Mit dem Titel des Bandes verband Celan vor allem die Sprach-problematik, die Modalitäten des Sprechens eines deutschjüdischen Dichters nach dem Trauma des Holocaust. Wie die Vor-bzw. Zwischenstufen des Bandes zeigen, hat der Dichter zuerst erwogen, jedem Zyklus einen eigenen Titel zu geben. In einem Brief vom 4. August 1958 an den damaligen Leiter des S. Fischer Verlags Rudolf Hirsch, der einige Bedenken gegenüber dem von Celan angebotenen Titel hatte, schreibt er:
Sprachgitter : dieser Titel kam seinerzeit unüberhörbar auf mich zu […], ich habe jetzt wieder das Unabdingbare dieses Titels im Ohr, bitte lassen Sie ihn mir! In meiner Vorstellung sollte auch der mittlere Zyklus des Bandes so heißen, diesem Zyklus gehen zwei andere vorauf, Stimmen und Stimmlos , auf Sprachgitter (als Zyklus) folgen die Zyklen Stimmhaft und Engführung — darin soll Konzeption und Struktur des Ganzen zum Ausdruck kommen. [10] Paul Celan / Rudolf Hirsch. Briefwechsel. Hrsg. von Joachim Seng. — Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 2004, S. 47.
Obwohl diese Titel in die Endfassung des Bandes nicht aufgenommen wurden, zeigen sie ganz gut, welche thematische Richtung der Dichter damit verfolgt hat. Es ging ihm um die Sprache, die sich vor allem durch die Stimme realisieren lässt. In der Zeit der Naziherrschaft musste sie aber, wie es in seiner Bremer Rede heißt, „durch ihre eigenen Antwortlosigkeiten […], durch furchtbares Verstummen […], durch die Tausend Finsternisse todbringender Rede” [11] Paul Celan. Der Meridian und andere Prosa, Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 1990, S. 38.
hindurchgehen, infolgedessen sie dem Ersticken nah war. Somit berührt hier der Dichter eines der schmerzhaftesten poetologischen Probleme — wie kann die Sprache nach „all dem” wieder stimmhaft werden. Dieser Weg führt also von der Stimmlosigkeit zur Stimmhaftigkeit, er ist aber nicht direkt, er muss durch diese tragische Erfahrung hindurchführen, durch das „Sprachgitter” und die „Engführung”.
Zur Zeit der Entstehung des Gedichtbandes Sprachgitter las Celan intensiv naturwissenschaftliche Literatur, darunter auch Texte aus dem Bereich der Geologie und der Mineralogie. Aus der letzten sollte er den Begriff des Kristalls entnommen haben, das ihm als Vorlage für sein Schlüsselbild Sprachgitter dienen könnte. Wie ein Kristall seine innere Struktur dem entsprechenden Raumgitter verdankt, so sollte der Aufbau seines Gedichtbandes eine ähnliche kristalline Struktur des Sprachgitters aufzeigen. Christoph Schwerin, der auf diesen Bezug hinweist, meint, dass für Celan „der Kristall Gedicht bedeutete und zugleich Welt und Wirklichkeit, Innenwelt und unbegrenzte Zeitlichkeit” [12] Christoph Schwerin. Bitterer Brunnen des Herzens. Erinnerungen an Paul Celan. In: Der Monat (Weinheim). — 33. Jg., Nr. 279, S. 75.
. Das klare strukturelle Gitterprinzip eines Kristalls bestimmt in großem Maße auch Ebenmaß und Durchsichtigkeit des Gedichtbandes von Celan.
Die beiden umfangreichen Gedichte — Stimmen und Engführung —, die das Buch als eigenständige Zyklen eröffnen und abschließen, bilden somit seine Umrahmung und verstärken die Symmetrie und Abgeschlossenheit des Bandes. Diese ausgeprägte strukturelle Gliederung hat aber noch eine — musikalische — Facette, die darin besteht, dass die Komposition von Sprachgitter ganz deutlich nach dem Prinzip der Fuge aufgebaut ist. Die Fuge (lat. fuga , buchstäblich „Flucht”) ist bekanntlich ein musikalisches Kompositionsprinzip polyphoner Mehrstimmigkeit, bei der ein musikalisches Thema in verschiedenen Stimmen durchgeführt und immer wieder auf unterschiedlicher Tonhöhe variiert wird. Aus dieser Sicht könnte man den Stimmen -Zyklus als eine „Exposition” betrachten, in der das Thema (Dux, lat. Führer) und ihre Variation (Comes, lat. Gefährte) zum ersten Mal exponiert werden, denen darauf in vier weiteren Zyklen die sog. „Durchführungen" folgen. In der Regel wird die Fuge mit einer virtuosen Steigerung (Engführung, ital. stretto) abgeschlossen, wobei die Einsätze sich quasi überstürzen. Dieses musikalische Verfahren, das ungefähr den Kanon nachahmt (der Begriff „Fuga” wurde bereits im 14. Jahrhundert auch für den Kanon verwendet), ist am krassesten im letzten Zyklus des Celanschen Bandes ( Engführung ) realisiert worden, wo die letzten Worte der vorhergehenden Partie von der nächsten aufgegriffen und als ihr Echo wiederholt werden. Auf diese Weise werden einzelne Partien kranzartig zu einer Einheit gewunden.
Das musikalische Prinzip verursacht im Sprachgitter auch die Technik der Leitmotive, die den Gedichtband durchdringen. Im ersten Zyklus dominiert das Motiv der Stimme als einer empirischen Form und Verkörperung des Sprechaktes und der Sprache schlechthin. Die Sprechbegabung ist von allen Lebewesen nur dem Menschen eigen, es ist also seine immanente Charakteristik. Die Unfähigkeit zu sprechen oder der Verlust der Sprache sind dem geistigen Tode des Menschen gleich. Daher ist das helle Erklingen der menschlichen Stimme eine Vorbedingung des bewussten Daseins. Im Stimmen -Zyklus kommen verschiedene Sprecharten vor — Stimmen, denen die Sprache weggenommen ist, oder jene, die in ihrem Sprechen nur flüstern dürfen, alttestamentarische Stimmen der Erzväter, die durch Jahrhunderte ihre fernen Nachkommen beschwören — bis zu völligem Erlöschen der Stimme („keine Stimme”), anstatt deren nur ein „Spätgeräusch” noch zu hören ist. Stimme ist hier auch mit dem poetischen Sprechen identisch, es ist für Celan ein durchaus selbstreflexives Thema, das mit der Existenz der Dichtung „nach Auschwitz” und mit seinen biographischen Umständen zu tun hat.
In dem zweiten Zyklus, der in den Vorstufen noch den Titel Stimmlos hatte, wechselt das Stimmhafte ins Visuelle, wobei sich das Gesehene dann in seelischen Prozessen verinnerlicht. Das Motiv des Auges ( Zuversicht, Unten ), der Seh- und Wahrnehmungsfähigkeit sowie der Hindernisse, die auf diesem Wege stehen („Schliere im Aug”), der Trauer um das Verlorene bestimmen die Thematik dieses Zyklus. Das lyrische Ich entgleitet hier „ins Stumme” ( Heimkehr ), die Stimme „sickert” nur noch ( Heute und morgen ).
Der dritte Zyklus beginnt mit dem Gedicht Tenebrae und leitet nicht nur das Motiv der Dunkelheit, sondern auch die Auseinandersetzung mit dem jüdischen Gottesglauben sowie das Leitmotiv des Holocaust ein. Weitere Motive des Auges ( Sprachgitter, Schneebett ), der Hand ( Matiere der Bretagne ), des Wortes ( Blumen ), des Steins ( Nacht, Schuttkahn ) und seiner verschiedenen Erscheinungsformen („Kies und Geröll”, „Schutt”) weisen auf sprachrefle-xive Problematik und auf die Suche nach der „graueren Sprache” hin. Hände und Augen sind hier Zeichen einer Bemühung um den ausbleibenden Dialog. Poetische Landschaften zeigen Bilder der anorganischen Natur — Öde, Wüste, Schneebett, „eiternde Hänge”, die als verfremdete Sprachlandschaften verstanden sind. Der allgemeine Ton ist düster, „herzgrau”, von Trauer erfüllt. Das programmatische Gedicht Sprachgitter artikuliert Unmöglichkeit oder Schwierigkeiten der Kommunikation.
Erst in beiden nächsten Zyklen werden die Stimmen wieder vernehmbar (in der Vorstufe des Bandes als Stimmhaft betitelt). Am Anfang des vierten Zyklus steht das Gedicht Köln, Am Hof , das auf die Wiederaufnahme der Liebesbeziehung zu Ingeborg Bachmann zurückgeht, und mit ihm kommt auch das erotische Motiv in diese Gedichte wieder mit hinein: „Herzzeit” ( In Mundhöhe, Eine Hand, Aber, Allerseelen ). Die wiedereroberte Fähigkeit zu sprechen wird vom Motiv des Atems begleitet, das zugleich das freie poetische Sprechen symbolisiert. Bildliche Begriffe von Mund, Lippe, Licht (Leuchter), Brunnen, Stunde, Stern beflügeln mehrere Gedichte aus diesen Zyklen, obwohl auch die Leitmotive des Auges und des Steins wieder auftauchen und elliptische Bilder der Meereslandschaften ( Niedrigwasser ) und Ödplätze ( Entwurf einer Landschaft, Bahndämme, Wegränder, Ödplätze, Schutt ) als imaginäre Sprachlandschaften zutage treten. Genauso wird die Zeit- („ihr (Jhren tief in uns”) und Schmerzproblematik („den Widerhaken gefühlt”) thematisiert, was manche Gedichte wieder an die Grenze des Schweigens rückt.
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