Mehr als 20 Jahre hatte sich Otto Lilienthal mit der Theorie des Fliegens beschäftigt, bevor er mit einem selbst gebauten Fluggerät einen ersten Flugversuch wagte. Gemäß seinem Leitsatz „Vom Schritt zum Sprung, vom Sprung zum Flug“ begann er zunächst mit Stehübungen gegen den Wind, denen anschließend Sprünge von einer Rampe im Garten seines Hauses folgten. 1891gilt als das Jahr, in dem zum ersten Mal ein Mensch sicher nachgewiesen mit einem flugtauglichen Objekt flog. Mit dem ‚Derwitzer Apparat‘, wie er sein Fluggerät nannte, legte Lilienthal am Mühlenberg bis zu 25 m weite Flüge zurück, wobei er jeden Versuch akribisch auswertete und danach seinen Flugapparat kontinuierlich verbesserte. Von Hügeln und Hängen in seiner Umgebung startete er nun zu wiederholten Gleitflügen, steigerte diese bis etwa 250 m Weite und ließ sich in der Nähe seines Wohnorts sogar einen 15 m hohen Hügel, den ‚Fliegeberg‘, aufschütten, an dem er tausende von Flügen absolvierte.
Lilienthal mit seinem Normalsegelapparat, 1895(3)
Neben möglichst guten aerodynamischen Eigenschaften legte Lilienthal auch auf die leichte Handhabung und Transportierbarkeit seiner Fluggeräte großen Wert. 1893 entwickelte er seinen Normalsegelapparat, einen aus einem Geflecht von Weidenzweigen und mit Baumwollstoff bespannten, zusammenklappbaren Hängegleiter mit 14 m² Tragfläche, den er anschließend patentieren ließ. Ein Jahr danach ging Lilienthals Normalsegelapparat in seiner Berliner Firma in Serienproduktion, die damit zur ersten Flugzeugfabrik der Geschichte wurde. Laut einer Verkaufsanzeige aus dem Jahr 1895 wurde das Segelfluggerät „zur Uebung des Kunstfluges“ für den Preis von 500,- Mark angeboten und fand (mindestens) neun namentlich bekannte Käufer. Außerdem war seinen Flugzeugen stets ein Zettel beigefügt, der vor den Gefahren des Fliegens warnen sollte: „Also bedenken Sie, dass Sie nur ein Genick zum Zerbrechen haben!“
Lilienthals Flug vom Fliegeberg, 1895(4)
In seinen letzten beiden Lebensjahren nutzte Otto Lilienthal auch den Gollenberg im Nordosten Berlins regelmäßig für seine Erprobungsflüge. Hier stürzte er, von einer heftigen Windböe erfasst, 1896 bei einem Flugversuch aus etwa 15 m Höhe senkrecht ab und brach sich dabei die Halswirbelsäule. Er wurde in eine Berliner Klinik gebracht, wo er am Folgetag mit 48 Jahren starb.
Insgesamt baute Otto Lilienthal in seinem Leben etwa 20 Fluggeräte, darunter auch Flügelschlagapparate und zwei verschiedene Doppeldecker mit bis zu 7 m Spannweite.
Indem er die grundlegenden Prinzipien des Fliegens erforschte und darauf aufbauend etwa 2.000 kontrollierte Versuchsflüge durchführte, verhalf Lilienthal der Fliegerei zu ihrem Durchbruch und führte nur wenige Jahre später zur Verwirklichung des Motorflugs durch die Gebrüder Wright.
Doch zuvor konnte sich noch für wenige Jahrzehnte ein anderer Luftfahrzeugtyp durchsetzen:
Das größte Problem der Ballone, deren fehlende direkte Lenkbarkeit und geringe Eigengeschwindigkeit, konnte erst ab 1883 mit der Erfindung des relativ leichten Verbrennungsmotors Gottlieb Daimlers gelöst werden. Aufgrund seines günstigeren Verhältnisses zwischen Leistung und Gewicht im Gegensatz zu den schweren Dampfmaschinen und frühen Ottomotoren eignete er sich nun zunehmend auch für Luftfahrzeuge.
Seit 1850 gab es zwar schon erste experimentelle Luftschiffe, die mehr oder weniger schon die heute bekannte typische Form aufwiesen, konnten aber wegen ihrer schlechten Manövrierbarkeit letztlich doch nur für Luftaufnahmen oder zu Beobachtungszwecken eingesetzt werden. Diese nicht starren Luftschiffe werden Prallluftschiffeoder Blimpsgenannt. Ihre mit Wasserstoff gefüllte Hülle bestand aus Stoff und wurde anfänglich mit einem Netz überzogen, an dem die Gondel befestigt war.

Giffards Dampf-Luftschiff, 1852(5)
Dem Franzosen Henri Giffardgelang es als Erstem, Auftrieb und Vortrieb zu kombinieren. Er konstruierte 1852einen zigarrenförmigen Ballon, der durch den Gasdruck im Innern geformt und von einer 45 kg schweren und 3 PS leistenden Dampfmaschine angetrieben wurde. Die anschließende fast 30 Kilometer lange Fahrt mit einer Geschwindigkeit von 8 km/h wird als der erste bemannte motorisierte Flug der Geschichte angesehen.
Nachdem er bei einem weiteren Versuch verunglückte, bei dem das Luftschiff explodierte und er nur knapp den Flammen entkommen war, nahm allerdings danach das Interesse am Bau von Luftschiffen spürbar ab.
Das erste Starrluftschiffwar ein von dem gebürtigen Ungarn David Schwarzentwickeltes Ganzmetall-Luftschiff. Es bestand aus einem Gitterträgergerüst, war mit einem gerade auf den Markt gekommenen Aluminiumblech beplankt und wurde von einem 12 PS-Benzinmotor angetrieben.
David Schwarz' Luftschiff, 1897
Hans-Peter Papke (6)
Die äußere Form bestand aus einem Zylinder mit kegelförmigem Bug. Das Luftschiff wurde jedoch bei seiner Probefahrt 1897auf dem Tempelhofer Feld in Berlin zerstört. Unter den Beobachtern des Geschehens befand sich auch ein gewisser Graf Zeppelin, der die Idee von Schwarz übernahm und mit seinen späteren Luftschiffen Weltruhm erlangen sollte.
Alberto Santos Dumontwar ein in Frankreich lebender brasilianischer Luftschiff- und Motorflugpionier, der insgesamt elf Luftschiffe baute. Um den mit 100.000 Franc dotierten Deutsch-Preis (gestiftet von dem französischen Öl-Industriellen Henri Deutsch) zu gewinnen, unternahm er 1901drei Anläufe. Die ersten beiden missglückten, wobei beim zweiten Versuch sein Luftschiff Nr. 5 das Dach eines Hotels streifte und dabei explodierte. Dumont hing mit seinem Korb an der Außenwand des Gebäudes fest und konnte gerade noch rechtzeitig von der Feuerwehr aus seiner misslichen Lage befreit werden.
Santos Dumonts Luftschiff N° 6, 1901(7)
Erst beim dritten Anlauf schaffte er es, mit seiner ‚Santos Dumont Nr. 6‘ und einem 12 PS-Motor die Bedingung für das Preisgeld zu erfüllen, innerhalb von 30 Minuten die fast 6 Kilometer lange Strecke vom Pariser Vorort Saint-Cloud um den Eiffelturm herumzufahren und wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren.
Santos-Dumont befasste sich danach auch mit motorgetriebenen Flugzeugen, die er so weit entwickelte, dass ihm 1906 mit einem selbststartenden Experimentalflugzeug ein offiziell anerkannter Motorflug von über 25 m gelang und der ihm 3.500 Franc Preisgeld einbrachte. Zu seinen Ehren wurde einer der beiden Flughäfen Rios nach ihm ‚Rio de Janeiro Aeroporto Santos Dumont‘ benannt.
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