Soldat zu werden, war mir bisher nicht in den Sinn gekommen, obwohl man uns im Betrieb angesprochen hatte.
Die Erlebnisse meines Vaters als Rekrut und während des Krieges wirkten in mir nach. Er gehörte nicht zu denen, die sich nur des Angenehmen entsannen: Die Weiber in Paris. Sektgelage. Beuteschmuck für die Verlobte im Reich. Er erinnerte sich auch an das andre, und manchmal drängte es ihn, darüber zu reden. Einen Unteroffizier vom Ausbildungslehrgang erwähnte er oft, Riegel hieß er, doch sie nannten ihn Schurigel, weil er die Soldaten arg schikanierte.
Daran dachte ich, als ich zur Werbekommission gerufen wurde. Sie hatte sich für etliche Tage in einem Raum des Betriebsschutzes eingerichtet. Bleib hart, redete ich mir unterwegs ein. Geh ihnen nicht auf den Leim. Ein Mann braucht seine Freiheit.
Ich musste lange warten. Vor mir holten sie einen stämmigen Maurer, den ich flüchtig kannte, ins Zimmer. Als er herauskam, war sein Gesicht gerötet.
Zur Kommission gehörten drei Männer. Die zwei älteren – sie mochten Anfang dreißig sein – hatte ich noch nie gesehen, der andre war unser FDJ-Sekretär. Ein Schwarzhaariger mit Brille begann das Gespräch. Er schien schon müde zu sein, musterte mich aber aufmerksam, als er fragte: „Wie stehst du dazu, Jugendfreund?“
„Positiv“, erwiderte ich, „durchaus positiv. Mir ist bewusst, dass die Republik des Schutzes bedarf. Nur bin ich momentan außerstande, auf Ihr Angebot einzugehen.“
„Weshalb?“
Sag die Wahrheit, dachte ich, sag: Weil du dich nicht bevormunden lassen willst. Aber wozu Läuse in den Pelz setzen? Geh taktisch vor, das ist immer gut. „Zunächst“, antwortete ich, „arbeite ich in einem Schwerpunktbetrieb. Da kommt es auf die Leistung eines jeden an. Durch meinen Weggang entstünde eine Lücke, die sich nicht mühelos schließen ließe. Und dann möchte ich mich beruflich qualifizieren, an einem Lehrgang teilnehmen. Außerdem werde ich in Kürze heiraten.“
„Ist wohl bereits was unterwegs?“
„Ja“, log ich, „und so ein kleines Kind braucht seinen Vater.“
„Gewiss“, sagte der FDJ-Sekretär, „aber die Republik darf deshalb nicht schutzlos bleiben. Familie haben wir alle irgendwie, nicht wahr. Trotzdem muss man bereit sein, auch mal Opfer zu bringen, und da, scheint mir, hapert‘s bei dir, Jugendfreund. Freilich, aufs Reden verstehst du dich, deine Formulierungen fließen dir nur so über die Lippen, doch Worte sind Schall und Rauch.“
Eben, dachte ich. Warum gehst du eigentlich nicht? Bist du auf deinem Posten unabkömmlich? Deine Funktion könnte auch ein andrer übernehmen. Das sind mir die Richtigen, die mit Engelszungen werben, sich selbst aber drücken. Plustre dich bloß nicht so auf, sonst lass ich die Katze aus dem Sack: Wie hältst du‘s mit dem Vorbild, Jugendfreund Sekretär? Du schummelst dich durch die Etappe, obgleich es eine Front gibt, und Funktionäre gehören nun mal in die vorderste Linie.
„Jawohl“, fuhr er fort, „Worte sind Schall und Rauch. Ihnen müssen Taten folgen. Und glaub mir, Jugendfreund Bylak, es bedeutet höchste Erfüllung, wenn man sich selbst überwindet und gesellschaftliche Erfordernisse sowie private Belange in die Balance bringt.“
„Klingt gut“, sagte ich. „Doch soweit reicht‘s bei mir noch nicht. Vielleicht, weil‘s andre, die immer etliche Schritte voraus sein müssten, zu wenig vorgelebt haben. Was du forderst, ist das Höchste, und das sollten zuerst die Bewusstesten vollbringen.“
Ich sah, wie er sich verfärbte und meinem Blick auswich.
„Zwingen können wir natürlich keinen“, sagte der zweite Werber. „Aber wir sprechen erneut mit dir, Jugendfreund. Grundsätzlich bist du ja wohl nicht dagegen?“
„Nein“, sagte ich.
Ich freute mich, dass ich ihnen ohne große Mühe entschlüpft war. Was wollen sie grade von mir?, dachte ich. Die sollen mich mal in Ruhe lassen. Ich hab meine Arbeit, hab Gudrun, sie vor allem, und wenn das mit dem Kind auch geflunkert war, kleines Kavaliersdelikt, so wäre es immerhin möglich. Und wer weiß: Was nicht ist, kann noch werden.
Es war anders gekommen. Und nun saß mir Fredi gegenüber wie in alten Zeiten, bloß die Uniform erschien mir ungewohnt. Wieder dachte ich: Fredi bei der Fahne. Winnetou in der Kaserne. Das ist ‘n Ding!
Fredi hob sein Schnapsglas. „Auf unser Wiedersehen!“
Wir stießen an und tranken aus. „Es gibt also noch Zufälle“, sagte ich.
„Hast du daran gezweifelt?“, fragte er. „Selbst für die Philosophen sind sie existent. Sie drücken‘s nur ein bisschen geschwollen aus: Schnittpunkt zweier oder mehrerer Notwendigkeiten … Aber das weißt du ja besser als ich. Schließlich warst du schon in der Schule ein As. Damals hab ich dich oft bewundert. Ehrlich! Ich dachte: Der bringt‘s zu was. Inzwischen bist du sicher schon auf dem besten Weg zum Akademiker. Wo studierst du eigentlich?“
„Nirgends.“
Er sah mich überrascht an. „Geext?“
„Nein“, erwiderte ich, „bis zur Uni bin ich gar nicht erst gekommen. Der Weg dorthin ist beschwerlich, und manche bleiben auf der Strecke.“
„Aber nicht so einer wie du“, behauptete er. „An deinen Leistungen kann‘s unmöglich gelegen haben.“
„Das war es auch nicht. Doch was ändert das schon?“
Er nahm sein Bierglas, pustete den Schaum beiseite und trank ein paar Schlucke. „Es will mir nur schwer in den Kopf“, meinte er. „Erzähl mal.“
„Wozu?“, fragte ich. „Mittlerweile ist es verjährt. Außerdem sind die Probleme von Gescheiterten nicht sehr erfreulich. Interessanter finde ich die Erlebnisse der Erfolgreichen. Deshalb sollten wir lieber über dich reden.“
„Ach herrjeh“, sagte Fredi, „was gibt‘s da schon Besonderes?“
„Vielleicht deine Uniform“, entgegnete ich. „Du trägst sie, obgleich du Urlaub hast und in Zivil gehen könntest. Folglich trägst du sie gern. Daraus lässt sich schließen, dass du mit Leib und Seele bei der Fahne bist.“
„Du hättest Psychologe werden sollen. Deine Schlüsse sind wirklich brillant.“
„Spotte ruhig. Ich lasse trotzdem nicht locker. Wenn mich was interessiert, will ich‘s ganz genau wissen.“
„Aber nicht hier“, erwiderte er. „Wie wäre es, wenn wir ein Stück gehen?“
„Eine gute Idee.“
Wir wanderten auf die Landeskrone. Zunächst benutzten wir einen Gürtelweg, der zwischen hohen Buchen allmählich aufwärts führte. Durch ihre dichten Kronen fiel nur wenig Licht.
Nach und nach blieben die Bäume zurück, Büsche und dorniges Gestrüpp wuchsen seitlich der schroffen Basaltfelsen, an denen wir nun klettern mussten. Wie früher, dachte ich. Auch damals mieden wir den Hauptweg, auf dem man den Gipfel leichter erreicht. Immer kraxelten wir die steilsten und gefährlichsten Pfade empor. Dabei gab es anfangs einen besonderen Nervenkitzel. An manchen Stellen stand mit weißer Farbe aufs Gestein geschrieben: Minen! Lebensgefahr! Darüber grinsten aufgemalte Totenschädel mit zwei schräg gekreuzten Knochen. In den letzten Kriegstagen war um den Berg erbittert gekämpft worden. SS-Leute hatten sich unweit der Bismarcksäule verschanzt und das Gelände unterhalb ihrer Stellung vermint. Später wurden die Sprengsätze von Räumtrupps entfernt. An den Felsen aber blieben die Warnungen zurück. Sie reichten aus, um uns Schauer über die Rücken zu treiben. Trotzdem wählten wir stets diesen Aufstieg. Keiner wollte feige sein.
Fredi keuchte neben mir. Wir suchten mit Händen und Füßen in Vertiefungen sowie auf Vorsprüngen Halt, klommen Stück um Stück höher. Zuweilen löste sich ein Steinchen und kullerte abwärts. Auf einer Felsnase hielt Fredi inne und fragte: „Wie wär‘s mit ‘ner Fünfzehn?“
„Ich bin dafür. Man soll‘s nicht übertreiben.“
Fredi nahm die Schirmmütze ab. Er wischte sich mit seinem Taschentuch über die Stirn und das glänzende dunkle Haar, dann setzte er sich. Wir konnten die Stadt sehen. Sie streckte sich vom Fuß der Landeskrone bis weit in die Ebene. Die Neiße teilte sie. Der Grenzfluss schlängelte sich durch Parks und Wiesen, ehe er sich als blassblaue Linie am Horizont verlor.
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