»Während der Trauerzeit paßt es sich nicht, darüber zu sprechen.«
»Und werde ich noch lange warten müssen?«
»Großvater bestimmte selbst nicht mehr als ein halbes Jahr.«
»Bis dahin werde ich wie ein Holzspan verdorren. Nehmen Sie es mir nur nicht übel, Panna. Sie sehen mich so streng an wie der Richter den Angeklagten. Meine Königin, was kann ich dafür, daß meine Natur so ist! Bin ich auf jemand böse, so möchte ich ihn in Stücke zerreißen, nachher freilich möchte ich ihn auch wieder zusammenflicken.«
»Es muß schrecklich sein, mit so einem Menschen Seite an Seite zu leben,« sagte Alexandra heiter.
»Auf Ihre Gesundheit, Panna! Guter Wein und ein Degen sind doch das schönste auf der Welt! Warum sollte es schrecklich sein, mit mir zu leben? Ihre schönen Augen werden mich zu Ihrem Sklaven machen, mich, der sich nie einer fremden Macht gebeugt hat. Reichen Sie mir Ihre Hand, holde Schönheit; ich schwöre, Sie sind mir stark ans Herz gewachsen. – Wer weiß, ob ich den Weg nach Lubicz finden werde?«
»So werde ich Ihnen einen Führer mitgeben.«
»O, ich werde auch so hinkommen. Ich bin gewöhnt, nachts umherzuirren. Auch habe ich einen kleinen Jungen aus Poniewiez mit, der muß den Weg kennen. Und dann erwartet mich Pan Kokosinski mit der ganzen Gesellschaft. – Eine feine Familie – die Kokosinskis, – Er ist seiner Ehren verlustig gesprochen, weil er das Haus von Pan Orniszewski ansteckte, seine Tochter entführte und die Dienerschaft tötete. – Ein feiner Kamerad! Panna, geben Sie mir nochmals Ihr Händchen! – Ach, es ist Zeit, daß ich mich auf den Weg mache.«
Die große Danziger Uhr im Eßzimmer schlug Mitternacht.
»Mein Gott, es ist Zeit, höchste Zeit!« schrie Kmicic auf. »Eins nur bitte ich Sie, Panna, lieben Sie mich ein wenig.«
»Später, – später, – Sie werden mich doch besuchen?«
»Täglich! Selbst wenn die Erde mich zu verschlingen drohte.«
Kmicic stand auf und ging in Begleitung der Hausfrau in die Diele. Sein Schlitten stand schon vor der Auffahrt.
»Gute Nacht, meine Königin,« sagte der Ritter, »schlafen Sie gut. Ich für mein Teil werde kein Auge zutun, immer werde ich an Sie denken.«
»Ich werde Ihnen doch lieber einen Diener mit einer Laterne mitgeben; denn bei Wolmontowicze gibt es viele Wölfe!«
»Bin ich ein Schaf, daß ich mich vor Wölfen fürchte! Der Wolf ist der Freund der Soldaten, oft genug kriegt er von ihm Almosen. Auch habe ich meine Waffe bei mir. – Gute Nacht, meine Teure, gute Nacht!«
»Mit Gott!«
Alexandra ging in das Wohnzimmer zurück, und Pan Andreas trat auf die Veranda. Beim Gehen warf er noch einen Blick auf die halbgeöffnete Tür der Gesindestube. Die Mädchen waren noch auf, um den angekommenen Gast noch einmal zu sehen. Pan Andreas warf ihnen eine Kußhand zu und sprang fröhlich auf den Schlitten. Bald hörte man das Geklingel der Schellen; zuerst laut, dann immer leiser, und zuletzt verlor es sich ganz in der Ferne.
Es wurde still in Wodokty, so still, daß Panna Alexandra sich darüber wunderte. Vor ihren Augen stand noch die stattliche Figur des jungen Mannes, in ihren Ohren klangen noch seine Worte, sie hörte sein aufrichtiges, fröhliches Lachen, – und jetzt, nach diesem Gewirr von Lustigkeit und Lachen, umgab sie eine so seltsame Ruhe. – Alexandra strengte sich an, ob sie nicht noch einen Ton der Glöcklein hören könnte, aber nein, sie klingelten jetzt schon in den Wäldern von Wolmontowicze. Und eine quälende Sehnsucht erfaßte das Mädchen; – noch nie im Leben hatte sie sich so einsam gefühlt.
Sie nahm eine Kerze und ging langsam in ihr Schlafzimmer; hier begann sie zu beten. Fünfmal mußte sie von vorn anfangen, ehe sie das Gebet einmal richtig beendete. – Wie auf Flügeln eilten ihre Gedanken hinter dem Schlitten und der darin sitzenden Gestalt her ... Wald auf der einen Seite, – Wald auf der anderen Seite, in der Mitte ein breiter Weg, auf dem er dahinsaust! Zum Greifen deutlich sah Panna Alexandra seinen blonden Schopf, die grauen Augen, die lachenden Lippen und die weißen, scharfen Zähne vor sich. Vergeblich versuchte sie sich selbst zu verheimlichen, wie sehr ihr dieser waghalsige Ritter gefallen habe. Ein wenig hatte er sie beunruhigt, ein wenig erschreckt, aber seine Kühnheit, Fröhlichkeit und Aufrichtigkeit hatten sie doch ganz besiegt. Errötend gestand sie sich, daß selbst sein Hochmut ihr gefiel, wie er mit stolz zurückgeworfenem Kopfe sagte: »Selbst die Fürsten Radziwills haben hier nichts zu suchen.« – Das ist kein schwacher, verweichlichter Mensch. Ein echter Mann und ein Soldat, so recht wie ihn der Großvater liebte, – – – der ist's wohl wert,« so dachte die Panna. Und bald ergriff sie ein ungetrübtes Glücksgefühl, bald eine Unruhe, aber selbst diese war wohltuend.
Sie begann sich auszuziehen, als die Tür knarrte, und Panna Kulwiec mit einer Kerze in der Hand hereintrat.
»Ihr seid lange beisammen gewesen,« sagte sie. »Ich wollte euch nicht stören, daß ihr euch nach Herzenslust aussprechen konntet. Es scheint ein guter Mensch zu sein. Und was meinst du, Alexandra?«
Panna Alexandra antwortete nicht gleich. Sie lief nur auf die Tante zu, umarmte sie und verbarg ihr Goldköpfchen an ihrer Brust. Dann seufzte sie leise: »Ach, Tantchen, Tantchen!«
»Oho!« murmelte die alte Panna mit gen Himmel geschlagenen Augen.
Im Herrenhause zu Lubicz, wohin Pan Andreas fuhr, waren alle Zimmer hell erleuchtet, und wüster Lärm ertönte bis auf den Hof hinaus. Beim ersten Klang der Schellen stürzte die ganze Dienerschaft heraus, um ihren neuen Gebieter, Pan Andreas, zu empfangen. Der alte Verwalter stand mit Salz und Brot und machte eifrig tiefe Bücklinge. Kmicic nahm seine Börse und warf sie auf die Schüssel. Erstaunt, daß von seinen Kameraden keiner herausgekommen war, fragte er nach ihnen.
Die aber konnten nicht zu seiner Begrüßung kommen. Seit drei Stunden saßen sie schon am Tische, der mit Bechern und Krügen reich besetzt war. Wahrscheinlich hatten sie bei ihrem Gelage nicht einmal die Ankunft des Schlittens gehört.
Sobald Kmicic das Zimmer betrat, sprangen alle von ihren Plätzen auf und umringten ihn. Er lachte hell auf, als er sah, wie sie es in seiner Abwesenheit in seinem Hause getrieben hatten. Da kam zuerst der Riese, Pan Jaromir Kokosinski, der durch seine Rauf- und Zanksucht bekannt war. Eine fürchterliche Narbe zog sich über sein ganzes Gesicht hin. Es war Kmicic' »guter Kamerad«. Ihm folgte Pan Ranicki, der des Mordes zweier kleiner Adliger wegen ausgewiesen war. Der dritte, Pan Rekuc, hatte sein Vermögen durchgebracht, teils verspielt, teils versoffen. Er aß seit drei Jahren bei Pan Kmicic das Gnadenbrot. Der vierte, Pan Uglik, war wegen Beleidigung des Gerichtshofes zum Tode verurteilt. Seines Klarinettenspieles wegen genoß er Kmicic' Schutz. Außerdem waren noch da: Pan Kulwiec und Zend, der Zureiter, ein Mann von zweifelhafter Abkunft, der eine große Fertigkeit besaß, Tierstimmen nachzuahmen, und andere Ritter mehr.
Sie alle umringten den lachenden Pan Andreas.
Kmicic nahm einen Becher zur Hand und rief:
»Die Gesundheit meiner Braut!«
»Vivat! Vivat!« schrien alle so, daß die Fensterscheiben erzitterten.
Dann ergossen sich über Pan Andreas eine Menge Fragen.
»Wie sieht sie aus, Andreas? – Ist sie hübsch? – Ist sie so, wie du sie dir vorgestellt hast? – Gibt es mehr solche in Orsza?«
»In Orsza!« schrie Kmicic, »ei, zum Teufel! In der weiten Welt gibt es keine zweite so.«
»Und wann soll die Hochzeit sein?« fragte Pan Ranicki.
»Sobald die Trauerzeit zu Ende ist.«
»Unsinn! Trauerzeit. – Zur Hochzeit legt man doch die Trauer ab, und die Kinder kommen auch nicht schwarz, sondern weiß zur Welt. Drum immer zu, Andreas!«
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