Sehr geehrter Vince Corso, bitte entschuldigen Sie die Kürze dieser Nachricht, aber ich komme nicht gut zurecht mit dem Italienischen. Ich heiße Queequeg und habe meine Nachricht einer freiwilligen Sozialarbeiterin von L‘Aquilone überlassen, die mir geholfen hat, Ihnen zu schreiben, und die alle meine Fehler korrigiert hat. L‘Aquilone ist die Kooperative, die sich um unsere Freizeit kümmert, eines der wenigen Dinge, an denen es im Gefängnis ja nicht mangelt. Ich gestehe, dass ich mit Ihnen über viele und dringende Fragen sprechen muss. Fragen, die mit Büchern zu tun haben, aber nicht nur. Meine einzige Möglichkeit, dem Gefängnis zu entkommen, ist das Lesen, und vor kurzem habe ich von dem Beruf erfahren, dem sie nachgehen, und wie er in den Strafanstalten anderer Länder ausgeübt wird. Darum wollte ich Sie fragen, ob es möglich ist, dass wir uns in der kleinen Bibliothek meiner Abteilung treffen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie achtsam mit Ihrer Zeit umgehen. Kümmern Sie sich auch um sich, nicht nur um Ihre Patienten. Queequeg
Am unteren Rand des Zettels stand eine Telefonnummer. Corso faltete den Zettel zusammen und steckte ihn zurück in den Umschlag. Er wunderte sich. Wie hatte sein Name die Mauern eines Gefängnisses durchdringen können? Und dann diese Unterschrift … Was waren diese vielen und dringenden Fragen , über die der Unbekannte mit ihm sprechen wollte? Und was meinte er mit diesem Kümmern Sie sich auch um sich ?
Ein Windstoß bewegte die Dattelpalmen und Granatapfelbäume im Park. Er hatte nicht die geringste Lust, einen Behandlungsraum in einem Gefängnis aufzumachen. Dieser Brief war eine Falle. Er steckte den Umschlag in die Hosentasche, löste die Hundeleine, und Django sprang auf, um sich an seinen Beinen zu reiben. Eine Gruppe indischer Frauen ging vorüber, musterte ihn neugierig. Hinter ihnen, unter den Arkaden, entfernte sich die magere, dunkle Gestalt eines Kommissars.
Y
Luttant quand même, suprême effort
Nachdem er lange am Zeitungsstand vor der Endstation der Züge nach Centocelle gestanden hatte, war er in seine Dachwohnung zurückgekehrt, dann hatte er ein paar Stunden damit verbracht, die letzten Kapitel eines japanischen Krimis zu lesen, in dem ein alter Detektiv, dessen Jacketts noch zerschlissener waren als die seinen, im Fahrplan der Züge den Beweis für ein Verbrechen erkannte. Als er den Roman beendet hatte, hatte ihn ein Hungergefühl überkommen. Also war er, und diesmal allein, zum Gourmet-Markt am Bahnhof Termini hinuntergegangen.
Er hätte nicht sagen können, wie lange er außer Haus gewesen war, er erinnerte sich nur, dass auf den Bildschirmen über ihm zwei Videos von Nirvana liefen, während er langsam an einem eiskalten Stout nippte. Eins war The man who sold the world . In dem anderen, das er noch nie gesehen hatte, starrte Kurt Cobain mit fahlem, geistesabwesendem Blick in die Kamera. Er hätte wohl besser eine letzte Platte als verstimmter Sänger aufnehmen sollen, anstatt sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen, hatte Corso gedacht und war mit diesem Solitär aus abstrusen Reuegefühlen nach Hause zurückgekehrt, doch seinem Abscheu hatte das nicht gutgetan. Bei den herrschenden Temperaturen schien der Asphalt sich aufzulösen und die Stadt, nach dem Regen am gestrigen Abend, zu verdunsten.
Vor seinem Haus angekommen, hatte er den Schlüssel umgedreht und die Eingangstür aufgedrückt.
Wie immer um diese Zeit war der Innenhof von Sonnenlicht überflutet, und er musste die Augen zukneifen. Er bemerkte kein besonderes Geräusch von den Fenstern der anderen Wohnungen, vielleicht nur Geschirrklappern, aber das konnte sowohl aus der Küche von Signora Manuela als auch von der Familie Malfenti kommen. Er öffnete die zweite Tür am Ende des Innenhofs und ging zum Aufzug, es war zu schwül, um zu Fuß hinaufzusteigen, und selbst die paar Stufen nach dem letzten Treppenabsatz kosteten ihn große Mühe.
Als er seine Wohnungstür angelehnt sah, dachte er an Gabriel, der eine Kopie des Schlüssels hatte. Schüchtern rief er ins Innere, dann stieß er die Tür auf. Der Fußboden war mit Büchern und zerbrochenen Schallplatten übersät, die Stühle umgeworfen, die Schubladen des Schreibtisches herausgezogen. Auch der Ventilator und die Sofakissen lagen auf dem Boden. Und ein Haufen ungeschriebener, zerrissener Postkarten.
Er ging einen Schritt vorwärts und hob das leere Cover eines alten Albums von Sylvie Vartan auf, dazu eine aus einem Buch herausgerissene Seite. Die Türen des Schranks auf dem Hängeboden standen offen, Häufchen von Unterwäsche lagen auf dem Bett.
Benommen blieb er stehen, betrachtete das unbegreifliche Chaos.
Kannten sie seine Uhrzeiten? Hatten sie ihn ausspioniert? Oder war das der Raubzug eines Diebs auf der Durchreise?
Er ging bis zur Mitte der Einzimmerwohnung. Der Ledersessel, auf dem seine Patienten Platz nahmen, stand mit dem Rücken zu ihm, und in dieser ungewöhnlichen Position inmitten des Raums kündete er weitere, noch furchterregendere Unsinnigkeiten an. Auch den Teppich hatten sie in die Mitte gezogen, doch an zwei Stellen bildete er eine Stolperfalle.
Django.
Wo war er?
Er rief ihn, ein, zwei, drei Mal, doch bevor er den Zipfel des Teppichs anhob, sah er eine graue Pfote hinter dem Sofa hervorschauen. Djangos Schnauze war voller Speichel, die Glieder steif, und der Bauch blähte sich immer wieder ruckartig auf. Als er ihm eine Hand unter den Hals schob, bewegte der Hund schwach den Schwanz. Einen Moment lang versuchte er, sich auf den Vorderbeinen aufzurichten, fiel aber sofort wieder um, und eine Art Niesen schüttelte seinen ganzen Leib. Corso hielt ihm den Kopf und stellte fest, dass er aus der Nase blutete. Er versuchte, das Blut mit einem Taschentuch zu stillen, doch große rote Flecken tränkten den Zellstoff, breiteten sich schnell aus. Corso zog sein Telefon aus der Hosentasche und rief Gabriel um Hilfe.
In den folgenden fünf Minuten drückte er unablässig Taschentücher auf Djangos Nase und streichelte ihm über die Brust. Außer dem Blut, das auf den Boden gespritzt war, gab es keine Flecken auf dem Parkett, und eine flüchtige Untersuchung ergab, dass der Hund keine Verletzungen an Bauch oder Kopf hatte. Wahrscheinlich hatte er etwas Giftiges verschluckt, denn in der Luft lag ein Geruch nach Gift, und in dem Fall blieb nur zu hoffen, dass es kein Strychnin war.
Gabriel bestätigte später, zu der Zeit, als Vince ihn anrief, sei im Fernsehen gemeldet worden, dass die Anzahl der Opfer des Attentats in dem türkischen Flughafen gestiegen war. Da habe er gerade sein Mittagessen beendet. Er habe seine Sandalen angezogen und sei sofort hinaufgegangen. Die Tür von Vinces Dachbodenwohnung sei offen gewesen. Er habe keine Erklärungen verlangt und auch keine Zeit damit verloren, sich umzublicken. Wenn der Hund vergiftet worden war, musste man ihm auf der Stelle Salzwasser zu trinken geben, damit er sich erbrach. Er ging zum Waschbecken, um ein Glas zu füllen, doch als er es ihm ins Maul gießen wollte, floss der größte Teil seitlich heraus auf den Fußboden. Sie hätten eine Spritze gebraucht, um ihm das Wasser in die Kehle zu spritzen, aber es gab keine Spritzen in der Wohnung, und Gabriel hatte den Eindruck, dass der Hund im nächsten Moment einen Krampfanfall bekommen würde. Also beschlossen sie, ihn zum nächsten Tierarzt zu bringen. Im Fahrstuhl lehnte Corso sich an eine Wand, Gabriel drückte den Knopf, die Stahlseile rollten von der Trommel, und der Spiegel hinter ihnen gab ein ungewöhnliche Bild wieder: ein Mann mit einem ohnmächtigen Hund auf dem Arm, der mühsam atmete, und ein anderer, der ihm Platz machte.
Im Hof trennten sie sich, Gabriel lief das Auto holen, Corso ging zum Ausgang. Kein Mieter zeigte sich am Fenster, niemand bemerkte sie. Vor der Eingangstür versperrten drei Scooter und ein schwergewichtiges Motorrad den Weg. Corso musste weiter vorne einen Durchschlupf suchen und besetzte die Fahrbahn mit ausgebreiteten Beinen, das Gewicht des Hundes auf den Armen. Kurz darauf kam Gabriel angefahren, er sprang aus dem Auto und riss die hintere Wagentür auf.
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