1 ...6 7 8 10 11 12 ...37 Panna Billewicz ging noch einen Schritt vor und wies mit der Hand auf die Tür.
»Hinaus, sage ich!«
Die Ritter wurden bleich; aber keiner sagte ein Wort. Unwillkürlich griffen sie an ihre Säbel, ihre Augen sprühten Funken. – Aber ach! Dieses Haus stand unter dem Schutze des mächtigen Kmicic, und dieses Mädchen war seine Braut. – Es blieb ihnen nichts übrig, als die Beleidigung herunterzuschlucken.
»Wenn man uns hier so liebenswürdig empfängt.« sagte Kokosinski mit vor Wut stockender Stimme, »so bleibt uns – nichts übrig, – als zu gehen, der Hausfrau höflichst für die Gastfreundschaft dankend.«
Er verbeugte sich mit übertriebener Ehrfurcht, und die anderen folgten seinem Beispiele.
Als die Tür sich hinter den Offizieren schloß, fiel Alexandra kraftlos in den Sessel. Mit ihrem Willen und ihrer Stärke war es nun zu Ende.
Die Ritter schlugen den Weg nach Upita ein und machten nach mehreren Stunden in einer Schenke, Doly mit Namen, die zwischen Wolmontowicze und Mitruni lag, Halt. Vor der Schenke standen schon einige Schlitten und gesattelte Pferde. Als die Ritter in die große, finstere Stube eintraten, fanden sie sie schon überfüllt. Die Schlachta der Umgegend saß auf den Bänken oder stand gruppenweise vor dem Schenktisch und trank Bier oder Krupnik, ein Getränk aus Met, Branntwein, Öl und Kräutern. Es waren alles Abkömmlinge der Butryms, lauter kräftige, finstere und ungewöhnlich schweigsame Menschen. Sie trugen graue Halbröcke aus selbstgewebtem Tuch, die mit Schaffellen gefüttert waren, schwarze Ledergürtel und Säbel in schwarzen Scheiden. Zum großen Teil waren es Greise oder halbwüchsige Knaben, die das zwanzigste Jahr noch nicht überschritten hatten; denn die anderen hatten sich alle in Rosien zum Landsturm gestellt.
Beim Anblick der Orszaer Krieger wichen viele vom Schenktisch zurück. Die schöne Kleidung der kriegerischen Schlachta gefiel allen. Und einer von den Anwesenden fragte: »Aus Lubicz? – »Ja.« – »Pan Kmicic' Gesellschaft? – Die also?« – »Ja, – ja, – die!«
Die Ritter tranken Branntwein und Krupnik. Bald erwärmten die Getränke ihr Blut, und das Gefühl der erlittenen Kränkung begann sich allmählich zu legen. – Zend fing an, wie eine Krähe zu schreien: die Ritter lachten; die Edelleute rückten näher heran.
Die am Ofen sitzenden, vermummten Gestalten drehten sich um, und Rekuc erkannte, daß es Frauen waren.
Zend krähte immer weiter. Dann hörte er auf und stöhnte wie ein von Hunden gewürgter Hase. Die Butryms saßen in stummer Begeisterung da.
Plötzlich hörte man Rekuc' piepsende Stimme:
»Elstern sitzen da am Ofen!« Er zeigte auf die Frauen.
»Wirklich,« stimmte Uglik bei.
»Es wäre interessant zu wissen, was die da wollen.«
»Vielleicht sind sie zum Tanzen hergekommen.«
»Wartet 'mal, ich frage,« sagte Kokosinski.
»Schöne Damen, was macht ihr da am Ofen?«
»Wir wärmen uns!« antworteten dünne Stimmen.
»Dafür weiß ich ein besseres Mittel, als am Feuer sitzen. Tanzen, tanzen müßt ihr!« piepste Rehuc.
»Ja, ja, tanzen!« sagte Pan Uglik.
Er holte seine Klarinette hervor, und die Ritter gingen zu den Frauen. Diese sträubten sich, aber nur zum Schein. Wahrscheinlich hätten auch die Edelleute nichts gegen einen kleinen Sonntagstanz gehabt, aber der Ruf der Gesellschaft war ein zu schlechter. Deshalb stand Juzwa Butrym auf, trat vor Pan Kulwiec und sagte grob:
»Wenn Euch ein Tänzchen gefällig ist, so tanzt es mit mir.« »Ich tanze gern mit Mädchen, aber nicht mit Euch.«
Ranicki gesellte sich zu ihnen, er witterte eine Rauferei.
»Wer bist du, Nichtsnutziger?« fragte er und griff zum Säbel.
Uglik hörte auf zu spielen, und Kokosinski rief:
»He, Kameraden, her zu mir, her zu mir!«
Die Butryms sammelten sich auch mit leisem Brummen, wie unwillige Bären.
»Was wollt ihr?« fragte Kokosinski.
»Da gibt's nicht viel zu reden, macht, daß ihr rauskommt!« sagte Juzwa phlegmatisch.
Ranicki schlug Juzwa mit seinem Säbelgriff vor die Brust und schrie: »Schlagt drein!«
Es glänzten die Klingen, die Frauen schrien, ein wüstes Handgemenge begann. Der Hüne Juzwa nahm eine schwere Bank und hob sie wie eine Feder hoch in die Luft.
Bald hüllte eine Staubwolke die Kämpfenden dicht ein; man vernahm nur Geschrei und das Gestöhn der Verwundeten.
An demselben Tage kam Pan Kmicic mit mehreren hundert Soldaten nach Wodokty. Er hatte sie von Upita fortgenommen, um sie dem Groß-Hetman zuzuführen. Es genügte einen Blick auf Pan Kmicic' Freiwillige zu werfen, um zu wissen, wes Geistes Kinder sie waren. Verwahrlosteres Gesindel war wohl in der ganzen Republik nicht aufzutreiben. Aber woher sollte er auch bessere Soldaten bekommen? Die Reste der regulären Truppen hatten sich zurückgezogen, um sich zu reorganisieren. Ein Teil der Schlachta hatte sich der Armee angeschlossen, ein anderer sammelte sich in vom Feinde noch nicht besetzten Wojewodschaften. Zum Landsturm meldeten sich nur wenige in Grodno, aber auch sie gehorchten ihrer Pflicht nur langsam und unlustig. So blieb Pan Kmicic, den zum Teil Vaterlandsliebe, mehr noch Abenteuerlust dazu trieben, nichts anderes, als sich ein Freiwilligenkorps zu schaffen. Er nahm an Leuten, was er bekommen konnte, meist solche, die nichts zu verlieren hatten, und die hofften, sich durch Kriegsbeute bereichern zu können. Unter der eisernen Hand Kmicic' verwandelten sie sich zu kühnen Soldaten, und wäre Kmicic selbst eine positivere Natur gewesen, so hätten sie der Republik viel nützen können. Kmicic selbst aber, der zwar von Natur ein gutes Herz hatte, war durch die fortwährenden Kämpfe und Überfälle sehr verwildert und an Blutvergießen gewöhnt. Und da er als Freiwilliger auf die Hilfe der Regierung nicht rechnen konnte, so verschaffte er sich Proviant, Waffen und Pferde mit Gewalt, teils vom Feind, teils auch von den eigenen Landsleuten. Er und seine Soldaten schreckten vor keiner Art des Raubes zurück, sobald ihnen Widerstand entgegengesetzt wurde. Daher kam es, daß sein Name bald einen schlechten Klang bekam. Der Feind, aber auch die friedliche Bevölkerung, die schon so wie so vom Kriege fast ruiniert war, fürchteten den schrecklichen Partisan und seine Leute.
Mit Grauen sah Panna Alexandra Kmicic' Lumpengesindel vor ihrem Hause ankommen: so sehr ähnelten diese aufgelesenen Menschen in ihrer zusammengeraubten Ausrüstung Wegelagerern.
Alexandra beruhigte sich erst, als Pan Andreas heiter wie sonst ins Zimmer trat und ihr die Hand küßte.
Sie hatte sich vorgenommen, ihn kühl und abweisend zu empfangen, aber unter seinem aufrichtigen und liebevollen Blick schmolz ihr fester Entschluß wie Schnee bei Sonnenschein.
»Er liebt mich! Ohne Zweifel, er liebt mich!« dachte sie.
»Ich habe mich so gesehnt nach dir, daß ich am liebsten ganz Upita verbrannt hätte, um schneller her zu können,« sagte er. »Hole sie alle der Teufel!«
»Und Sie haben dort wieder Ordnung und Ruhe hergestellt? – Gott sei Dank, daß Sie wieder hier sind!«
»Laß mich, mein Schatz, erst ein wenig verschnaufen, dann werde ich alles erzählen. – Wie warm es hier ist bei Ihnen, so gemütlich! Ganz wie im Paradies. Ich möchte mein Lebelang hier sitzen und in diese klaren Augen sehen. – Draußen herrscht ein starker Frost; ein warmer Trank könnte nichts schaden. Auch den Galgenstricken draußen lassen Sie ein Fäßchen Branntwein geben, damit sie sich im Stall wärmen. Ihre Pelze sind ja mit Wind gefüttert.«
»Für sie soll mir nichts zu viel sein, es sind ja doch Ihre Soldaten.« Alexandra lächelte und ging leise hinaus, um ihre Anordnungen zu treffen.
Kmicic ging im Zimmer auf und ab, fuhr sich über seine Haarmähne und drehte seinen Schnurrbart. »Es ist schwer, ihr die ganze Wahrheit zu sagen,« brummte er vor sich hin.
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