Und plötzlich drang neben seinem Lachen, wie ein weit entferntes Echo, auch das helle Lachen eines Kindes durchs Zimmer. Scott hörte es und wusste, dass es auch alle anderen hörten. Aber er merkte, dass sie es ebenso schnell und erfolgreich wieder verdrängten, wie er selbst es mit der Wahrheit getan hatte.
Nach und nach erstarb das Lachen.
Der Zeichner sackte im Rollstuhl nach vorn. Die Leinengurte verhinderten, dass er auf den Fußboden voller Blutpfützen kippte.
Kath!
Mit gespreizten Ellbogen schnellte Scott wie ein heranstürmender Linienrichter zur Tür. Und er hätte sie auch fast erreicht, da die anderen immer noch völlig gebannt dastanden.
Doch dann brüllte Bateman: »Halten Sie ihn auf!« Und fünf Männer kamen gemeinsam auf Scott zu, schlossen wie Kampfhunde einen immer engeren Kreis um ihn, in den Augen seltsame Scheu.
Dann fielen sie über ihn her, packten seinen ganzen Körper. Ein riesiger Unterarm legte sich um seinen Hals und schnürte ihm die Luft ab. Scott biss so lange zu, bis er Blut schmeckte und merkte, wie der Arm weggezogen wurde. Irgendjemand schrie vor Zorn und Schmerzen schrill auf. Gleich darauf griffen andere Arme zu und rangen ihn zu Boden. Eine Faust grub sich so in sein Brustbein, dass seine Lungenflügel zusammenfielen und ihm schwarz vor Augen wurde. Jetzt war der Krankenpfleger, den er gebissen hatte, wieder über ihm. Seine kräftigen Arme nahmen Scotts Oberschenkel in die Zange und hoben ihn hoch, stemmten ihn in die Luft.
Die Nadel, die in seine Hüfte stach, spürte er kaum.
Ketamin, dachte er, schnell wirkendes Zeug.
Durchströmt von reiner vulkanischer Energie wirbelte Scott Bowman herum, trat zu, wand sich und schlug mit den Armen um sich, bis er frei war. Mit einer einzigen flinken Bewegung sprang er über das Bett und durch die offene Tür. Aber noch während er den Gang hinunter und ins Schwesternzimmer taumelte, dessen Tür er hinter sich abschloss, begann die Droge zu wirken. Die Wählscheibe des Telefons schien sich zu verzerren und durchzuhängen, wie das Zifferblatt einer Dali-Uhr, und der voll gestopfte, kleine Raum wie Toffee-Masse um ihn herumzuwabern. Er schüttelte den Kopf, um ihn wieder klar zu bekommen, fand die Nummer, die er brauchte, und rief das Krankenhaus für Allgemeinmedizin in Danvers an.
»Geben Sie mir Station ...«, sagte er noch, ehe irgendjemand antwortete. Dann brach er zusammen. Mit leisem, ' dumpfen Knall schlug seine Stirn auf der Mappe auf, die auf dem Schreibtisch lag, aber niemand hörte es.
Maria Flasetto hielt mit ihrem Karren vor Zimmer 117 an und murmelte in ihrer italienischen Muttersprache ein Gebet. Sie hatte vor ihrer Schicht von dem Mord gehört, durch den Buschfunk, und da schon war ihr klar gewesen, dass man die Beseitigung dieser Schweinerei letztendlich ihr aufhalsen wurde. Maria war Putzfrau. Sie übernahm regelmäßig die Nachtschicht, damit sie ihren Tagesjob an der High-School behalten konnte. Und Zimmer 117 lag in ihrem Abschnitt des Hauptganges.
Sie nahm all ihren Mut zusammen und rollte den Karren ins Zimmer. Der Geruch fiel ihr als Erstes auf. Drüben in Italien hatte ihr Vater im Schlachthaus des Dorfes gearbeitet. Derselbe Geruch hatte in seiner Kleidung gehangen, wenn er abends nach Hause gekommen war. Als Mädchen hatte sich Maria ausgemalt, wie die Tiere, die ihr Vater schlachtete, mit letzter Kraft diesen Gestank produzierten, um sich gegen das gnadenlose Beil zu wehren. Eigentlich war es ein Gemisch verschiedener Gerüche: Es stank nach Urin, Gedärmen, leicht säuerlich nach Blut und noch nach etwas anderem, das nichts mit den Eingeweiden zu tun hatte, aber sehr alt roch.
Als Nächstes bemerkte sie das Blut. Während sie ihre Augen so weit aufriss, dass sie rund wie Porzellantassen wurden, wäre sie beinahe ohnmächtig geworden. Hinten in ihrer Kehle sammelte sich Galle, angeekelt stöhnte sie leise auf.
So viel Blut... Noch nie im Leben hatte sie so viel Blut gesehen.
Ihre tief religiösen Ängste machten sich in einem erschrockenen Schrei Luft und drängten sie zum Zimmereingang zurück, wo sie stehen blieb. Gleich darauf machte sie kehrt: Wenn sie das hier nicht beseitigte, würde sie vielleicht die Arbeit verlieren. Und das konnte sie sich nicht leisten, gerade jetzt nicht, wo Gino mit dem Studium anfing.
Heftig atmend machte sich Maria ans grässliche Werk. Sie begann damit, dass sie sich den Fußboden vornahm und aufwischte. Es verblüffte sie, wie schwer es war, das Blut von den Fliesen zu schrubben. Ihr wurde fast schlecht davon. Selbst an der Zimmerdecke klebte Blut.
Dio buono!
Während sie schrubbte, konnte sie nicht umhin, sich im Kopf die einzelnen Szenen des Verbrechens auszumalen. Gott, dachte sie, ich kenne diesen Dr. Bowman doch. Er hat immer wie ein solch netter Mann gewirkt und sich sogar die Zeit genommen, mit dem Reinigungspersonal zu reden. Hat uns das Gefühl gegeben, auf einer Stufe mit ihm zu stehen. Nie im Leben hätte ich ihn für wahnsinnig gehalten. Aber einen hilflosen alten Mann auf diese Weise umzubringen ... Was kann ihn nur dazu getrieben haben?
Während ihre stämmigen Beine sie kaum noch trugen, beugte sich Maria vor, um unter dem Bett sauber zu machen. Als sie zum dritten Mal schnell darunter fuhr, erwischte der Mopp eine zusammengeknüllte Papierkugel. Fast hätte sie die Kugel in den großen Müllsack geworfen, der an ihrem Karren befestigt war; doch dann hielt sie inne und entfaltete das Papier, da sie sich daran erinnerte, dass der alte Mann Künstler gewesen war.
Mit verwirrter Miene musterte sie die Zeichnungen eine Minute lang und legte sie danach zur Seite. Später, wenn sie hier fertig war, würde sie das Blatt der Krankenschwester geben. Was für ein Verbrechen, dachte sie und schwang ihren Mopp zur Decke empor. Ein hilfloser alter Mann, der so begabt gewesen ist...
Der Mann, der Vince Bateman gegenüber saß - er zeigte bereits Ansätze zur Glatze und hatte ein vogelartiges Gesicht blätterte fast ehrfürchtig durch den dicken Stapel von Zeichnungen. Peter Lloyd leitete die Psychiatrische Abteilung am Penatanguishene, der Landesklinik für geistig behinderte oder geistesgestörte Menschen, die straffällig geworden waren.
Bateman, in elegantes Glencheck gewandet und adrett wie immer, ging hinter seinem Schreibtisch auf und ab. »Seit der Tat hab ich bestimmt schon ein dutzend Mal mit Bowman gesprochen, und er besteht immer noch darauf, dass seine Geschichte die reine Wahrheit ist. Seine Wahnvorstellungen sitzen tief, Peter. Anfangs dachte ich, sie könnten einfach eine Art Reaktion sein - schließlich hat er seine Frau verloren und beinahe auch noch sein einziges Kind. Aber er weigert sich, von der Vorstellung abzurücken, dass der alte Mann irgendein böser Magier gewesen ist. Ein Magier, der sich für den Tod seiner Enkelin ... oder Tochter ... an ihm gerächt hat. Bowman hat auch irgendetwas Übles von Inzest dahergeschwafelt.«
Dr. Lloyd musterte Bateman über die halben Brillengläser hinweg. »Wie hat Bowman bei seiner Vorstrafe überhaupt die Zulassung zur Medizinischen Hochschule geschafft?«
»Er hat Fahrerflucht begangen, ist gemeinsam mit seinen Freunden getürmt ... Sofern man diesem Teil seiner Geschichte Glauben schenken möchte.«
Lloyd schüttelte mit einer Müdigkeit, die tief in seinen Augen lag, den Kopf. »Was ist mit seiner Tochter geschehen?«
»Sie hat sich wieder erholt. Offenbar haben die Ärzte und Schwestern in Massachusetts nicht damit gerechnet, zumindest nicht mit einer vollständigen Genesung. Derzeit wohnt sie bei Verwandten.«
»Durfte er sie schon sehen?«
»Nein, noch nicht. Er hat immer noch Phasen, in denen er außerordentlich gewalttätig ist, trotz aller Medikamente. Hat Halluzinationen und Albträume und behauptet, der alte Mann sei mit ihm da drinnen. Ich habe ihm persönlich versichert, dass es seiner Tochter gut geht, aber er will es nicht glauben. Ihre Leute werden selbst entscheiden müssen, wann der beste Zeitpunkt für einen Besuch des Mädchens gekommen ist.«
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