Ihn fror. Es war kalt geworden hier oben, und der Wind pfiff schrill um die Felsen. Auch rollten zuweilen mächtige Blöcke, die sich in der Mittagssonne aus dem Schnee gelöst hatten, die Berghänge herab. Sie sausten zwischen der Gesellschaft durch (was ein Glück war) oder über ihre Köpfe hinweg (was sehr aufregend war). Die Nächte waren klamm und eisig. Die Gesellschaft wagte nicht, zu singen oder laut zu sprechen, denn das Echo warf jedes Geräusch doppelt stark zurück. Sie hatten den Eindruck, daß die Stille nur vom Tosen des Wassers, dem Klagen des Windes und dem Krachen der Steine unterbrochen werden durfte.
Dort unten geht der Sommer weiter, dachte Bilbo, und die Heuernte und auch die Picknicks im Freien gehen weiter. Sie werden ernten und sogar in die Blaubeeren gehen, ehe wir den Abstieg auf der anderen Seite beginnen können.
Und auch die anderen hatten ähnliche trübe Gedanken, obgleich sie aufgeräumt von der überquerung des Gebirges und von einem raschen Ritt durch die Länder auf der anderen Seite gesprochen hatten.
Aber das war an einem hofFnungsvollen Mittsommermorgen gewesen, als sie von Elrond Abschied nahmen. In ihren Gedanken waren sie schon an der Geheimtür am Einsamen Berg angekommen.
»Vielleicht langen wir schon beim nächsten Herbstmond an«, hatten sie gesagt, »und wer weiß, am Ende ist es dann gerade der Durinstag. Nur Gandalf hatte den Kopf geschüttelt und nichts darauf erwidert, denn die Zwerge waren seit vielen Jahren diesen Weg nicht mehr gegangen. Gandalf aber kannte ihn, und er wußte, wie die schlimmen überraschungen und Gefahren im Einödland bedrohlich gewachsen waren, seitdem die Drachen die Menschen dort vertrieben und die Orks nach der Schlacht um die Bergwerke von Moria sich im geheimen ausgebreitet hatten. Selbst die guten Pläne weiser Zauberer wie Gandalf und rechter Freunde wie Elrond werden zuweilen zunichte gemacht, wenn man jenseits der Grenze des Einödlandes auf gefährliche Abenteuer auszieht. Gandalf war ein Zauberer, der klug genug war, das zu wissen.
Er wußte, daß etwas Unerwartetes geschehen konnte, und er wagte kaum zu hoffen, daß sie ohne Schrecken und Abenteuer über dieses riesengroße Gebirge gelangen würden, ein Niemandsland mit einsamen Gipfeln und Tälern, in denen keine Könige regierten. Und in der Tat, es gelang ihnen nicht.
Alles war gut, bis sie eines Tages in ein Gewitter gerieten – in mehr als ein Gewitter: in eine Schlacht von Gewittern. Ihr wißt, wie entsetzlich ein großes Gewitter im flachen Land oder in einem Flußtal sein kann, besonders, wenn zwei Gewitter mit mächtigem Getöse aufeinanderkrachen. Noch schlimmer aber sind Donner und Blitz nachts in den Bergen, wenn Stürme von Ost und West herantosen und die Schlacht in den Lüften beginnt. Die Blitze zersplittern auf den Gipfeln, und die Felsen erzittern, ein riesiges Getöse zerreißt die Luft und dringt grollend und dröhnend in jede Höhle und in jedes Loch.
Die Finsternis ist erfüllt von überwältigendem Lärm und plötzlichen Lichtflammen.
Niemals hatte Bilbo so etwas gesehen, niemals hatte er sich so etwas vorgestellt. Sie waren hoch an einer engen Stelle mit einem schrecklichen seitlichen Abfall tief hinab in ein düsteres Tal. Dort hatten sie unter einem überhängenden Felsen für die Nacht Schutz gesucht. Bilbo lag unter seiner Decke und zitterte von Kopf bis Fuß. Wenn er während eines Blitzes drunter hervorlugte, sah er jenseits des Tales die Steinriesen, die herausgekommen waren und sich zum Spaß Felsblöcke zuschleuderten. Die Riesen fingen die Felsen auf und warfen sie in die Finsternis, wo sie tief unten Bäume zerschmetterten oder krachend in tausend Stücke zersprangen. Dann rauschten die Winde, dann peitschten Regen und Hagel in jedwede Richtung, so daß der überhängende Fels keineswegs ein Schutz genannt werden konnte. Bald waren sie gänzlich durchnäßt. Ihre Ponys standen mit hängenden Köpfen, die Schwänze zwischen die Beine geklemmt, und einige wieherten aus Furcht. Sie konnten gut hören, wie die Riesen drüben im Gebirge in schallendes Gelächter und Gebrüll ausbrachen.
»Wir sind hier nicht gut untergebracht«, sagte Thorin. »Wenn wir nicht weggeblasen oder ersäuft oder vom Blitz erschlagen werden, so greift uns gewiß einer von diesen Riesen auf und tritt uns wie einen Fußball in den Himmel.«
»Richtig, aber wenn Ihr einen besseren Platz wißt, so führt uns doch hin«, sagte Gandalf, der mürrisch war und auch seinerseits keineswegs erbaut über die Riesen dort drüben.
Das Ende der Streiterei war, daß sie Kili und Fili ausschickten, einen besseren Schutz zu suchen. Die beiden hatten sehr scharfe Augen, und da sie, um etwa fünfzig Jahre jünger als die anderen, die jüngsten unter den Zwergen waren, wurden sie für gewöhnlich mit solchen Aufgaben betraut (nachdem jeder eingesehen hatte, daß es auch nicht den geringsten Zweck hatte, Bilbo loszuschicken). »Es geht nichts über das Suchen, wenn man etwas finden will«, so oder ähnlich äußerte sich Thorin den jungen Zwergen gegenüber. »Zwar findet man bestimmt etwas, aber gewöhnlich ist es durchaus nicht das, was man gesucht hat.« Und das war auch hier der Fall.
Bald kamen Kili und Fili zurückgekrochen. Sie klammerten sich vor dem Sturm am Felsen fest. »Wir haben eine trockene Höhle gefunden«, sagten sie, »nicht weit hinter der nächsten Felsnase. Auch die Ponys passen hinein.«
»Habt ihr die Höhle durch und durch erforscht?« fragte der Zauberer. Er wußte, daß Gebirgshöhlen selten unbewohnt waren.
»Ja, ja!« antworteten sie, obgleich jeder wußte, daß ihnen dazu gar keine Zeit geblieben sein konnte.
»Die Höhle ist nicht allzugroß und geht auch nicht allzutief in den Berg.«
Das ist natürlich die gefährliche Seite an Höhlen. Man weiß nicht, wie weit sie reichen, wo ihre Gänge hinführen und was darinnen auf einen wartet. Aber jetzt schien Kilis und Filis Bericht zu genügen. Sie standen auf und bereiteten ihren Umzug vor. Der Sturm heulte noch immer, der Donner grollte, und sie hatten Mühe, sich und die Ponys überhaupt voranzubringen. Indessen war es wirklich nicht weit zu gehen, und bald kamen sie an einen mächtigen Fels, der in den Pfad hereinragte. Als sie ihn umgangen hatten, fanden sie einen niedrigen Torbogen in der Bergseite. Es blieb gerade Platz genug, daß die Ponys, nachdem man sie abgepackt und abgesattelt hatte, sich durchquetschen konnten.
Als sie den Eingangsbogen passiert hatten, war es drinnen angenehm, sie hörten draußen Wind und Regen toben, anstatt beides auf der eigenen Haut zu spüren. Sie fühlten sich sicher vor den Riesen und den Felsblöcken. Aber der Zauberer wollte nichts aufs Spiel setzen. Er zündete seinen Zauberstab an, wie er es damals in Bilbos Speisezimmer getan hatte (wenn ihr euch erinnert – wie lange war das nun schon her!), und untersuchte die ganze Höhle von einem Ende zum andern.
Sie schien brauchbar zu sein, nicht zu groß und nicht zu unheimlich. Sie hatte einen trockenen Boden und einige gemütliche Nischen, an einem Ende war Raum für die Ponys, und dort standen sie, sehr erfreut über den Wechsel, dampften und schnauften in ihre Futterbeutel.
Oin und Gloin wollten am Eingang ein Feuer anzünden, um die Kleider zu trocknen, aber davon wollte Gandalf nichts wissen. So breiteten sie ihre nassen Sachen auf dem Boden aus und holten trockene aus den Bündeln hervor. Dann legten sie ihre Decken aus, machten es sich bequem, holten ihre Pfeifen hervor und bliesen Rauchringe in die Luft. Gandalf verwandelte sie in verschiedenfarbige, die er unter der Gewölbedecke tanzen ließ, um die Gesellschaft zu erheitern. Sie erzählten und erzählten, vergaßen den Sturm und stritten darüber, was jeder mit seinem Anteil am Schatz unternehmen würde (wenn sie ihn erst hätten, und das schien in diesem Augenblick gar nicht so unmöglich). Dann fiel einer nach dem anderen in Schlaf. Und dies war das letzte Mal, daß sie ihre Ponys besaßen, das Gepäck, die Vorräte, die Werkzeuge und all den anderen Kram, den sie mitgenommen hatten.
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