen Meer versank. Gleich zwei unerhörte Eindrücke an einem einzigen Tag!
In Wiffs Bodenzimmer hatte es mir eine umfangreiche Bildchen-Sammlung besonders angetan, die ich stundenlang betrachtete. Nein, keine Fußballbildchen damals, noch lange nicht, und schon gar nicht im Hohmann-Haus, denn dort waren einige Dinge gewaltig verpönt. Die Sammelbildchen waren, glaube ich, Miniaturen von Kunstbildern – schwarz-weiß. Auseinander geschnippelte Katalogseiten? Wer weiß, kostbar und besonders für mich allemal.
Ich als Kleinste hatte im Erdgeschoss Quartier bezogen. Mein Bett stand unter dem Fenster, gegenüber eine Kommode, die wohl Wäsche und Strümpfe aller Familienmitglieder enthielt. Und in meinem Zimmerchen neben eben dieser Kommode sehe ich häufig meine Schwestern sitzen. Singend, Socken stopfend, Teenager ihrer Zeit eben. Protest? Niemals.
In meinem kleinen Zimmer hatte ich einen meiner klarsten Kindheitsträume, an die ich mich erinnern kann: Ich öffne die Tür der Kommode und bekomme einen wahnsinnigen Schreck. Zu Recht, denn darinnen sitzt eine Hexe und bewirft mich mit Sockenknäueln. Ich habe damals wohl den (Alb)Traum meiner Schwestern geträumt.
Erfreulich war jedoch einmal der Besuch von Onkel Hans. Ich lag schon im Bett und hatte einen dick verbundenen großen Zeh. Onkel Hans bedauerte mich und legte mir ein ungeheuerliches silbernes Markstück auf meinen verbunden Fuß. Damit würde mein Zeh am besten heilen, das wüsste er genau. Ich glaubte es ihm zutiefst. So ein Geldstück hatte ich noch nie besessen. Meins!
Was war anders bei uns? Was war verpönt? Als Kind vergleicht man natürlich noch nicht. Dass wohl jeden Abend Musik erklang, die mich beim Einschlafen begleitete, war einfach nur schön und vertraut. Wiff, der auf der Geige immer wieder das Violinkonzert a-Moll von Bach übte. Zu seinen Füßen saß ich oft dabei. Eleni spielte Querflöte, Anna-Maria ebenfalls Geige.
Zu häufigen Hauskonzerten kamen Freunde und Nachbarn. Ich durfte solange aufbleiben, bis es Bettzeit war. Manchmal durfte ich sogar die Noten umblättern. Dann stand ich aufmerksam neben meinem klavierspielenden Vater und wartete, dass er seinen Kopf mit dem längeren, vollen Haar einmal kräftig nach hinten warf und blätterte auf dieses Signal hin blitzschnell eine Seite weiter. Wenn ich zu Bett gegangen war, musizierten die Großen weiter. Die klassische Musik ist die Musik meiner glücklichen Kindheit.
Klar war, dass andere Musik auf gar keinen Fall sein durfte! Überheblich war von »Bummsmusik« die Rede, wo immer solche ertönte. Im Radio (wir hatten nie eines), im Fernseher (schon gar nicht), bei Ausflügen in Kurorte. Wenn in diesen Kurparkmuscheln Unterhaltungsmusik erklang, suchte Papasan mit seiner Familie das Weite, nicht ohne vorher wüst gelästert zu haben über diese Art der Töne und über die Spießer, die gar noch dazu sich bewegten (tanzten)! Es blieb meiner Mutter und den großen Geschwistern bestimmt nichts anderes übrig, als sich Papasans vernichtendem Urteil über solche Unterhaltungseinrichtungen kritiklos anzuschließen.
»Fußball« und »Rauchen« durften nicht einmal als Begriffe vorkommen. Was gar nicht ging war auch, dass wir Mädchen Hosen trugen. Nie durfte so etwas geschehen. Und auf der Straße etwas zu essen, war völlig unmöglich. »Lutscheeis« war etwas ganz Schlimmes. Immerhin bekam ich, gar nicht so selten, einen Eisbecher, silbrig beschlagen der Kelch, und das Papierschirmchen, das im Eis steckte, durfte ich behalten! Papasan hat sein kleines Mädchen oft ins Café ausgeführt, wo er sich selber dann ein Gläschen Eckes Edelkirsch oder Danziger Goldwasser genehmigte. Die großen Geschwister haben solche Erinnerungen nicht.
Etwas ganz besonderes war die legendäre Fahrt nach Sizilien Ostern 1956, unmittelbar vor meiner Einschulung. Damals begann das neue Schuljahr immer nach den Osterferien. Der Beruf des Diplom-Ingenieurs brachte für Papasan mehr Außendienst als Büroarbeit mit sich. Der seltenere Bürodienst wurde in der Tiestestraße, im TÜV-Gebäude, ausgeübt. Dorthin marschierte ich als frischgebackenes Schulkind oft von der Schule am Maschsee. Das Überqueren der großen Straßen an den Ampeln hatte Papasan manchmal vorher mit mir geübt. Das heißt, er bezog Position auf der bereits von ihm überquerten Hildesheimer Straße an der Kreuzung mit dem Altenbekener Damm. Ich hatte gelernt, auf Grün zu warten und trotzdem nach Autos zu schauen, und dann alleine über die Straße zu gehen. Das ging auch immer gut, und im TÜV-Gebäude angekommen, wartete ich dann beim Hausmeister und bekam wahlweise eine ganze Tüte Hustelinchen oder Em Eukal , die von Papasan selber bevorzugte Sorte Lutschbonbons. Und die Heimfahrt konnte angetreten werden, wenn er mit der Büroarbeit fertig war und mich beim Hausmeister abgeholt hatte. Dann bestiegen wir den neuen VW-Käfer, das dunkelblaue »Käferchen«. Dieses war kurzfristig auf Raten angeschafft worden und der ganze Stolz der Familie. Die Dienstfahrten von Hannover bis in den Harz, bis nach Alfeld, bis in die Heide, um in dortigen Fabriken Kessel zu prüfen, waren bis dahin vom Vater mit dem Fahrrad unternommen worden. Irgendwo musste Papasan immer geheimnisvoll in einen Kessel kriechen, wenn er nicht zu Hause war.
Nun hatte er also das Käferchen. Mit Beginn der Osterferien war es ausgebaut worden. Die Rückbank war entfernt und durch Stapel von Zeltplanen und Schlafsäcken ersetzt worden. Sicher waren auch die Steppdecken der Schlafsofas der Eltern dabei. Die zusammengefalteten Decken dienten den beiden Schwestern und dem Bruder Wiff als Sitz. Bruder Kim nahm an dieser Reise nicht teil.
Ich selber hatte meinen Platz vorne zwischen den Eltern, der unvermeidliche Steuerknüppel befand sich zwischen meinen Beinen. Sicher durfte ich manchmal auf Muttis Schoß sitzen. Genauer erinnere ich mich jedoch an meinen Platz auf dem Schoß des fahrenden Papasan. Und lenken durfte ich auch, vorzugsweise in den Tunneln – das war möglicherweise eine Legende. Aber nur das! Natürlich war niemand angeschnallt, Sicherheitsgurte gab es noch lange nicht. Und dass es auf den Autobahnen besonders voll gewesen wäre, daran hat niemand eine Erinnerung. Solche habe ich jedoch an einzelne Stationen dieser unvergessenen Fahrt, die insgesamt wohl drei Wochen gedauert hatte:
Wir sitzen auf einer Terrasse an einem Tisch. Der nie vorher gehörte Name »Gardasee« erklang mehrfach. Und Wasser glitzerte. Aber vor allem der Geschmack der ersten Nudeln mit Tomatensoße ist bis heute auf meiner Zunge. Ich habe häufig versucht, diese Soße, die wohl aus völlig unbehandelten Früchten bestand, nachzukochen. Der Geschmack ist jedoch nie wieder erreicht worden.
Der Geruch nach Kalk. Neubauten – noch Ruinen ohne Fenster. Die Hotelgiganten des »Teutonengrills« an der Adria entstanden gerade. Irgendwie muss der Vater die Erlaubnis erhalten haben, dort übernachten zu dürfen, für die Kinder ein Abenteuer. In den sicherlich kostenneutralen Neubauskeletten, in denen die Schlafsäcke ausgerollt wurden, wehte ein kühler März- oder Aprilwind.
Dann weiter südlich in den Italienstiefel. Ich durfte mitstaunen über ein riesiges, achteckiges Gebäude. Von einem Kaiser war die Rede und mir wurden wundervolle Geschichten erzählt. Die Großen tauschten sicherlich historische Realitäten aus, greifbar nah war es, das Castel del Monte .
Und auch in dieser Gegend wird der Vater unkonventionell um billige Unterkunft nachgesucht haben. In einem sehr kleinen Gebäude wurden die Schlafsäcke diesmal ausgebreitet. Am Feuer in der Mitte des runden Häuschens ohne Fenster und Türen waren dunkle, fremdartige Gesichter zu sehen. Die Trulli-Bewohner, bitterarm, die wohl noch nie ein Käferchen gesehen haben, teilten mit uns ihre Polenta und ließen uns nächtigen. Bei der Abfahrt am nächsten Morgen zupften sie an unseren geflickten, aber warmen Wollpullovern. Das Kommando Papasans: „Ausziehen!“, wurde prompt befolgt, und die gastfreundlichen Menschen, sicher noch viel ärmer als wir, strahlten über das Geschenk – wertvoll, sehr wertvoll. Natürlich auch für Mutti, die ihre liebe Not gehabt haben muss, den stets einfallsreichen Mann zu bremsen und die begeisterten Kinder satt und warm zu kriegen. Denn das Geld ausgeben durch den Haushaltsvorstand sprengte immer das Budget, so dass Mutti wohl ständig Geldsorgen gehabt haben muss, obwohl sie selber immer gerne großzügig war.
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