»Am Tag nach den Weihnachtsfeiertagen kamen die Magen-schmerzen. Anfänglich waren sie nur leicht, sie kamen und gingen in Schüben, manchmal war stundenlang gar nichts. Insgesamt war es halbwegs auszuhalten. Kurz nach Neujahr kam dann der Durchfall hinzu, der nicht mehr aufhören wollte, und ich holte mir einen Arzttermin.«
Es fehlte nicht viel, und Lars hätte Melanie angebrüllt. Es war nicht zu fassen, dass es ihr tagelang schlecht gegangen war und sie, ohne ihm ein einziges Wort zu sagen, zum Arzt gegangen war.
»Der Arzt ließ mein Blut und meinen Stuhl untersuchen. Einige Tage später lagen die Laborergebnisse vor. Der Arzt sagte, er wolle eine Ultraschalluntersuchung durchführen, und tatsächlich entdeckte er etwas an der Bauspeicheldrüse. Noch während ich im Besprechungszimmer war, ließ er beim Radiologen einen Termin zur Computertomographie vereinbaren, und spätestens da wurde mir klar, dass dies nicht mein Glückstag war. Ich bekam einen Termin für den übernächsten Tag. Zu dem Zeitpunkt warst du im Ausland, und noch gab es keine abschließende Diagnose, also erzählte ich dir vorerst nichts. Beim Radiologen musste ich ein Kontrastmittel trinken und eine halbe Stunde später lag ich in einem Raum auf einer automatischen Liege. Über eine Sprechanlage aus einem anderen Raum erhielt ich die Instruktionen, dass ich still zu liegen hatte. Dann wurde ich in eine Röhre gefahren und diese Schnittbilder wurden angefertigt, und dann wurde mir ein zweites Kontrastmittel gespritzt, um die Gefäße und die Bauchorgane deutlicher darzustellen, und anschließend wurden diese ... diese ... .«
Melanie brachte den Satz nicht zu Ende. Sie schüttelte ruckartig den Kopf, ganz so, als wolle sie die Bilder mit Gewalt vertreiben.
Lars war außerstande, etwas zu sagen oder zu tun. Er war wie gelähmt.
Melanie wischte sich die Tränen aus den Augen. »Das alles war vor vier Tagen. Als der Arzt mir dann heute Vormittag die Diagnose überbrachte, dachte ich zuerst, der Kerl lügt mich an, dachte, das kann nicht sein – ich doch nicht! Ich bat ihn, die Untersuchung noch einmal durchzuführen, um alle Unsicherheiten auszuräumen, doch er sagte, es gäbe keine Unsicherheit.«
»Was genau ...« – Lars musste kräftig schlucken – »... hat er gesagt?«
»Es haben sich neuroendokrine Tumore verteilt. Überall in meinem Körper nagt der Tod. Es bleiben mir noch drei, vielleicht vier Monate. Der Arzt sagt, es breitet sich sehr schnell aus. Er sagt, dass dieser aggressive Krebs selten ist, in Deutsch-land erkranken jährlich höchstens fünfzehntausend Menschen daran, und die sind zumeist siebzig Jahre alt und älter. Ist das nicht mal wieder typisch? Ich bekomme eine Krankheit, die es eigentlich auf Rentner abgesehen hat. Ich unartiges Mädchen verstoße mal wieder gegen alle Gesetze.«
»Melli, ich ... wie sollen Juli und ich ohne dich ... .«
Lars' Stimme versagte. In seiner Hilflosigkeit schüttelte er den Kopf, Tränen stiegen in seine Augen. War das denn zu fassen: Er war gesund, würde leben und Juli heranwachsen sehen, vielleicht sogar ihre Hochzeit erleben und später ihre Kinder im Arm halten, während Melli dann kaum noch mehr sein wäre als eine längst vernarbte Erinnerung. Nicht er war der Beraubte, sondern Melli war die Bestohlene – und er jammerte. Er war ein Schwächling und ein Egoist, doch in diesem Moment konnte er nicht anders.
Melanie nahm Lars' Hand, küsste sie und sagte: »Es ist ein schwacher Trost, aber wir können zumindest alles Wichtige regeln und bewusst Abschied voneinander nehmen. Das Glück haben nicht viele Menschen. Wichtig ist, dass wir die verbleibende Zeit bewusst festhalten und einander loslassen, wenn es soweit ist.«
Lars sah Melanie an und vermochte sich nicht vorzustellen, wie viel Kraft es sie kosten musste, diese Worte so ruhig auszu-sprechen. Wie tapfer seine todgeweihte Frau war, wie stark.
»Das sagst du so einfach«, sagte er unter Tränen. »Melli, ich fühle mich so ... so ...«
»Sei still«, flüsterte sie und legte ihm den Finger an die Lippen. »Nimm' mich in die Arme und halt' mich einfach nur fest.«
Es ging schnell. Rasend schnell. Nur sechs Wochen lagen zwischen dem Abend, an dem Melanie Lars von der Krankheit berichtet hatte und der Nacht, in der sie erlöst wurde.
Die dazwischenliegende Zeit war für Lars ein einziges Gefühlschaos. Etliche Tage verbrachte er in einem Trance-ähnlichen Zustand und während der meisten Nächte schlief er nur dann halbwegs, wenn er sich vor dem Zubettgehen einige Doppelte genehmigte, was zuletzt immer häufiger der Fall war. Er hatte seine Mitarbeiter in seine private Situation eingeweiht, war nur noch selten im Büro und nahm lediglich die wichtigsten Termine wahr.
Während Lars sich immer wieder der Resignation hingab und wiederholt der Wut erlag, ging Melanie wohlüberlegt und beherrscht vor. Sie beschloss, der Tradition ihrer Familie zu folgen und sich auf See beisetzen zu lassen. Als sie Lars davon erzählte, brach er in Tränen aus. Den Gedanken, dass die Asche seiner Frau in einer sich innerhalb von Stunden auflösenden Urne dem Meer übergeben werden sollte, fand er furchtbar. Keine liebevoll gepflegte Grabstätte, die er und Juli besuchen, an der sie weinen und zu der sie sprechen konnten. Er versuchte, Melanie umzustimmen, doch sie entgegnete mit unumstößlicher Entschlossenheit, er habe ihre Entscheidung zu akzeptieren.
Sie bestand darauf, die wichtigen Dinge alleine zu regeln. Sie erledigte alles mit dem Bestattungsunternehmen, wählte die Musikstücke und die Blumen für die Trauerfeier aus, besprach mit der Pastorin die Trauerrede. Sie verkaufte, bis auf zwei für Juli später vorgesehene Stücke, ihren gesamten Schmuck, kündigte alle Mitgliedschaften und Abonnements, gab nach und nach ihre Kleidung in die Altkleidersammlung, löschte alle unwichtigen Dateien von ihrem Notebook und speicherte alles Wichtige auf USB-Sticks. Zum Schluss löste sie ihr Bankkonto und das Sparbuch auf. Sie war geradezu besessen davon, keine unerledigten Dinge zu hinterlassen. Nur der Ostsee müsst ihr mich noch übergeben, sagte sie einmal, und genau so war es dann auch. Melanie hatte, wie die Pastorin später in der gut gefüllten Kapelle sagen sollte, vor dem Gehen Klar Schiff gemacht.
Eine knappe Woche vor ihrem Tod kam Melanie in ein Krankenhaus, wurde gegen die großen Schmerzen mit morphiumhaltigen Medikamenten vollgepumpt und dämmerte vor sich hin. Am letzten Tag ihres Lebens kehrte sie nach Hause zurück. Abgemagert, die Haut bleich, die Haare stumpf. Es war ihr Wunsch gewesen, dort zu sterben, wo sie als junge Familie gelebt hatten und bis vor kurzem voller Pläne und Zukunfts-freuden gewesen waren.
Juli hatte bereits vor Melanies Einlieferung in das Kranken-haus Abschied genommen. Das Mädchen wusste, dass seine Mutter sterben würde. Melanie hatte es ihr einige Tage nach der Diagnose gesagt, nachdem sie zuvor mit einer Kinder-psychologin die Gesprächsführung besprochen hatte. Am frühen Vormittag, stunden bevor Melanie nach Hause gebracht worden war, hatte Helga ihr Enkelkind abgeholt und Kleidung und Spielzeug für mehrere Tage mitgenommen, obwohl die Ärzte gesagt hatten, dass die kommende Nacht aller Voraussicht nach Melanies letzte werden würde.
Mittlerweile war es später Nachmittag. Melanie lag auf ihrer Seite des Ehebettes und schlief. Die Jalousie war ein Stück weit heruntergelassen und die Vorhänge waren zugezogen, so dass der Raum in einem ruhigen Halbdunkel lag. Lars saß in dem Ledersessel, den er aus der Leseecke des Wohnzimmers geholt und an Melanies Bettseite gestellt hatte. Er war froh über das diffuse Licht, das Melanies eingefallenes Maskengesicht weich zeichnete und sich über die Gelbfärbung ihrer Haut legte. Nichts war geblieben von der von innen heraus strahlenden Frau, in die Lars sich einst verliebt hatte. Das Leben war bereits so gut wie vollständig aus ihr herausgekrochen, und der noch in ihr verbliebene Rest verdiente die Bezeichnung Leben nicht.
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