„Meine Frau wurde nach dem Einmarsch der Samskarier verschleppt“ erklärte Ronnert. „Wir haben seit acht Jahren nichts mehr von ihr gehört.“
„Oh, das tut mir leid.“ Damit erklärte sich auch die Verbitterung der Mutter. „Wo könnte sie sein?“
„Sie ist in Samkara. Wenn sie Glück hat muss sie nur arbeiten, aber wahrscheinlich wird sie als Prostituierte missbraucht.“ Enna beugte sich mit einem wilden Blick über den Tisch. „Ich habe die Männer gesehen, die Samskarischen Soldaten, als sie hier von Tür zur Tür gingen, ich habe ihre Blicke gesehen. Sie haben nur die schönsten Frauen mitgenommen. Und einige kräftige Männer für die Minen.“
Phenoma schluckte. Sie hatte davon gehört, dass zahlreiche Männer und Frauen aus den unterworfenen Ländern zum Arbeiten nach Samskara verschleppt worden waren. Aber es war etwas ganz anderes, den Betroffenen zu begegnen. „Das tut mir leid,“ wiederholte sie.
Alle schwiegen einen Augenblick. Dann sagte Phenoma: „Ich habe vor nach Samskara zu gehen, heimlich, um einen Auftrag für unsere Seite durchzuführen. Ich wünsche mir eure Unterstützung bei der Einreise.“
„Wir werden dir helfen,“ sagte Ronnert. „Wir haben uns zur Hilfe für die Drachenreiterinnen verpflichtet und dabei bleibt es. Ich hoffe, ihr werdet es uns nicht vergessen.“
„Wir können mit unseren Drachen das Voranschreiten der Samskarischen Armee aufhalten. Was wir nicht können, ist Samskara mit Waffengewalt zu unterwerfen. Das kann im Augenblick niemand.“
„Ich möchte irgendwann meine Frau wieder in den Armen halten.“ antwortete Ronnert. „Und mein Sohn hat verdient, dass er seine Mutter wieder sieht. Ich möchte, dass du darüber nachdenkst, wie du oder wie Akasha uns helfen kann.“
Phenoma biss sich auf die Lippe. Dann nickte sie. „Ich kann nichts versprechen, aber ich werde darüber nachdenken.“
Das musste ja so kommen, dachte sie bei sich. Zuerst treten wir in den Krieg ein, und dann sollen wir alle Sklaven befreien.
„Mit deinem Pferd kannst du nicht weiter reisen.“ unterbrach Ronnert ihre Gedanken. „Frauen reisen nicht mehr allein durch Mula und erst recht nicht durch Samskara. Du würdest sehr schnell Ärger bekommen.“
Phenoma nickte.
„In der Poststation in der Bezirksstadt geht jeden Morgen eine Kutsche nach Samskara. Ein guter Freund von mir ist für die Beladung zuständig. Er könnte dich dort einschleusen.“ Phenoma nickte erneut.
„Ich weiß nicht, wie die Kontrollen an der Grenze zwischen Mula und Samskara sind. Wenn du Glück hast, kommst du glatt durch bis Ashwini.“
„Das hört sich gut an.“ Phenoma verschwieg, dass sie einen gefälschten Passierschein für die Grenze dabei hatte.
„Ich bringe dich morgen früh in die Stadt und werde alles arrangieren. Danach bist du auf dich allein gestellt.“
„Gut. Ich danke dir.“
„Denke an unsere Vereinbarung.“
„Das werde ich.“
Phenoma wachte auf und war sofort hellwach. In ihrem Zimmer stand eine Person und betrachtete sie. Zunächst konnte sie nur den Schatten erkennen, aber ihr war sofort klar, dass sie es mit einer Frau zu tun hatte.
Einer Kämpferin.
Sie war gekleidet wie eine Reiterin aus der alten Zeit. Hier und dort lies der Stoff Stellen an ihrer Haut frei. Dadurch konnte Phenoma sehen, dass sie jung war.
Zu jung, um übrig geblieben zu sein. Sie war noch nicht geboren, als die Ausbildung der Reiterinnen eingestellt wurde.
Ihr Gesicht war hinter einem Stofftuch verborgen, dass den Teil ihres Gesichtes ab der Nasenwurzel frei lies. Phenoma sah ihre Augen funkeln.
Sie sagte immer noch nichts. Auch Phenoma verhielt sich still.
Draußen dämmerte der neue Tag. In Kürze war es Zeit um aufzubrechen. Aber ihre Besucherin schien nicht darauf bedacht zu sein, sie einfach gehen zu lassen.
Von unten kamen Geräusche. Offensichtlich war den Besitzern des Hauses nichts passiert.
Erst jetzt sah Phenoma, dass die Kämpferin mit einem Schwert bewaffnet war. Es hing griffbereit an ihrem Gürtel, halb verdeckt von der Kleidung. Es war nicht ihres, Phenoma erkannte an dem Griff, dass es das Schwert war, was unten in der Wohnung an der Wand gehangen hatte. Aber die Art, wie sie es trug lies vermuten, dass sie wusste, wie man damit umgeht.
Phenoma schlug die Decke zur Seite und stand auf. Sie hatte nackt geschlafen, aber es war ihr egal, was die fremde Frau von ihr dachte. Sie stellte sich vor ihr hin und wartete. Endlich fing die Kämpferin an zu sprechen: „Ich bin hier, um eine Drachenreiterin abzuholen. Zu meiner Herrin.“
Ihre Stimme wies sie als junge Frau aus, Phenoma schätzte sie auf Mitte Zwanzig.
Sie hat Mut. Und ist taff.
„Wer ist deine Herrin?“ fragte Phenoma.
„Wer bist du?“ fragte die Kämpferin.
Phenoma kam die Begegnung surreal vor. Einerseits war sie hier mitten im Feindesland mit weiblichen Machtstrukturen konfrontiert. Andererseits könnte es das gar nicht geben. Die Samskarier hatten doch den Rat der Weisen ausgeschaltet. Entweder war eine dritte Macht am Werk oder es war eine Falle.
„Ich beantworte keine Fragen von jemanden, der sein Gesicht verdeckt und sich nicht vorstellt.“
Die junge Frau zog das Tuch herunter und ihr Gesicht kam zum Vorschein. Dann sagte sie, „Ich bin nur eine Novizin, mein Name ist nicht wichtig. Aber meine Herrin wünscht dich zu sehen. Im Namen des Weisen Rates von Mula.“
Dann gibt es also doch eine Untergrundbewegung.
Phenoma betrachtete die Frau genauer. Wie sie gedacht hatte war sie kaum älter als 25, aber das konnte auch täuschen. Zwischen den Tuch, das sie trug lugte ihre rechte Brustspitze heraus. Aus irgendwelchen Gründen trug sie nichts darunter. Ihr Gesicht drückte die Entschlossenheit eines Menschen aus, der schon viel von der Welt erfahren hat. Phenoma war sich relativ sicher, dass sie kein Spitzel der Samskarier war.
„Der Weise Rat hat sich gut versteckt.“ sagte Phenoma. „Wir haben seit 6 Jahren nichts mehr von ihm gehört.“
„Nur so konnten wir unerkannt bleiben. Meine Herrin hat all die Jahre darauf gewartet, dass sie Besuch aus Ashoka bekommt. Anscheinend ist es jetzt soweit.“
Das war gelinde gesagt eine Frechheit. Aber Phenoma lies sich nicht darauf ein.
„Ich habe eine Mission in Samskara. Dort muss ich schnellstmöglich hin. Der Rat der Weisen von Mula muss andere Wege finden, um mit Ashoka zu kommunizieren.“
Das Gesicht der Kämpferin wurde fest. „Aber die bist ein Drachenreiterin, oder nicht? Wie lautet dein Name?“
„Ich bin Phenoma, Herrin von Pern, und ja, ich bin eine Drachenreiterin.“
Das schien Eindruck auf sie zu machen. Ihre Züge entspannten sich wieder. „Kannst du mir das beweisen?“
„Warum sollte ich?“
Die Kämpferin machte eine Andeutung mit der rechten Hand in Richtung des Schwertgriffs, die kaum wahrnehmbar war. Phenoma wartete. Sie würde sich nicht einschüchtern lassen.
„Meine Herrin wird in der Lage sein, das zu überprüfen,“ sagte die junge Frau schließlich. „Sie könnte hier her kommen, um sich mit dir zu treffen. Ein Tag und eine Nacht Wartezeit müsstest du dafür einplanen. Anschließend helfen wir dir dabei, sicher nach Samskara zu kommen.“
Schau an, sie weiß offensichtlich doch etwas mehr als eine einfache Novizin.
Phenoma war zu neugierig, um dieses Angebot abschlagen zu können. Sie wollte wissen, mit wem sie es wirklich zu tun hatte. Und sie war immer noch gut im Zeitplan, einen Tag Pause sollte möglich sein.
„Gut, ich bin einverstanden. Das heißt du wartest mit mir hier?“
Die Kämpferin nickte.
„Dann möchte ich jetzt wissen, mit wem ich es zu tun habe.“
Sie zögerte und schien mit sich zu ringen. Ihr Gesicht blieb dabei ausdruckslos. „Ich bin Lyam,“ sagte sie schließlich. „Lyam von Coes“
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