Phenoma ritt nun eine befestigte Straße entlang. Sie hatte sich die Karte der Gegend gut eingeprägt. Im nächsten Dorf gab es eine Kontaktperson. Sie würde ihr bei der Weiterreise helfen.
Ashoka hatte ein altes Netz aus Kontakten in allen Ländern. Die Samskarischen Kontakte sind inzwischen in den Untergrund gegangen, aber in den besetzten Ländern sind die Kontaktpersonen den Offiziellen meistens nicht bekannt.
Phenoma erreichte das Dorf wie geplant am Mittag, während kaum jemand auf der Straße war. Der Ort bestand aus 6 alten Bauernhäusern. Etwas Abseits hinter einen kleinen Weiher fand sie das gesuchte Gebäude. Sie stieg vor dem Haus ab und band ihr Pferd an einen Baum. Dann ging sie zur knorrigen alten Eingangstür und klopfte.
Lange Zeit geschah nichts, dann hörte sie ein Geräusch aus dem Innern des Hauses. Phenoma klopfte erneut, diesmal lauter.
Die Tür wurde mit einem Ruck aufgerissen, und vor ihr stand eine alte Frau. Sie sah sie zunächst mit einem mürrischen Gesichtsausdruck an, dann stutzte sie. „Wer bis du?“ fragte sie mir einer rauen Stimme.
„Ich bin eine Gesandte aus Ashoka und bitte um Unterstützung.“
Die alte Frau riss die Augen auf. Dann trat sie heraus und sah sich prüfend um. Schließlich zeigte sie zum Pferd und sagte: „Bring deinen Gaul in die Scheune, dort gibt es Heu. Und dann komme schnell herein, bevor dich jemand sieht.“
In dem Haus war es geräumig und gemütlich. Im Küchenherd brannte ein Feuer und es roch nach Frühlingskräutern. Die Frau wies auf eine Bank neben dem Herd, und setzte sich selber leicht keuchend auf einen Stuhl gegenüber.
„Lange Zeit war niemand mehr aus Ashoka hier“, sagte sie. „Seit die Samskarier gekommen sind nicht.“
Sie goss sich und Phenoma einen Tee ein, den diese dankend entgegen nahm. „Mein Sohn wird sich um dich kümmern, wenn er wieder da ist. Im Augenblick ist er auf den Feldern.“
Phenoma nickte. „Ich danke dir für deine Gastfreundschaft. Wie ist dein Name?“
„Mein Name, ach, wem interessiert das. Früher wurde ich Enna die Flinke genannt, als die Weisen noch die Länder regierten und jeder Mensch einen Platz hatte in der Welt.“ Plötzlich rollte ihr Tränen über die Wange. „Heute ist alles anders. Heute haben wir nur noch zu funktionieren.“
Phenoma stand auf und legten einen Arm um sie. Ihr fiel keine Antwort ein.
„Ihr habt uns allein gelassen!“ rief Enna und weinte in Phenomas Armen. „Ihr habt uns ausgeliefert.“
Phenoma wusste immer noch keine Antwort. Aber sie war nicht einverstanden mit den Worten der Alten. Was hätten sie den tun sollen? Ashoka hatte Einfluss, aber es war genau genommen kein Staat. Wie hätten sie die Armeen der Samskarier aufhalten sollen, nachdem die Offiziellen dort die Macht übernommen hatte?
Sie rechtfertigte sich nicht, obwohl es ihr auf der Zunge brannte. Sie lies Enna weinen. Nach einigen Minuten hatte diese sich gefangen und erhob sich. „Ich habe noch etwas Arbeit, bevor die Männer wieder nach Hause kommen. Du kannst dir oben ein Zimmer zurecht machen.“
„Ich plane möglichst bald, vielleicht schon heute Abend weiter zu reisen,“ bemerkte Phenoma. Die Alte winke ab. „Egal, ich will dich hier unten nicht sehen. Bitte gehe nach oben, bis die Männer nach Hause kommen.“
Phenoma sagte nichts weiter und ging die massive Holztreppe nach oben. Sie fragte sich, ob dieser erste Kontakt mit Menschen außerhalb von Ashoka stellvertretend war für die weitere Reise.
Als es dunkel wurde hörte Phenoma wie unten Menschen eintrafen. Sie hatte sich inzwischen damit abgefunden, die Nacht in den Haus zu verbringen und erst am nächsten Tag weiter zu reisen, und hatte sich oben ein Platz zum Schlafen zurecht gemacht. Nun ging sie nach unten.
Es waren zwei Personen gekommen, ein Mann im mittleren Alter und ein Junge von vielleicht 11 Jahren, offensichtlich sein Sohn. Beide trugen die grobe Kleidung der Landarbeiter und sahen erschöpft vom Tag aus. Als sie Phenoma sahen, wich der erschöpfte Gesichtsausdruck einen puren Staunen. Phenoma übernahm die Initiative „Hallo, die Hausherrin hat mich freundlicherweise eingelassen. Ich komme aus den Bergen und bin auf Durchreise.“
Der Mann reichte ihr die Hand wie in Mula üblich. Dann sagte er zu seinem Sohn. „Dies ist ein besonderer Augenblick Genson. Zum ersten Mal stehst du vor einer echten Drachenreiterin.“
Genson schaute etwas verängstigt. „Dann reichte er ihr ebenfalls die Hand. „Wo ist dein Drache?“ fragte er.
Phenoma lachte. „Meinen Drachen konnte ich nicht mitnehmen, da ich heimlich reise. Ich hoffte, das ich bei euch einen Tipp bekomme, wie ich unbemerkt nach Samskara komme.“
Der Mann nickte, sein Sohn zuckte bei dem Namen das Ziels ein wenig zusammen.
Dann rief Enna aus der Küche „So kommt endlich rein, was steht ihr da auf dem Flur herum? Das Essen ist fertig.“
Das Essen bestand aus einer reichhaltigen Gemüsesuppe mit Kartoffeln. Phenoma hatte großen Hunger und aß mehrere Teller. Sie aßen schweigend.
„Wie sieht es aus in Akasha?“ fragte der Mann als sie fertig waren. Er hatte sich ihr als Ronnert vorgestellt.
„Der Orden der Drachenreiterinnen hat beschlossen in den Krieg einzugreifen.“ antwortete Phenoma.
Alle drei sahen sie erstaunt an. „Das sind ja unglaubliche Neuigkeiten,“ Ronnert wirkte erleichtert.
„Darauf haben wir 6 Jahre gewartet,“ brummte Enna zustimmend.
Phenoma nickte: „Es war keine leichte Entscheidung. Wir Drachenreiterinnen waren immer politisch neutral. Dies war ein Teil unseres Selbstverständnisses. Aber wie sich die Dinge entwickelt haben, konnten wir nicht länger neutral bleiben.“
„Was ist denn passiert?“ fragte Ronnert.
„Samskara hat Shashastra angegriffen.“
„Das ist keine neue Nachricht. Der Angriff war seit Jahren im Gespräch und vor 6 Monaten habe ich gehört, dass die Gefechte beginnen.“
Phenoma nahm sich noch einen von den auf den Tisch liegenden Äpfeln. „Ja, aber jetzt sah es so aus, als wenn Samskara gewinnen würde. Sie haben in der letzten Zeit beträchtliche technische Fortschritte gemacht und setzen neuartige Maschinen ein.“
„Und was hat das mit Ashoka zu tun?“
„Wir haben ein besonderes Verhältnis zu Shashastra. Die dortige Gesellschaft ist uns sehr verbunden. Sie wird von Frauen dominiert. Eine Niederlage würde ein Ende dieser Kultur bedeuten.“
„Als Mula besetzt wurde war es euch egal,“ schnaubte Enna. „Und jetzt, wo die Grazien dran glauben sollen, überlegt ihr es euch plötzlich anders.“
„Es war uns nie egal,“ antwortete Phenoma. „Wir haben gehofft, dass sich die Situation von alleine klärt. Akasha war immer schon politisch neutral. Dies aufzugeben ist für uns ein schwerer und gefährlicher Schritt.“
„Den ihr nur geht, weil mit den Fall von Shashastra eure eigene Existenz in Frage gestellt werden würde,“ schloss Ronnert und sah sie spöttisch an.
„In der Tat ist es unser Anliegen, dass die weibliche Macht auch im weltlichen Bereich nicht verschwindet,“ Phenoma war der Verlauf des Gespräches unangenehm. Auf der anderen Seite konnte sie die Argumente ihrer Gastgeber gut verstehen.
Trotzdem war sie der Meinung, dass der Orden, der Akasha seit Anbeginn regierte, richtig gehandelt hatte. Es war nicht die Aufgabe der Drachenhüterinnen, politische Systeme zu beeinflussen. Erst als die eigene Existenz tatsächlich bedroht war, war ein Eingreifen gerechtfertigt.
„Ich hoffe, dass ihr von einer möglichen Wende im Krieg profitiert. Die Armee der Samskarier ist jedenfalls durch den Angriff der Drachen ins Stocken geraten.“
Diese Aussage sorgte für sichtbare Erleichterung am Tisch.
„Vielleicht kommt Mutter dann bald zurück,“ meinte Genson, der sich bisher nicht in das Gespräch eingemischt hatte. Phenoma sah ihn fragend an.
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