»Das glaube ich kaum.« Hawke grinste breit. »Hier geht alles so drunter und drüber, dass keiner so recht weiß, wo er Dienst tun soll. Das gilt insbesondere für die Wachen.«
»Hört mal«, schlug Rupert vor, »ich nehme euch gern mit, wenn ihr wollt.«
»Nett von Ihnen«, sagte Hawke höflich, »aber wir bleiben lieber hier. Wenn der neue König das Reich wieder aufbauen will, wird er alle Leute brauchen, die mit einer Waffe umgehen können. Und das bedeutet Beförderungen und mehr Sold für alte Hasen wie uns. Außerdem dürfen Sie nicht vergessen, dass wir jetzt Grundbesitzer sind. Sie selbst hatten uns das Land versprochen, und König Johann unterzeichnete die Schenkungsurkunden, bevor er in die letzte Schlacht zog.
Wer weiß, vielleicht werden unsere Nachkommen mal Gutsbesitzer oder gar Barone.«
»Das brächte das Königreich mal auf Zack«, meinte Rupert, und die Männer brachen in Gelächter aus.
Rupert und Julia schwangen sich auf die Pferde und ritten durch den Bergfried, dicht gefolgt von Sturmwind. Die Tore schlossen sich langsam hinter ihnen, nachdem sie das hochgezogene Fallgitter passiert hatten und auf die Zugbrücke ritten. Das Eis des Burggrabens war geschmolzen, aber das Monster ließ sich nirgends blicken. Rupert drängte zur Eile, und schon bald hatten sie die Bäume am Rand der Lichtung erreicht. Hinter ihnen wurde lautlos die Zugbrücke nach oben geklappt. Ein Glück, dass mir noch einf iel, die Rollen schmieren zu lassen, dachte Rupert. Gewöhnlich knirschen die verdammten Dinger so laut, dass die ganze Burg davon wach wird. Ihm kam der Gedanke, dass dies wohl der letzte Befehl war, den er erteilt hatte. Er wusste nicht recht, ob er das bedauern oder begrüßen sollte, aber dann überwog die Erleichterung. An der Spitze des kleinen Zuges drang Rupert in den Wald ein, bis zu einer Stelle, die man von der Burg aus nicht mehr sehen konnte. Dort zügelte er sein Pferd. Julia und das Einhorn hielten ebenfalls an.
»Drache?«, rief Rupert leise. »Wo bist du?«
»Hier.« Der Koloss richtete sich so unvermittelt hinter den Bäumen zu Ruperts Linken auf, dass die Pferde scheuten und sich erst nach langem Zureden wieder beruhigen ließen. Julia warf dem Drachen einen wütenden Blick zu.
»Entschuldigung«, murmelte der Drache und kam vorsichtig näher.
»Was immer du vorhast, verkneif dir ein Lächeln!«, warnte Rupert, nachdem sein Pferd ihm endlich wieder gehorchte.
»Ich glaube nicht, dass sie das jetzt schon verkraften. Bist du reisefertig?«
»Natürlich, Rupert. Aber könnten wir vielleicht einen kurzen Abstecher zum Drachenfels machen und meine Schmetterlingssammlung holen? Ich habe hier im Wald ein paar Prachtexemplare entdeckt, die ich meiner Sammlung gern einverleiben würde.«
»Klar«, meinte Julia. »Warum nicht?«
»Großartig«, sagte der Drache. »Wisst ihr, ich freue mich richtig auf diese Reise, egal, wohin sie führt. Ihr beide seid die aufregendsten Menschen, dich ich seit Jahrhunderten kennen gelernt habe. Immer da, wo sich was rührt. Mit euch wird das Leben bestimmt nicht langweilig.«
Rupert spähte mit Kennerblick in den Nachthimmel. »Der Morgen zieht bald herauf. Da vorn, irgendwo jenseits der Grenze, gibt es Länder, von denen das Waldkönigreich keine Ahnung hat. Seid ihr bereit für das große Abenteuer?«
»Worauf warten wir noch?«, fragte Julia.
Sie ritten den staubigen Pfad entlang, der tiefer in den Wald hineinführte, ließen die Wirklichkeit hinter sich und begaben sich ins Reich der Legenden. Und was immer ihnen unterwegs begegnete, sie meisterten es gemeinsam, Rupert, Julia, der Drache und das Einhorn. Helden allesamt.
Duell-Dolch, in der linken Hand (frz. main gauche) gehalten und zur Abwehr oder zum Brechen der Degenklinge verwendet wird.