Anfangs machten ihn seine Wutanfälle noch komischer. Sein Blick verhärtete sich, die Kinnladen zitterten fast. Dann veränderte sich sein ganzes Verhalten. Er fing an, zu übertreiben. Sich mit beiden anzulegen. Der Mutter vorzuwerfen, dass er wie ein Ochse schuftete, während sie sich einen faulen Lenz machte, mit dieser Halbtagsarbeit bei der Stadtverwaltung, die sie ganz in der Nähe gefunden hatte, sie und all ihre Kolleginnen, die zu nichts anderem taugten, als auf dem Balkon zu rauchen und dummes Zeug zu quatschen. Von da an gab es nichts mehr zum Lachen.
Jetzt passiert es immer öfter. Wenn der Vater abends nach Hause kommt, hadert er mit der ganzen Welt. Die Abendessen enden in eisigem Schweigen, die Stille lastet so schwer, dass der Junge unwillkürlich langsamer isst, langsamer als eine Schnecke: er hat Angst, sogar eine Gabel, die gegen den Teller stößt, könnte den Vater aufregen.
Darum geht er hinterher immer in sein Zimmer, um zu lesen. Er liest alles, am liebsten aber Romane. Und das tut er mit der gleichen grimmigen Erbitterung, mit der sein Vater von der Arbeit heimkehrt. Die Lampe bleibt bis spät in der Nacht an, obwohl er am nächsten Morgen immer nur mit Mühe aus dem Bett kommt, um zur Schule zu gehen. Zum Glück hat er keine Probleme mit den Lehrerinnen, weil er sich gut ausdrücken kann und ein ausgezeichnetes Gedächtnis hat und alle zufrieden mit ihm sind und er für sie einer der tüchtigsten Schüler an der Schule ist – sie verzeihen ihm sogar seine Zerstreutheit.
Nein, vielleicht war es besser, der Mutter nichts von dem Bild zu erzählen. Vor ein paar Wochen hat er sie mit den Händen vorm Gesicht auf dem Badewannenrand sitzend gefunden. Sie sagte, sie habe sich gerade gewaschen, aber es war klar, dass das nicht stimmte. Und am Tag darauf geisterte sie mit verstörten Augen und ihrem Glas mit dem langen Hals in der Hand unablässig durch die Wohnung.
Heute hingegen scheint sie wieder normal zu sein. Sie hat beim Mittagessen sogar Witze gemacht. Und sie hat ihm ein neues Buch geschenkt und gesagt, das habe sie in seinem Alter auch gelesen und in den Jahren danach noch viele Male. Der Junge kann es nicht erwarten, zu erfahren, was in diesem Roman passiert und warum er so berühmt ist. Ob es stimmt, was die Mutter behauptet, dass in allen Menschen etwas Gutes und etwas Böses steckt. Doch da ist wieder das Knarren. Es kommt nicht aus dem Wohnzimmer. Er trägt nur Strümpfe, und im Flur liegt Teppichboden. Er überlegt eine Weile, beschließt, zurückzugehen.
Er geht wieder an der Küche vorbei, lässt die Badezimmertür hinter sich. Die Tür zum Schlafzimmer der Eltern ist geschlossen. Er versucht, sie zu öffnen, doch sie ist von innen abgeschlossen. Er legt ein Ohr an das weiße Holz. Ja, das Knarren kommt von hier. Mama? ruft er, aber niemand antwortet. Das Schlüsselloch befindet sich genau auf seiner Höhe. Er könnte hindurchschauen. Er schließt ein Auge und nähert das andere dem Schlüsselloch: Im Zimmer ist kein Licht, das schwarze Dunkel ist undurchdringlich. Er will schon gehen, da fällt ihm ein, dass er keine Eile haben darf. So machen es die Eulen, sie hocken einfach da, auf einem Zweig, warten und starren im Dunkel der Nacht einen Wald an, bis ihre Augen leuchten und sich die Umrisse der Bäume vor ihnen abzeichnen, das Gewirr der Zweige, ein rasch vorüberlaufendes Tier.
Schon meint er Konturen zu erkennen. Er muss sich nur ein bisschen anstrengen, sich an die Dunkelheit gewöhnen, den Blick schärfen, all seine Sinne gebrauchen, wie vor diesem Gemälde. Und endlich erscheint das Zimmer, ein Möbel nach dem anderen.
Das Sesselchen beim Bett,
der Nachttisch,
das kleine Kruzifix aus Holz.
Es ist dasselbe Gefühl wie damals, als sie mit ihm im Zirkus waren und ein Zauberkünstler Gegenstände nach Belieben verschwinden und wieder auftauchen ließ. Er hat den Eindruck, dass das Licht sich im ganzen Zimmer verbreitet, wie Wasser aus einem Loch.
Da ist der Schrank,
der Spiegel neben dem Fenster,
und im Spiegel …
Jetzt spürt der Junge, wie ihm etwas Feuchtes über die Wangen rinnt. In dem Handbuch über Raubvögel hat er gelesen, dass Eulen drei Lider haben, die brauchen sie, um ihre beste Waffe zu schützen. Aber er hat nur zwei, und sie genügen nicht, um den Weinkrampf aufzuhalten, der ihn jetzt schüttelt.
Die erste Träne ist schon bis zum Mundwinkel geflossen. Er kann mit der Zunge das Salzige schmecken. Aber die zweite hat einen anderen Geschmack. Sie schmeckt nach Eisen, nach Graphit. Seine Arme zittern, den Bleistift hält er noch umklammert.
Er macht zwei Schritte zurück, bis er die Wand des Flurs im Rücken spürt.
Dann bricht er auf dem Boden zusammen.
Eine Stunde später fand der Vater ihn in dieser Position. Es war ein anstrengender Tag. Er hatte eine sehr komplizierte finanzielle Transaktion wagen müssen. Würde sie glücken, dann würden er und die anderen ein Vermögen machen. Aber er war nicht sicher, ob es gut ausginge. In den letzten Monaten war nichts mehr so gelaufen, wie es sollte, das Ansehen, das er sich in gewissen Kreisen erworben hatte, drohte zu verpuffen. Das Risiko war enorm, und er hatte den Einsatz erhöht. Er war erschöpft, fühlte sich bleischwer. Er hängte seine Jacke an den Haken im Eingang, dann ging er in Richtung Bad, um sich das Gesicht zu waschen.
Zuerst sah es nur aus wie ein Haufen Schmutzwäsche, den seine Frau dort in den Flur geworfen hatte. Er blieb in ein paar Metern Entfernung stehen und versuchte, klarer zu sehen. Es war, als würde sein Gehirn sich weigern, den Anblick zu benennen. Eine undefinierbare Masse aus Formen und Farben. Erst nach einem endlos langen Augenblick begriff er, dass diese reglose Marionette ohne Schuhe, die vergeblich auf die Wand starrte, die er vor kurzem hatte streichen lassen, sein Sohn war. Anstelle seiner Augen waren da zwei Löcher, und in den blutverschmierten Händen hielt er einen zerbrochenen Bleistift.
Mittwoch, 29. Juni 2016
Z
Je crois les étreindre encore
In jener Nacht Ende Juni, so sagte Vince Corso später aus, habe er geträumt, dass ein Schwarm Nachtfalter aus dem Portal der Basilika Santa Maria Maggiore strömte und die Straßen Roms heimsuchte. Ein unwichtiges Detail, aber es war das erste, was ihm einfiel, als er sämtliche Ereignisse jenes Tages nacheinander erzählen sollte. Er hätte damit beginnen müssen, dass die Diebe zwischen Mittag und zwei Uhr nachmittags in seine Wohnung eingedrungen waren, und dass die Tür auf den ersten Blick keine Spuren von Gewaltanwendung zeigte. Das Namensschild war an seinem Platz, die Tür nur angelehnt. Das Türschloss – eines von herkömmlicher Machart, das weder Signora Doliner noch die Vormieter je ersetzt hatten – war mit einem Multipick-Dietrich geöffnet worden, ein einfacher, lautloser Vorgang. In dem Mietshaus hielten sich um diese Zeit nur wenige Rentner und zwei Familien aus Bangladesch auf. Die Hausmeisterloge war geschlossen, das Treppenhaus menschenleer, alle Fenster lagen im Schatten der Mittagsruhe.
Das und nichts anderes hätte er sagen sollen: sich damit begnügen, das mutmaßliche Zeitfenster der strafbaren Handlung anzugeben, die Umstände darzulegen, unter denen er die Tat entdeckt hatte, den Zustand, in dem Unbekannte nach ihrem unerklärlichen Raubzug seine Wohnung hinterlassen hatten, präzise zu beschreiben. Doch statt sich strikt an die Tatsachen zu halten, sprach Corso von Träumen und Vorahnungen.
Für ihn hatte die Geschichte mit dem verstörenden Auftauchen dieser Myriade von Nachtfaltern eingesetzt, die seinen Schlaf empfindlich gestört hatte, bevor jemand ein paar Stunden später in seine Wohnung eingedrungen war, um sie zu verwüsten. Ihre Flügel waren aschgrau mit langen, messerförmigen Enden, und ihr Schlagen – das Schlagen Hunderter winziger, mit Zeichnungen geäderter, grauer Häute – hatte eine Welle aus Staub und Wind rings um den Schwarm aufgewirbelt. Sogar die Bäume am Ende der Via Merulana hatte sie erfasst, die Pflanzen auf den Fensterbrettern hatten sich gebogen, die Straßenlaternen entlang der Fußgängerwege waren erloschen.
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