Simon Green - Der Eiserne Thron

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Im Jahre des Herrn 22--: Mit eiserner Faust regiert Ihre Majestät Kaiserin Löwenstein XIV. das galaktische Imperium.
Plebejer und Adel leiden gleichermaßen unter ihrer Knute.
Owen Todtsteltzer, Lord von Virimonde, Letzter einer Linie berühmter Krieger, versucht sich der Aufmerksamkeit und den Launen der Herrscherin zu entziehen – und fällt gerade dadurch in Ungnade. Unversehens wird, ein Kopfgeld auf Owen ausgesetzt, und er muß zur zwielichtigen Nebelwelt fliehen, wo er eine Truppe ungleicher Verbündeter um sich schart. Ihr Ziel: den Eisernen Thron zu stürzen…

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»Was? Das Imperium soll seine eigenen Leute belügen?

Vergeßt die Idee rasch wieder. Und jetzt laßt uns aufbrechen, Investigator. Ich will die Rebellen einholen, bevor sie die Hadenmänner aufwecken können.«

»Schnickschnack«, sagte Frost.

So kam es, daß Schwejksam und Frost und der Esper Gräber gar nicht lange nach ihrer Ankunft auf der Wolflingswelt vorsichtig das Labyrinth des Wahnsinns betraten, gefolgt von einer kleinen Armee schwerbewaffneter Marineinfanteristen und Esper. Das Labyrinth verschluckte sie ohne ein einziges Geräusch, und innerhalb von Sekunden waren sie aus den Augen derer verschwunden, die wartend hinter ihnen zurückblieben. Dram beobachtete mit unbewegtem Gesicht, wie die Truppen ins Labyrinth vorstießen, einer nach dem anderen, und er blickte noch lange auf die rätselhaft glänzenden Wände, nachdem der letzte seiner Leute verschwunden war. Unter seinem langen Umhang, unsichtbar für jeden Beobachter, waren seine Hände so fest zu Fäusten geballt, daß die Knöchel weiß hervortraten.

Zuerst schien das Labyrinth ein ganz normales Labyrinth zu sein. Jede der glänzenden Wände sah genau aus wie alle anderen, und was das Labyrinth auch immer an Überraschungen für sie bereithielt, es schien sie für sich behalten zu wollen.

Gräber übernahm von Anfang an die Führung. Er hielt den Kopf hoch erhoben, als wollte er den richtigen Weg mit der Nase erschnüffeln. Der Esper wählte die Abzweigungen und Biegungen mit unerschütterlicher Sicherheit und Konzentration, und Frost und Schwejksam folgten ihm dicht auf dem Fuß. Frost hielt kampfbereit Schwert und Disruptor in den Händen, und Schwejksam achtete ebenfalls darauf, die Hand stets in der Nähe seiner Waffe zu haben, ohne sie jedoch zu berühren. Er wollte nicht, daß seine Leute ihm die Nervosität anmerkten. Es war schlecht für die Moral, ganz zu schweigen von der Disziplin. Seine Leute marschierten in einer langen Reihe hinter ihm her, und Infanteristen und Esper schienen sich gleichermaßen unwohl zu fühlen. Die Männer blieben dicht beisammen, und die Unterführer hatten alle Mühe, ihre Leute daran zu hindern, sich zu einem wirren Haufen zusammenzudrängen. Es wurde wenig gesprochen, und die bleierne Stille ringsum ermutigte auch keine Unterhaltung. Wenn etwas auf sie zukam, und die Infanteristen waren sich mit jedem Schritt sicherer, daß etwas auf sie zukam, dann wollten sie es rechtzeitig hören. Die Esper konzentrierten sich auf ihren mentalen Schild und versuchten, überhaupt nicht an das verdammte Labyrinth zu denken.

Es dauerte wirklich nicht lange, bis Schwejksam herausfand, daß er das Labyrinth nicht mochte. Die Atmosphäre war bedrückend, und die schmalen Wege zwischen den schimmernden Wänden erweckten allmählich ein unbehagliches, klaustrophobisches Gefühl in ihm. Er fühlte sich wie in einem Sarg. Der letzte Gedanke sorgte dafür, daß sich die Falten auf Schwejksams Stirn noch weiter vertieften. Normalerweise gehörten beengte Räumlichkeiten nicht gerade zu den Dingen, die ihn erschreckten. Die vollgestopften Gänge und Quartiere an Bord eines Raumschiffes sorgten dafür, daß jede Form von Klaustrophobie rasch heilte, oder man wurde gefeuert. Aber das Labyrinth… irgendwie schien es überwältigend.

Schwejksam fühlte sich beinahe wie eine Laborratte, die durch das Labyrinth eines Wissenschaftlers huschte, ohne je darauf hoffen zu können, ihre Umgebung zu begreifen. Es lag weniger an der Größe des Labyrinths, sondern eher daran, daß er sich so klein fühlte.

Plötzlich lag eine eigenartige Spannung in der Luft, ein untrüglicher Hinweis, daß etwas geschehen würde. Etwas sehr, sehr Unangenehmes. Die Luft flimmerte, als sei sie kochend heiß, aber es war bitter kalt. Es roch nach Essig und brennendem Laub. Öliges Metall und alte Limonen brannten auf Schwejksams Zunge. Alle Farben schienen mit einem Mal unnatürlich grell zu leuchten, und Schwejksams verzerrte Reflexion in den glänzenden Metallwänden war irgendwie falsch. Monströs falsch. Er konnte das Zwitschern metallener Vögel hören, das Schreien von Säuglingen, und eine vereinzelte eiserne Glocke schlug weit, weit entfernt. Schwejksam schluckte mühsam und versuchte angestrengt sich zu konzentrieren, doch seine Gedanken schienen über das gesamte Labyrinth verstreut zu sein, und einige schienen überhaupt nicht seinem Kopf zu entspringen.

Gräber blieb unvermittelt stehen, und Schwejksam hätte den Esper beinahe umgerannt. Er hielt ebenfalls an und blickte sich wachsam um. Frost kam heran, mit erhobenem Schwert und schußbereitem Disruptor. Schwejksam konnte fühlen, wie der Rest seiner Leute stolpernd anhielt. Niemand sprach ein Wort, doch die Spannung lag so fühlbar in der Luft, daß sie ihn beinahe erdrückte. Schwejksam blickte hoch, aber dort war nur dieselbe undurchdringliche Finsternis zu sehen, die sie bereits die gesamte Zeit über begleitet hatte. Er blickte wieder auf die stählernen Wände, und sein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen, als er bemerkte, daß der glänzende Stahl keine Reflexionen mehr zeigten, weder von ihm noch von einem seiner Leute. Frost atmete rauh und stoßweise an seiner Seite. Sie schien beinahe zu zittern vor Lust auf einen Feind, auf den sie sich werfen konnte. Gräber starrte unbeweglich geradeaus. Seine Augen quollen noch weiter hervor als gewöhnlich. Sein Blick war auf etwas fixiert, das nur er alleine sehen oder fühlen konnte.

»Was ist los?« wollte Schwejksam barsch fragen, doch statt dessen würgte er die Worte nur hervor. »Eine Falle?«

»Es weiß, daß wir hier sind«, erwiderte Gräber, und seine völlig normale Stimme wirkte in der umgebenden Stille beinahe schmerzlich laut. »Es… es will uns nicht. Wir sind zu

… unflexibel. Wir sind nicht fähig, die Veränderungen zu ertragen, die es an uns durchführen möchte. Wir würden den Prozeß nicht überleben.«

»Wie weit sind wir vom Ausgang entfernt?« fragte Schwejksam, indem er versuchte, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. »Und wie weit sind die Rebellen vor uns?«

»Wir müssen umkehren, Kapitän.« Gräbers Stimme klang flach und kompromißlos. »Es will nicht, daß wir weitergehen. Es ist gefährlich für uns, hierzubleiben.«

»Wovon zur Hölle redet Ihr, Esper?« fauchte Frost. »Was seht Ihr?«

Gräber wandte sich zu Investigator Frost um, und plötzlich sickerte Blut aus seinen Augenlidern hervor und rann langsam über seine Wangen wie purpurne Tränen. Dann explodierten seine Augen mit einem weichen, nassen Geräusch, und Blut und andere Flüssigkeiten spritzten über Frosts Gesicht. Sie knurrte angewidert, aber sie wich nicht einen Zentimeter zurück. Blut floß in Strömen aus Gräbers Mund und Nase, aus seinen Ohren und den leeren Augenhöhlen. Schwejksam packte den Esper am Arm. Er schien förmlich zu Staub zu zerfallen. Der Esper klappte zusammen und sank langsam und würdevoll zu Boden, nur noch eine leere Hülle voller Blut.

Schwejksam und Frost stellten sich Rücken an Rücken, die Waffen kampfbereit in den Händen.

Ringsum waren Schreie zu hören, und einige davon klangen nicht im geringsten menschlich. Ein Marineinfanterist rannte auf Schwejksam zu. Er hatte seine Waffen weggeworfen und hielt sich mit beiden Hände die Ohren zu, als würde er unter entsetzlichem Lärm leiden. Er rannte einfach weiter, selbst als Schwejksam ihm in den Weg trat, und dann geradewegs durch den Kapitän hindurch wie ein Geist. Schwejksam warf sich herum und wollte dem Mann hinterhersehen, aber es gab keine Spur mehr von ihm. Er stellte sich wieder Rücken an Rücken mit Investigator Frost, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie der Kopf eines seiner Leute explodierte, als hätte jemand eine Granate hineingesteckt. Ein Schauer von Knochensplittern, Hirn und Blut fetzte durch die schreiende Masse von Soldaten und Espern.

Einer der Esper verschwand einfach, und Luft fuhr knallend in das Vakuum, wo er noch einen Augenblick zuvor gestanden hatte. Andere Esper schrien und lachten. Ihre Augen blickten leer in die Gegend. Ein Infanterist fiel in eine der Metallwände und verschwand, als hätte die Wand ihn absorbiert. Mitten im Gewühl erschien etwas Grauenerregendes: Ein Gewirr von Blut und Knochen und Eingeweide das vielleicht einmal ein Mensch gewesen war. Es streckte seine tropfende Hand nach Frost aus, bevor es mit einem nassen Klatschen wieder verschwand. Frost schüttelte heftig den Kopf, als pulsierender Kopfschmerz in ihren Schläfen zu rasen begann. Ihre Hände zitterten, aber sie hielten unverwandt die Waffen erhoben.

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