Knapp zwei Jahre später saß ich mit Sonia Seymour Mikich (sie war damals Leiterin des ARD-Studios in Paris und wurde später deutschlandweit bekannt durch die Sendungen Monitor und die Story ) beim Lunch in einem Restaurant im Hafen von Calvi (Korsika). Sie war mit einem kompletten Team angereist, um eine Reportage über Russen in der Fremdenlegion zu drehen. Während des Essens ließ Frau Mikich nur wenig über ihren bis dato brillanten beruflichen Werdegang durchdringen. Unter anderem, so erzählte sie, war sie die einzige westliche Journalistin, die aus der von den Russen eingekesselten, massiv bombardierten Stadt Grosny Bericht erstattete. So sympathisch, kühl und sicherlich auch gewollt distanziert ihr Auftreten mir gegenüber war, so wenig konnte sie ihre Emotion über das dort Erlebte doch verbergen. Immer wieder drang, obschon kaum spürbar, durch, welche Gefahren ihr Metier als Journalistin so mit sich geführt hatte. Ich kenne sehr viele gestandene Männer, die sich nicht in dieses Abenteuer Grosny gewagt hätten, deshalb: Hut ab, Frau Mikich!
Auch mit Adrien Jaulmes hatte ich einige Gespräche. Er war erst Offizier in der Fremdenlegion - diente als Leutnant im Zweiten Fallschirmjäger- Fremden Regiment in derselben Kompanie wie ich - und wurde danach Krisen- und Kriegsreporter. Jaulmes hat damals alle Krisenregionen mit seinen Reportagen abgedeckt: Libanon, Syrien, Palästina, Irak und Afghanistan. Im Jahr 2010 berichtete er für das Magazin „Le Figaro“ unter anderem aus vorderster Front vom Einsatz der Fallschirmjäger der Legion (2. REP) in Afghanistan. Die Fotos, die er und sein Team damals schossen, gingen um die Welt. Mit seiner kühl abwägenden und sehr sympathischen Stimme sagte er mir klipp und klar, was die anderen nur angedeutet hatten: „Die Risikobereitschaft ganz nach vorne zu gehen hat man oder man hat sie nicht. Viele haben sie nicht … aber ohne, so kommen wir alle zum selben Schluss, ohne geht es nicht.“
Einschränkung der Pressefreiheit oder gar ein Verbot, Sklaverei, Unterdrückung, Korruption, Folter und sexuelle Gewalt - in welcher Form auch immer - gehen uns alle an. Zeitnah, direkt und objektiv darüber zu berichten ist jedoch die Aufgabe derer, die es sich zum Metier gemacht haben: Journalisten. Mal junge mal alte Abenteurer, oft erfahrene Korrespondenten, dann wieder unvorbereitete Neulinge. Eines haben sie alle gemeinsam: Sie gefährden ihr Leben und ihre Gesundheit. Krisen- und Kriegsberichterstatter wird, wer vier Eigenschaften besitzt, die wie Blitz und Donner aufeinandertreffen. Neugier, Mut, Ritterlichkeit und Intelligenz. Hinzu kommt eine Berufs-Ethik, die besticht. Diese Einschätzung betrifft die Majorität der Journalisten, mit denen ich in Krisenregionen Kontakt hatte. Leider sind nicht alle so „nobel“. Einige Journalisten, die sich in diese Kriegs- und Krisengebiete wagen, wägen die Gefahren häufig nicht genau genug ab: Sie halten sich für schlauer als erfahrene Militärs und ältere Kollegen vor Ort und wollen sich (am liebsten vor einem Millionenpublikum) profilieren bzw. den Rest der Zunft in den Schatten stellen. Das Schätzen und in Ehren halten dieser totalen und bedingungslosen Berufs-Ethik, fiel mir bei Adrien Jaulmes und ganz besonders bei Sonia Seymour Mikich auf. Was mich jedoch irritierte (mich insgeheim aber auch sehr beeindruckte), war ihr verdammter Mut. Denn trotz hinterhältiger Heckenschützen (deren ebenso simples wie krudes Motto lautet: Leute von der Presse, vom Radio und vom Fernsehen sind Zeugen, und Zeugen müssen weg!), trotz heimtückischer Artillerie, trotz aufgebrachter und nach Blut lechzender Menschenmassen lassen sie sich kaum davon abhalten, ihren Auftrag auszuführen, der da lautet: die Wahrheit ans Tageslicht bringen und / oder einfach neutral zu berichten ohne dabei berufszynisch zu werden. Wer nicht aufpasst und die einfachsten Regeln bricht, der stirbt, so einfach ist das. Wie bei uns, dachte ich, nur dass wir Waffen haben, um uns zu schützen. In gewissen Ländern würde ich nie ohne Waffe die Unterkunft verlassen.
Foto. Bildmitte: Christian BERGER, der Head of the European Commission Technical Assistance Office (ECTAO) umringt von Journalisten und Leibwächter, im Gazastreifen 2009 während der Operation Cast Lead (Gegossenes Blei - Militäroperation der Israelischen Streitkräfte gegen Einrichtungen und Mitglieder der Hamas im Gazastreifen).
Und die Waffen der Journalisten? Nun, um diese Ritter der Wahrheit zu schützen, gibt es eine ganze Reihe von Resolutionen, Deklarationen, Absprachen, Konventionen, Abkommen etc., doch einmal Fuß am Boden und mittendrin im Geschehen (im Krisengebiet), kann man sich hinter diesen Ausdrücken kaum vor den tatsächlichen Gefahren verstecken. Das, was in diesem Metier, das teilweise längst zu einem tödlichen Wettbewerb ausgeartet ist (Konkurrenz, Zeitdruck, am besten mehrere Spots gleichzeitig und für verschiedene Zeitungen oder andere Medien abdecken) an oberster Stelle steht, ist das reale Survival des Momentes, ohne Wenn und Aber. Den Augenblick überleben, um sich bei bester Gesundheit in den nächsten, ebenso gefährlichen, zu stürzen, damit der Job getan, damit Bericht erstattet wird.
Sie arbeiten also demnächst in einem Land, in dem Waffen im Einsatz sind und in dem die Hinterlist eine Tugend ist?
An was Sie jetzt denken sollten, ist:
Eine optimale und gezielte Vorbereitung.
Ein adäquates Training.
Eine rundum soziale Absicherung.
Eine breitgefächerte Information über den Einsatzort.
Sprachkenntnisse.
Kenntnisse über die anzutreffenden Gefahren.
… und wie man ihnen begegnet!
Ich komme im Einzelnen noch darauf zurück.
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