Jeremy rannte einige hundert Meter, nachdem er das Haus verlassen hatte. Schließlich wurde er langsamer und blieb an einer verlassenen Kreuzung stehen. Es regnete stark. Die Tropfen verdampften wenn sie seine Haut berührten. Jeremy bemerkte es nicht. Er dachte darüber nach, warum er seine Wut nicht mehr kontrollieren konnte, aber es gelang ihm nicht eine Antwort auf diese Frage zu finden. Alle Gedanken, die sich nicht um die verdammten Blutsauger oder um Maria drehten verflüchtigten sich schneller, als er sie zu Ende denken konnte. Als wäre ein Loch in seinem Gehirn das alles andere verschluckte. Immer wieder drängte sich der Name Alexis Sedros in den Vordergrund. Er musste eine Möglichkeit finden diese Kreatur ausfindig zu machen. Vielleicht brachte es ihn weiter, wenn er sich an Orten herumtrieb, an denen sich Vampire bevorzugt aufhielten. Möglicherweise machte das einige von ihnen auf ihn aufmerksam. Vor allem dann, wenn er ein paar von denen, die ihm über den Weg liefen beseitigte. Bei diesem Gedanken breitete sich ein Gefühl von... ja, es war so etwas wie Lust, in seinen Eingeweiden aus. Er fletschte die Zähne und leckte sich die Lippen. Dann erinnerte er sich daran, wie er in das Haus des FBI-Beamten gelangt war. Was wenn er versuchte sich auf dieselbe Weise an einen Ort zu versetzen, an dem er auf Blutsauger traf? Er schloss die Augen und versuchte die Kreaturen zu aufzuspüren. Es funktionierte. Er fühlte ihre Gegenwart. Viele von ihnen. Unvorstellbar viele. Überall. Dann begann ihn irgendetwas beinahe magisch anzuziehen. Als er die Augen wieder öffnete stand er auf einem Parkplatz. Dieser Parkplatz schien zu einer Bar zu gehören. Er hatte allerdings keine Ahnung in welcher Stadt er sich befand. Nicht einmal in welchem Bundesstaat, wenn er seine unheimlichen Fähigkeiten richtig einschätzte. Aber das war auch nicht wichtig. Hier mussten sich Vampire aufhalten. Zumindest, wenn er das was er gerade getan hatte, richtig deutete. Lachend und torkelnd verließen zwei Frauen und ein Mann die Bar. Jeremy schnupperte. Jemand wartete auf ihn. Er konnte es riechen. Die drei wankten langsam in Richtung eines abseits stehenden Wohnmobils. Jerry schlich leise durch die Schatten. Einen Augenblick später war er hinter dem Wohnwagen angelangt. Er konnte hören wie die Tür auf der anderen Seite geöffnet wurde. Die beiden Frauen kicherten und drängten den Mann sanft in den Wohnwagen. Die Geräusche deuteten darauf hin, dass die Gruppe sich auf einem Bett niederließ. Jeremy spannte die Muskeln. Der Mann schrie kurz auf und wurde gleich darauf zum Schweigen gebracht. In einer blitzschnellen Bewegung stieß Jeremy die Arme nach vorne wobei seine Fäuste die Wand des Wohnmobils durchstießen. Als er die Hände zurückzog wurde ein Teil der Wand mitgerissen. Der Anblick der sich ihm bot, verstärkte seine Wut noch. Seine glühenden Augen sahen den Mann auf dem Bett liegen. Das Laken war voll Blut. Die beiden Frauen starrten Jerry an. Von ihren raubtierartigen Zähnen troff Speichel der sich mit dem Blut des Mannes mischte. „Noch ein Blutspender!“ zischte eine von ihnen. “Und was für einer. Sie dir diese Kraft an!” Eine der Frauen erhob sich langsam und aufreizend vom Bett. In ihrem Ausdruck lag etwas Gieriges. Jeremy drängte sich durch das Loch in der Wand, packte in derselben Bewegung den Hals der Frau und drückte ihren Kehlkopf nach innen. Röchelnd sank sie zu Boden. Die andere Blutsaugerin versuchte seinen Arm zu packen, griff jedoch ins Leere. Jeremy schlug ihr den Ellbogen mit solcher Gewalt ins Gesicht, das ihr Genick brach bevor sie reagieren konnte. Er wandte sich wieder der anderen Frau zu, die sich um Atem ringend am Boden krümmte. Er drehte sie mit dem Fuß herum. „Bitte …“ stieß sie keuchend hervor. Jerry beugte sich vor und griff nach ihrer Kehle. „Halt die Klappe!“ flüsterte er. „Ich will von dir nur eines wissen. Hast du den Namen Alexis Sedros schon mal gehört?“ Sie wand sich unter seinem harten Griff und sah flehend zu ihm auf. „Ich weiß nicht … ich bin nur …“ Jeremy schloss die Finger fester um ihren Hals. Die Halswirbel gaben knackend nach. Der Körper der Blutsaugerin löste sich in einem Schauer aus glühenden Partikeln auf, die sofort wieder verschwanden. Jeremy richtete sich auf und prüfte flüchtig den Pulsschlag des Mannes auf dem Bett. Die beiden hatten ganze Arbeit geleistet. Der Mann war tot. Jeremy trat in die Nacht hinaus. Eine Flamme züngelte an seiner rechten Hand empor. Langsam drehte er sich um und betrachtete das Wohnmobil für einen Augenblick mit nachdenklicher Mine. Er wollte keine Spuren zurücklassen. Außerdem wusste er nicht, was an den Geschichten dran war, dass sich Menschen die gebissen wurden, manchmal ebenfalls in Blutsauger verwandelten. Vielleicht war das nur mystischer Blödsinn, vielleicht aber auch nicht. Tu es. Feuer loderte auf. Zwei Männer verließen die Bar und bemerkten die Flammen. Sie rannten auf den Wohnwagen zu. Als sie ihn erreichten fiel die Konstruktion bereits knackend in sich zusammen. Das Feuer war außergewöhnlich heiß. „Ruf die Feuerwehr. Und die Cops“ sagte der größere der beiden. „Hier können wir nichts mehr tun. Hoffentlich war da keiner mehr drin“. Einige Meter hinter ihnen, rieselte etwas glühende Asche zu Boden. Sie bemerkten es nicht.
Jim Beaver saß an seinem Schreibtisch. Mit beiden Händen stützte er den Kopf und starrte gedankenverloren auf die Tischplatte. Er hatte sich vor langer Zeit damit arrangiert, dass es Vampire gab. Das alleine war seiner Meinung nach schon schwierig genug. Dass es aber plötzlich jemanden gab, der diese Wesen tötete und schließlich abfackelte war neu. Vampire regelten ihre Streitigkeiten im Allgemeinen unauffällig. Sie hinterließen keine Spuren. Zumindest keine derart auffälligen. Jemand hatte zwei der Monstren bei ihrem Abendmahl überrascht, ihnen das Genick, nebst einiger anderer Knochen gebrochen und ihren Wohnwagen in Brand gesetzt. Das konnte man wohl kaum als unauffällig bezeichnen. Gut. Man hatte außer etwas Asche nichts gefunden, aber einer der Agents des Büros aus Boston hatte die beiden Frauen in dem Wohnwagen observiert und war zufällig Zeuge des Auftritts des Unbekannten geworden. Verständlicherweise hatte der Agent nicht eingegriffen, sondern war so schnell wie möglich abgehauen. Dann war da noch dieser Kerl, der in sein Haus eingebrochen war. Der, dessen Frau von einigen jener Vampire getötet worden war, die entgegen ihrer ungeschriebenen Gesetz Menschen angriffen. Auch die hatten sich seltsam verhalten. Normalerweise machten sie sich nicht die Mühe in irgendwelchen Kleinstädten, in denen sich nach Einbruch der Dunkelheit kaum noch jemand auf der Straße zeigte, nach Opfern zu suchen. Außerdem ließen sie ihre Opfer nicht einfach liegen, nachdem sie sie ausgeblutet hatten. Irgendwas war hier im Gange. Schlussendlich hatte sich Sedros in seinem Haus einen kleinen Kampf mit diesem Mahone geliefert. Warum hatte er den Mann nicht einfach umgebracht? Warum dieses Schauspiel? Beaver seufzte und rieb sich die Augen. Warum musste ausgerechnet Sedros wieder auf der Bildfläche erscheinen? Immer wieder während der letzten zweitausend Jahre war dieser Vampir, der einfach nicht sterben wollte, aufgetaucht und hatte versucht andere davon zu überzeugen, sich den Menschen zu offenbaren und sie als Nahrungsquelle in Anspruch zu nehmen. Glücklicherweise hatte es immer jemanden gegeben, der ihn und seine Anhänger in die Schranken wies. Wer würde das diesmal übernehmen? Das FBI? Die NSA? Unwahrscheinlich. In Wahrheit hätten selbst die beiden Behörden keine Chance gegen die Vampire. .Nicht wenn sie sich zusammenschlossen. Eher würden die Vampire selbst erneut für Ordnung in ihren Reihen sorgen. So wie sie es immer taten, wenn einige von ihnen zu viel Aufmerksamkeit erregten.
Jemand trat neben ihn und riss ihn aus seinen Gedanken. Er hob den Kopf und sah in das abgespannte Gesicht seines Vorgesetzten. Die Abteilung hatte in letzter Zeit alle Hände voll zu tun gehabt. „Hi Jim. Irgendwelche Erkenntnisse?“ fragte Sean Bauer, Direktor der Abteilung für „Stufe 1 Angelegenheiten“ beim FBI. „Erkenntnisse? Nein leider. Ich kann derzeit nur mit neuen Problemen dienen“ sagte Jim. Der Direktor schob seine Brille ein Stück nach oben und gähnte verhalten. „Dachte ich mir. Übrigens … der Kleinstadtbulle – aus Deerfield wo diese Frau gebissen wurde – der könnte auch noch Schwierigkeiten machen. War früher in New York beschäftigt. Lässt angeblich selten locker. Falls er euch in die Quere kommen sollte, dann gib mir Bescheid. Wir wären dann gezwungen ihn aus dem Verkehr zu ziehen.“ Beaver runzelte die Stirn. „Wir können doch nicht…“. Bauer unterbrach ihn schroff. „Wofür hältst du das hier? Wir sind kein Terroristenverein. Natürlich fügen wir ihm keinen ernsthaften Schaden zu. Eine Versetzung, eine Suspendierung. Das Übliche eben.“ „Entschuldige.“ Jim rieb sich die Augen. „Ich bin wohl schon zu lange auf den Beinen und werde langsam paranoid. Es macht mir einfach Sorgen, dass dieser Sedros wieder aufgetaucht ist. Es fällt mir schon schwer zu begreifen, dass dieses Wesen an die 3000 Jahre alt sein soll.“ Die Finger des Direktors hatten sich bei der Erwähnung des Namens sichtlich verkrampft. „Wir müssen den Griechen finden. Bevor er neue Anhänger um sich schart. Wir müssen ihn ein für alle Mal beseitigen. Verstehst du? Egal was es kostet.“ Sean Bauer wandte sich ab und entfernte sich mit schnellen Schritten. „Wunderbar. Jemanden finden, der mehr Erfahrung hat als wir alle zusammen“ murmelte Jim. „Paul! Susan! Durchleuchtet die Archive und gebt mir alles, was ihr über Alexis Sedros finden könnt. Außerdem brauche ich alles was zur Person Jeremy Mahone vorliegt.“ Vielleicht konnten nackte Daten die Leere die in seinem Kopf herrschte füllen. Er hatte einfach keinen Ansatzpunkt. Jim stützte den Kopf wieder auf die Hände. Er machte dort weiter wo er aufgehört hatte. Sein Blick richtete sich auf die Tischplatte. Sedros töten. Wie stellte Sean sich das vor? Der Grieche war viel stärker als die einfachen Vampire mit denen sie es sonst zu tun hatten. An die sie sich heranwagten besser gesagt. Niemand war verrückt genug, sich mit den Anführern anzulegen. Nicht wenn es nicht unumgänglich war. Meistens verloren dabei eine Menge Menschen ihr Leben.
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