„Wollen Sie mich verarschen?“ zischte Jeremy. „Ich warte schon zu lange darauf, dass die Behörden die Mörder meiner Frau zur Rechenschaft ziehen. Ich habe keine Zeit mehr für Ihre Spielchen! Außerdem sollten Sie schon bemerkt haben, dass Sie mich nicht aufhalten können. Meinetwegen spielen Sie Krieg mit Ihrem kleinen Sonderkommando. Ich hole mir diesen Sedros. Ich bin sicher, dass er mir sagen wird, was ich wissen möchte, wenn ich ihn höflich darum bitte.“ Er verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen bei dessen Anblick sich Gänsehaut auf Beavers Armen bildete. Jeremys Augen begannen zu glühen wie kleine höllische Laternen. „Auf Sie komme ich später zurück.“ Die Stimme war mit jedem Wort leiser geworden. Der Beamte saß plötzlich wieder alleine in seinem Büro. Nur ein klein wenig glühende Asche rieselte zu Boden. Jim Beaver griff erneut zu seinem Mobiltelefon. Während er die Nummer seines Vorgesetzten wählte grübelte er, wieso er sich für diesen Job entschieden hatte. Wahrscheinlich war es das Geld gewesen. Sie wurden ausgezeichnet bezahlt, aber auch der Lebensstandard, den er sich deshalb leisten konnte täuschte kaum über die Risiken hinweg, die er dafür tagtäglich einging. Für seinen Geschmack kam die Gewalt seiner Familie mittlerweile verdammt nah. Wie sollte er seine Frau und seine Tochter aus der Schusslinie einer Auseinandersetzung mit unsterblichen Kreaturen bringen, die über eine ganze Menge gefährlicher Fähigkeiten verfügten?
„Ich komme ja schon“. Frank Holden gähnte und hievte sich aus dem Sessel auf dem er eingenickt war. Eine leere Flasche fiel zu Boden. Als er noch Polizeidienst auf den Straßen von New York versehen hatte, war seine Psyche nicht immer in der Lage gewesen, die Dinge mit denen er konfrontiert wurde zu verarbeiten. Um nicht den Verstand zu verlieren hatte er die Gewohnheit entwickelt, an manchen Tagen seine Gedanken in Whiskey zu ertränken. Er war damals nur fünf Jahre in New York geblieben, bevor er nach Deerfield gekommen war. Die alten Gewohnheiten waren nicht mit ihm gekommen. Zumindest hatte er das bis heute geglaubt. Niemals hätte er damit gerechnet, in einem County voller gutbürgerlicher Kleinstädte, in denen bis auf die eine oder andere betrunkene Rangelei rein gar nichts geschah, mit grausig zugerichteten Leichen konfrontiert zu werden. Dazu noch mit denen der Frau seines besten Freundes und eines völlig harmlosen beinahe mittellosen Säufers. Bei beiden fand sich nicht das geringste Motiv für das, was ihnen angetan worden war. Nur einer dieser psychopathischen Serienmörder würde so etwas tun. Frank fragte sich, warum dieser gerade in seinen Zuständigkeitsbereich kommen musste. Er rieb sich die geröteten Augen und streckte den Rücken. Dabei wäre er fast gestolpert. Um sein Gleichgewicht war es nicht besonders gut bestellt. Ein beständiges Hämmern gegen die Vordertüre riss Frank aus seinen Gedanken. Er fragte sich, welcher Irre dort draußen stand. Vorsichtshalber griff er nach seinem Dienstrevolver, der wie meistens im geöffneten Halfter auf dem Tisch lag, bevor er zur Tür ging. Dummerweise hatte beim Bau des Hauses, niemand eine Möglichkeit geschaffen einen Blick nach draußen zu werfen, ohne gleichzeitig die Türe zu öffnen. Nun ja. Normalerweise war so etwas hier auch nicht nötig. Die meisten Leute hier machten sich schon über Nachbarn lustig, die ihre Häuser verschlossen während sie sich darin aufhielten. „Verdammt wer ist da?“ fragte er, ohne wirklich mit einer Antwort zu rechnen. Er bekam auch keine. Stattdessen begann sein unbekannter Gast wieder damit, übertrieben laut gegen die Tür zu hämmern. Den Revolver schräg nach unten haltend, drehte Frank den Schlüssel herum und drückte die Türklinke langsam nach unten. Das nächste was er bewusst wahrnahm, war der kalte Fliesenboden, der sich definitiv zu nahe an seinem Gesicht befand. Er hatte einen Schlag erhalten und war zu Boden geschleudert worden. Er hob den Kopf um festzustellen, wem er die Beule, die sich mit Sicherheit bald bilden würde zu verdanken hatte. Der Alkohol in seinem Blut verwandelte seine Wut in Sarkasmus. „Hi Jerry. Als ich dich gebeten habe, dich bei mir zu melden, habe ich nicht gemeint, dass du mit der Tür ins Haus fallen sollst“. Jeremy zeigte keine Reaktion. Kein Lachen, ja nicht einmal ein Lächeln. Frank erhob sich. „Nachdem du mich niedergeschlagen hast und scheinbar keinen Kommentar dazu abgeben möchtest, komm wenigstens richtig rein.“ Jeremy schwieg weiterhin, trat aber immerhin ein und warf die Tür hinter sich zu. Er folgte Holden der leicht schwankend das Wohnzimmer ansteuerte. Jeremy ließ sich auf der Kante des Sofas sinken und starrte seinen alten Freund beinahe feindselig an. „Du musst mir helfen“ krächzte er. Seine Stimme schien lange nicht zum Einsatz gekommen sein. „Ich brauche Informationen. Ich denke du kannst sie mir relativ einfach besorgen.“ Frank ließ sich in seinem Sessel zurücksinken. „Ich bin Sheriff, kein Auskunftsbüro. Auch für dich nicht. Kommt also ganz darauf an, was du wissen möchtest. Und vor allem, was du damit anzufangen gedenkst.“ Er konnte sehen, dass sich Jeremys Finger verkrampften. Die Spannung die von seinem Freund ausging schien den Raum bis in den letzten Winkel zu erfüllen. „Das Einzige was ich von dir will ist, dass du deinen Polizeicomputer anwirfst und mir alles was du zu einem Kerl namens Alexis Sedros findest, zukommen lässt.“ Frank runzelte die Stirn. „Wie stellst du dir das vor? Was willst du überhaupt von diesem Sedros? Hat das etwas mit …“ sagte Frank. Seine Stimme versiegte, als er versuchte den Namen Maria auszusprechen. Er konnte einfach nicht abschätzen, wie Jeremy darauf reagieren würde. Der Mann, der da vor ihm saß, war zu einem Fremden geworden. „Ja. Hat es. Sedros könnte etwas über Marias Mörder wissen.“ Weder die Stimme noch die Mine von Jeremy hatten sich bei diesen Worten verändert. Er wirkte auf Frank wie ein Automat, der ein festgelegtes Programm abspulte, ohne wirklich auf seine Umwelt zu reagieren. “Na gut” sagte Frank. „Ich werde mich darum kümmern. Weil du es bist. Wir werden diesen Sedros ausfindig machen. Nötigenfalls über die Bundesbehörden.“ Weiter kam er nicht. Plötzlich schwebte Jerrys wutverzerrtes Gesicht nur Zentimeter von seinem eigenen entfernt. „Gib mir was ich verlange und lass die Behörden da raus. Ich will keine verdammte Anzeige aufgeben, verstehst du? Ich will diesen Sedros. Ich sorge schon dafür, dass dieser Kerl alles preisgibt, was er weiß!“ schrie er. Für einen Augenblick war Holden gelähmt. Wer war dieses Wesen, das wie sein Freund aussah, aber sonst kaum etwas mit ihm zu tun hatte? Der Augenblick ging vorüber und der Polizist in ihm gewann die Oberhand. Blitzschnell griff er nach dem Revolver, den er wieder auf dem Tisch neben sich abgelegt hatte und schwenkte die Mündung bis sich Jeremys Brust vor dem Lauf befand. „Verlass mein Haus bevor ich gezwungen bin dich zu verletzen.“ zischte er. Einige Sekunden lang hatte er den Eindruck, dass gleich etwas Schreckliches passieren müsste. Dann trat Jeremy einen Schritt zurück und hob die Hände. „Du hast deine Wahl getroffen. Ich bekomme auch so was ich will“ sagte er tonlos. Dann drehte er sich herum und stürmte in den Flur. Kurz darauf wurde die Tür mit solcher Gewalt zugeworfen, dass die Gläser in den Schränken leise klirrten. Frank atmete tief durch und legte den Revolver mit zitternden Händen beiseite. Er war nicht sicher, ob er es fertiggebracht hätte auf Jeremy zu schießen. Möglicherweise lautete die Antwort darauf Ja und das machte ihm Angst. Wie konnte er ernsthaft darüber nachdenken seinen besten Freund schwer zu verletzen oder ihn gar zu töten? Wie wenig war von dem Mann übrig, mit dem er aufgewachsen war? Frank griff nach der Flasche und setzte sie an den Mund. Nichts. Er setzte die Flasche ab und stellte sie neben dem Sessel auf den Boden. “Mist” murmelte er. Das Ding war natürlich leer, wenn er die Ruhe am nötigsten brauchte, zu der ihm der Alkohol verhalf. Aber wenigstens wusste er jetzt was er zu tun hatte. Einerseits musste er diesen Sedros ausfindig machen und andererseits musste er irgendwie dafür sorgen, dass Jeremy für einige Zeit aus dem Verkehr gezogen wurde. In diesem Zustand war er eine Gefahr für sich und andere. Und er brauchte eine neue Flasche. Vielleicht fand er noch eine im Vorratsraum. Nein. Wahrscheinlich nicht. Aber es schadete nicht, nachzusehen. Franks Hände zitterten.
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