»Aber es ist doch nicht streitsüchtig, zu behaupten, dass auch du ein Mensch bist, der sich manchmal danebenbenimmt. Vielen passiert hin und wieder ein Ausrutscher!«
»Ich bin nicht Viele und ich benehme mich nie daneben!«
Das musste ja kommen: Der Allmächtige ist unfehlbar. Ich bin gezwungen einzulenken, sonst werde ich das Ende des Krimis niemals sehen. »Ganz klar! Ich habe mir einen Scherz erlaubt.«
»Zu solchen Späßen bin ich heute Abend wahrhaftig nicht aufgelegt.«
»Nimm’s mir nicht übel. Ich bin etwas durcheinander. Leicht verwirrt.«
»Da kann ich nur zustimmen. Du schließt von dir auf andere. So einfach ist das Leben nicht. Ich hätte mehr Empathie von dir erwartet. Mein Tag war hart, ich bin ausgelaugt, ausgebrannt vom vielen Reden, Diskutieren und Zuhören, doch nichts auf der Welt würde mich abhalten, täglich meine Frau anzurufen.«
»Warum schickst du nicht eine WhatsApp mit Foto? Das wäre doch schön für mich. Dann sehe ich dein Gesicht!« Unwillkürlich greife ich mir an die Stirn. Bin ich noch bei Sinnen? Wie unklug. Gleich schlägt er FaceTime vor. Es kommt jedoch anders.
»Das genügt mir nicht. Ich möchte deine Stimme hören, um zu wissen, wie es dir geht, wie es den Kindern geht, was ihr heute unternommen habt. Stattdessen verwickelst du mich in eine dumme Konversation, die uns keinen Schritt weiterbringt.«
»Ich bin eben eine dumme Kuh!« Mit dieser negativen Einschätzung meiner Person müsste ich ihn eigentlich loswerden, denke ich hoffnungsvoll.
»Das habe ich nicht gesagt!«
»Aber vermutlich gedacht!« Nein, schreit es in mir. Wie konnte ich nur diesen strategischen Fehler machen?
»Du behauptest, zu wissen, was ich denke?«
Gütiger Himmel. Lass ein Ende in Sicht kommen, denn das Ende des Krimis ist längst in Sicht. Wie soll ich es nur anstellen? Drücke ich einfach auf Aus wird er mich tagelang mit seiner Frustration darüber verfolgen. Sage ich nur einen falschen Satz, verkettet er mich in ein neues Gespräch.
»Oh, entschuldige nochmals! Natürlich kann ich nicht wissen, was du gedacht hast. Ich kann es allerdings annehmen, aber das ist vermutlich ebenso anmaßend. Wissen kann ich nur, was ich denke, und auch da habe ich manchmal meine Zweifel …«
»Helga, ich bitte dich! Hör auf, so wirr zu reden, sonst wird unser Abendplausch gänzlich unerträglich.«
Für mich ist dieser Abendplausch schon unerträglich, aber ich kann ihn nun nicht stoppen. Ich muss in dem Stil weitermachen. »Wahrscheinlich bin ich beschränkt!« Es ist amüsant, auf sich herumzutreten. Und steht nicht in der Bibel, Matthäus 23, Vers 12: Wer sich erniedrigt, wird erhöht werden?
»Das bist du nicht!«
»Geistesgestört bin ich. Hochgradig neurotisch und dumm!« Gib mir Saures.
»Schluss! Ich kann es nicht ertragen, wenn du so von dir redest.«
Das bezweifle ich. Sage es aber nicht. Da der Krimi sich seinem Ende zuneigt, lenke ich wieder ein. »In Ordnung. Dann sage mir bitte, was du noch alles wissen willst.«
»Was ist das denn für eine nutzlose Frage? Ich will wissen, wie es euch geht.«
»Das sagte ich schon: Es geht uns gut.«
»Muss ich dir jedes Wort aus der Nase ziehen?«
»Es geht uns sehr gut.«
»Himmel noch mal, Helga! Was habt ihr gemacht, dass es euch so gut geht?«
»Heute Morgen sind wir aufgestanden. Nach dem Zähneputzen und Frühstück brachte ich die Kinder im üblichen Eiltempo zur Schule. Später holte ich sie wieder ab. Danach: Essen und Schularbeiten, anschließend Computer oder Tablet.
»Willst du mich für dumm verkaufen?«
»Du hast gefragt, was wir gemacht haben, und ich habe es dir runtergespult wie fast jeden Abend.«
»Genau! Wie jeden Abend. Immer dasselbe. Langweiliges Geschwätz. Gab es denn nichts Wesentliches an diesem Tag? Eine Ausstellung?«
»Nein, gab es nicht.«
»Das glaube ich nicht. Du willst mir nichts Wesentliches berichten, weil du mich für einen geistigen Krüppel hältst.«
Was soll das nun? Fishing for compliments or what? Na, die soll er haben. »Du bist der gescheiteste Mann, der mir je über den Weg gelaufen ist.«
»Darauf brauch ich mir nichts einzubilden. Du kanntest und kennst sonst nur Trottel.«
Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen. »Falsch! Meine gesamte männliche Verwandtschaft ist überdurchschnittlich intelligent. Wenn einer blöd ist, dann bin ich es.«
»Lenke nicht ab!«
»Das tue ich nicht. Erkennst du nicht endlich, was für eine ahnungslose Nuss ich bin? Ich kann nicht einmal auf deine Fragen antworten.«
»Dabei ist es so leicht!«
»Auch das noch! Es ist sogar leicht. Das ist ein weiterer Beweis meiner Beschränktheit. Sicherlich sehe ich nach zwölfjähriger Ehe auch noch vorsintflutlich aus.« Nun schmerzt es mich doch ein wenig, so übel von mir zu reden. Und natürlich sollte man es nicht tun, aber der kleine Teufel in mir nagt weiter.
»Das schließe ich vehement aus. Wer mit mir verheiratet ist, kann nur aufblühen. Meine Frau sieht blendend aus und hat nichts mit der gemein, von der du andauernd sprichst. Meine Frau ist verständnisvoll, geistreich und intelligent. Nicht streitsüchtig.«
»Das alles bin ich nicht. Vermutlich bin ich nicht deine Frau!«
»Man könnte es annehmen.«
»Nicht nur annehmen. Es ist so. Ich bin nicht diese Frau von der Sie sprechen, mit der Sie reden, mein Herr. Ich bin gar nicht Ihre Frau.« Das rutscht mir einfach so heraus. Auf dem Bildschirm wird der Killer gerade mit einer atemberaubenden Autofahrt gejagt.
»Wie bitte … du bist … ich meine, Sie sind nicht meine Frau?«
»Ganz richtig: Ich bin nicht Ihre Frau!«
»Aber das ist ganz ausgeschlossen. Ihre Nummer ist seit Jahren bei mir eingespeichert unter dem Namen Helgachen!«
»Wie Sie wissen, kann es leicht zu Fehlspeicherungen kommen. Ich hatte erst kürzlich mehrmals eine Freundin angerufen, um ihr zu sagen, sie möge doch besser eine Stunde später zur Verabredung kommen. Erst nach Tagen meldete sich eine Person, die sagte, sie kenne mich überhaupt nicht.«
»Das tut mir leid! Ich hätte schwören können!«
»Tun Sie es nicht.«
»Aber gestern habe ich doch diese Nummer gewählt!«, ruft er verzweifelt.
»Das kann nicht sein!«, lüge ich gnadenlos. »Mit mir haben Sie jedenfalls nicht gesprochen.«
»Aber Ihre Stimme! Ihre Stimme, Madame! Sie ist genau wie die meiner Frau.«
»Das kann vorkommen. Steigern Sie sich nicht hinein!« Verdammt, gibt er nicht endlich auf?
»Wenn das tatsächlich so ist, bitte ich vielmals um Entschuldigung. Verzeihen Sie die Störung.«
Endlich. Er hat die Austaste gedrückt. Ich erlebe noch die Überführung und Festnahme des Täters und atme auf. Ganz wohl ist mir nicht. In zwei Wochen kommt Curd zurück. Dann beginnt der Kampf. Dann kann ich mich nicht mehr vor der längst fälligen Aussprache drücken.
Fin
Hannaerzählt
Wie hypnotisiert starre ich sie an. Starre durch sie hindurch. Sie ist nichts weiter als eine große Pfütze. Schmutziges Wasser, in dem Zigarettenkippen schwimmen und ein trostloser Himmel schaukelt. Und doch ist sie mehr. Sie ist mein gnadenloser Spiegel.
Ich lehne mich auf der Bank zurück, ziehe den Mantel fester, stecke die Hände in die Taschen. Sie sind leer. Außer den Klamotten auf dem Leib, meinen schäbigen Möbeln und ein paar Büchern besitze ich nichts mehr. Ein großer Teil der Lebensversicherung ging für das drauf, was man den Lebensunterhalt nennt. Die letzten Kröten trug ich in Eddys Bar und betrank mich mit billigem Cognac. Den Plan einer eigenen Wohnung begrub ich hinter dem Tresen.
Das bisschen Wohngeld und die Sozialhilfe erhalten mir bis jetzt meine mickrige Bleibe und machen hin und wieder ein anständiges Essen möglich. Die Kosten für die Telefonkarte kann ich auch noch berappen. Aber eigentlich brauche ich kein Handy. Es ruft mich niemand an, und zu erreichen ist von den lieben Freunden auch keiner mehr. Eine Bettlerin bin ich deshalb nicht, auch wenn es den Anschein hat. Ich nenne mich Frührentnerin und gefühlsbetont. Schon immer habe ich auf mein Gefühl gehört. Heute, weil vom Rummelplatz gegenüber der Song »Angie« tönt und mich so verdammt melancholisch stimmt. Damals, als ich an die große Liebe glaubte. Ganz aufgegeben habe ich diesen Glauben nicht. Er wird kommen, mein Held. Auch Geld wird wieder in meine Taschen fließen. »Angie, Angie ... with no money in our coats ...«
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