»Perfekt.« Freudig lächelt sie Neve an, haucht ihr einen Kuss auf die Lippen und lässt nebenbei eine Hand über deren Rücken wandern. Sofort prescht eine Gänsehaut über Neves Haut, die elektrisierend auf sie wirkt. So viele Jahre sind vergangen. So viele Dinge sind in ihrem gemeinsamen Leben passiert und dennoch hat nichts davon es geschafft, diese einzigartige Magie zwischen den beiden Frauen zu zerstören. Diese ist noch immer präsent. Für beide selbst spürbar, für andere sichtbar.
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Mit dem Beginn des Sonnenuntergangs, rollt der Mercedes Kombi auf die kleine Auffahrt ihres Hauses.
Neve und Sam waren sich schon wenige Tage nach ihrer Rückkehr einig, dass Sams entworfenes und gebautes Haus einfach nicht für eine Familie geeignet war. Es war traumhaft, es war einmalig, es war ein Stück Neve und Sam. Aber für eine Familie war es einfach nicht tauglich.
Somit verkauften sie schweren Herzens diesen kleinen Lebensabschnitt und kauften sich ein Haus, das etwas näher an Matt, Laura und Jessica lag. Sie bauten es noch nach ihren Wünschen und Vorstellungen aus und dann stand dem Einzug nichts mehr im Weg.
Anstatt wie bei allen anderen Häuser in dieser Straße, besaß das Haus der beiden Frauen nicht ein oder zwei Garagen, sondern übertriebene sechs. Zwei für die jeweiligen Otto-Normal-Verbraucher Autos. Diese wurden normal zur Straße gebaut, während die anderen nach hinten zum Grundstück hin seitlich erbaut wurden. Zwei ausgestattet mit einer kleinen persönlichen Auto Werkstatt für Sam, eine für ihr 67´er Mustang Baby und eine für Neves silbernen Pfeil.
Die Anzahl der Zimmer im Haus, lässt sich als normaler Standard einstufen. Jedenfalls für Multi-Millionäre in Amerika. Acht Zimmer an der Zahl beherbergt dieses Haus. Wohnzimmer, Gästezimmer, Esszimmer, Schlafzimmer, Preciuos' Zimmer, ein Spielzimmer für den Zwerg wo auch Damon drin schläft, wenn er das Wochenende bei seinen Tanten verbringt, ein gemeinsames Büro und ein Zimmer in dem sich Sam mit ihrem Atelier ausgebreitet hat. Drei Badezimmer und der sonstige ganz normale Wahnsinn.
Sam brauchte einige Zeit bis sie sich an diesen normalen Standard gewöhnte, lebte aber dennoch schnell genug in ihren vier Wänden auf.
Von außen wirkt das Haus keineswegs, als wenn dort zwei Hunde wohnen würden. Es sieht ungezwungen normal aus. Auch würde keiner erahnen, dass dort zwei Frauen leben, die Millionenschwer sind. Keine der Frauen kümmert sich sonderlich um das Vermögen, das sie umgibt. Sie nehmen es einfach hin und sind froh darüber, nie wieder in ihrem Leben Geldsorgen haben zu müssen.
Weshalb also in einem prunkvollen Haus wohnen, was eventuell einige menschliche Probleme anlocken könnte? Nein, die beiden sind zufrieden mit ihrem Leben.
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Am nächsten Morgen schnauft Sam wie ein wild gewordener Stier, als es an der Haustür klopft. Weil Neve alle Händevoll damit zutun hat, Precious in die Kleidung der Pacific Academy Privatschule zu stopfen, stampft Sam zur Haustür. Mit einem kräftigen Schwung reißt sie diese auf und macht auf dem Absatz wieder kehrt. Sie braucht die Person nicht zu sehen die geklopft hat. Sie braucht sie weder zu begrüßen, noch herein zu bitten. Jill kennt den Weg.
Sam wandert in die große Küche zurück, wo sie sich gleich daran macht, Precious' Brotdose in den Schulranzen zu verfrachten.
»Guten Morgen, Jill«, begrüßt Neve ihre Kollegin lächelnd. Diese hält einen sicheren und gesunden Abstand zu Sam und bleibt im Türrahmen stehen. Sie nickt lediglich. Ihre Augen wandern unsicher zu der Südländerin herüber.
Gekonnt ignoriert die junge Frau die Anwesenheit der Porno-Blondine. Obwohl, bei genauerem betrachten ist davon nicht mehr viel übrig geblieben. Jill trägt einen schwarzen Anzug, eine weiße Bluse und dunkle Schuhe. Ihre blonden Haare hat sie zu einem straffen Pferdeschwanz gebunden.
Nachdem sie damals die Seelenwanderung von Neve erklärt bekam, wandelte sich ihr Leben einige Monate danach um hundertachtzig Grad. Plötzlich hatte sie keine Lust mehr sich aufzubrezeln. Sie wollte nicht mehr auf Meterhohen Schuhen laufen und ihr Gesicht jeden Tag zuspachteln. Aus ihr wurde nach einigen Wochen eine neue und völlig normale Jill.
Auch Matt beobachtete sie einige Zeit. Er verfolgte sie. Er verfolgte sie und Neve, wenn diese als Hund in der Nacht einige Dinge laufen ließ. Er sah unheimlich viel Potential in diesem Playboy-Bunny, die ihre weiblichen Vorzüge immer im richtigen Moment einzusetzen wusste. Somit war es für ihn irgendwann keine Frage mehr. Er nahm Jill mit in das Rudel auf. Sie war nun also ebenso ein Hund, wie alle anderen auch.
Sehr zum Leidwesen von Sam. Insgeheim wünschte sie sich, dass der Tätowierer damals versehentlich abrutschte und das Five Dog Tattoo zu einer grausamen Missgeburt verunstaltete. Aber der gute Mann war wie immer professionell und präsentierte nach einiger Zeit einen neuen Hund in Jills Nacken.
Dass dieses Blondchen nun aber mit einem Holster ausgestattet und einer Kette um ihren Hals, an der ihre FBI Marke baumelt, bei Sam und Neve im Haus steht, hat sie Neve zu verdanken. Ebenfalls sehr zu Sams Missfallen.
Als Neves Partner vor zweieinhalb Jahren in die Abteilung für Sexualdelikte wechselte, sah sie eine Chance Jill einen brauchbaren Job zu geben. Viel konnte sie ja nun leider nicht aufweisen. Außer einen verdammt klugen Kopf und ein gutes Gespür. Somit dauerte es nicht lange, bis Jill ihre Ausbildung bei der Polizei und danach beim FBI absolvierte und nun seit einigen Monaten als Neves Partnerin an ihrer Seite die Straßen etwas sauberer hält.
Sam kann mit diesem ganzen Theater einfach nichts anfangen. Sie ist Jill gegenüber so kalt, dass sie ihr noch nicht einmal einen Kaffee anbietet, während sie auf Neve wartet.
Ihre Frau weiß natürlich weshalb diese Antipathie zwischen den Frauen besteht. Sam geht es gar nicht darum, dass Neve damals mit Jill geschlafen hat, nein. Der Grund dafür ist erst zwei Wochen alt.
Als Neve nach Feierabend nach Hause kam, erzählte sie Sam, dass Jill am Nachmittag versucht hätte sie zu küssen. Sie wollte einfach ehrlich sein und kein schlechtes Gewissen haben müssen, weil eine unausgesprochene Geschichte zwischen ihnen stand.
Voller Wut schmiss Sam damals den Kochlöffel in den Topf zurück und fegte an Neve vorbei aus der Küche und dem Haus. Als die Agentin gleich darauf den Motor von Sams Wagen hörte, wusste sie was passieren würde. Mit einer fließenden Handbewegung stellte sie den Herd aus, sprang in ihren eigenen Wagen und folgte ihrer Frau.
Ohne auch nur auf eine Verkehrsregel zu achten, raste Sam durch den frühen Abend. Neve fuhr ihr hinterher und versuchte sie immer wieder zu überholen. Es war aber ein Kampf gegen Windmühlen. Das hier war kein illegales Straßenrennen. Das hier war pure Eifersucht. Rasende und tobende Eifersucht. Neve hätte es also niemals geschafft, Sam zu überholen. Sie konnte ihr nur folgen.
Wegen einer belebten Kreuzung, verlor sie für einen Moment den Anschluss zu Sam, fuhr aber schon wenige Minuten später in Jills Straße. Ihre Augen erfassten eine tobende Sam, die aus ihrem Wagen sprang und auf Jills Haustür zuraste. Sie machte sich noch nicht einmal die Mühe ihren Wagen auszustellen. Auch legte sie unterwegs ihre guten Manieren ab. Ohne zu klopfen oder zu klingeln, riss sie die Haustür auf.
Weil Jill selbst erst vor einigen Minuten zuhause ankam, drehte sie sich erschrocken um, als jemand ungebeten in ihrem Haus auftauchte. Zur Verteidigung griff sie nach ihrer Waffe, ehe sie sah, dass es sich bei dem Eindringling um Sam handelte. Sie konnte allerdings nicht so schnell agieren, wie Sam plötzlich nach ihrem blonden Kopf griff und diesen mit aller Kraft gegen den Spiegel der Kommode schlug.
Neve erreichte die offenstehende Haustür erst, als etwas scheppernd zerbrach. Erschrocken blickte sie in Jills Haus. Sie sah wie ihre Kollegin zu Boden sank. Bei Bewusstsein, aber am Kopf blutend.
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