»Allerdings«, antwortete Elinor eisig. »Und deshalb staple ich sie auch nicht wie Eierkartons oder Käsescheiben. Jedes hat seinen Platz.«
Orpheus ließ diese Feststellung nur noch breiter lächeln. Er schlug das Buch zu, nachdem er ein Eselsohr in eine der Seiten gemacht hatte. Elinor zog scharf den Atem ein.
»Bücher sind keine Glasvasen, meine Liebe«, sagte Orpheus, während er sich aufsetzte. »Sie sind weder so zerbrechlich noch so dekorativ. Es sind Bücher! Ihr Inhalt ist es, auf den es ankommt, und der rutscht nicht heraus, wenn man sie stapelt.« Mit der flachen Hand strich er sich über das glatte Haar, als hätte er Sorge, der Scheitel sei ihm verrutscht. »Zucker sagt, Sie wollten mich sprechen?«
Elinor warf dem Schrankmann einen ungläubigen Blick zu. »Zucker?«
Der Riese lächelte und entblößte eine solch einzigartige Sammlung schlechter Zähne, dass Elinor nicht weiter nach dem Grund für seinen Namen fragte.
»Ja, allerdings. Seit Tagen will ich Sie sprechen. Ich verlange, dass Sie mich und meinen Bibliothekar aus dem Keller lassen! Ich bin es leid, in meinem eigenen Haus in einen Eimer zu pinkeln und nicht zu wissen, ob es Tag oder Nacht ist. Ich verlange, dass Sie meine Nichte und ihren Mann zurückholen, die durch Ihre Schuld in größter Gefahr sind, und ich verlange, dass Sie Ihre dicken Finger von meinen Büchern lassen, verdammt noch mal!«
Elinor klappte den Mund zu - und verfluchte sich selbst, mit jedem Fluch, der ihr auf die Schnelle einfiel. O nein! Was hatte Darius ihr immer wieder gesagt? Was hatte sie selbst sich hundertmal gesagt, während sie da unten auf der grässlichen Luftmatratze lag? Beherrsch dich, Elinor, sei klug, Elinor, zügle deine Zunge. alles umsonst. Sie war geplatzt wie ein zu straff aufgeblasener Ballon.
Orpheus aber saß immer noch da, die Beine übereinander geschlagen, und hatte dieses unverschämte Lächeln auf den Lippen. »Vermutlich könnte ich sie zurückholen. Ja, vermutlich!«, sagte er, während er seinem Hund den hässlichen Schädel tätschelte. »Aber warum sollte ich?« Mit seinem plumpen Zeigefinger fuhr er über den Umschlag des Buches, dem er noch eben auf so grausame Weise die Seite verknickt hatte. »Das ist ein schöner Umschlag, nicht wahr? Etwas kitschig vielleicht, außerdem stelle ich mir Feen anders vor, aber dennoch.«
»Ja, er ist schön, ich weiß, aber der Umschlag interessiert mich jetzt nicht!« Elinor versuchte, nicht laut zu werden, aber es gelang ihr einfach nicht. »Wenn Sie die beiden zurückholen können, dann tun Sie es endlich, verflucht noch mal! Bevor es zu spät ist. Die Alte will ihn umbringen, haben Sie das nicht gehört? Sie will Mortimer umbringen!«
Mit gleichgültiger Miene rückte Orpheus sich die zerknitterte Krawatte zurecht. »Nun, er hat Mortolas Sohn umgebracht, soweit ich das verstanden habe. Auge um Auge, Zahn um Zahn, wie es so schön in einem anderen nicht ganz unbekannten Buch heißt.«
»Ihr Sohn war ein Mörder!« Elinor ballte die Fäuste. Sie wollte auf das Mondgesicht zustürmen, ihm ihr Buch aus den Händen reißen, diesen Händen, die so weich und weiß aussahen, als hätten sie nie in ihrem Leben etwas anderes getan als Buchseiten umzublättern, aber Zucker trat ihr in den Weg.
»Ja, ja, ich weiß.« Orpheus stieß einen tiefen Seufzer aus. »Ich weiß alles über Capricorn. Ich habe das Buch, das seine Geschichte erzählt, unzählige Male gelesen, und ich muss sagen, er war ein sehr guter Bösewicht, einer der besten, die mir je im Reich der Buchstaben begegnet sind. So jemanden einfach umzubringen, also, wenn Sie mich fragen. ein kleines Verbrechen ist das schon. Obwohl ich für Staubfinger froh darüber bin.«
Oh, wenn sie ihn doch nur hätte schlagen können, nur ein einziges Mal, auf die breite Nase, auf den lächelnden Mund!
»Capricorn hat Mortimer verschleppen lassen! Er hat seine Tochter eingesperrt und seine Frau jahrelang gefangen gehalten!« Elinor traten Tränen in die Augen, Tränen der Wut und der Hilflosigkeit. »Bitte! Herr Orpheus oder wie Sie sonst heißen!« Sie wandte all ihre Kraft und Beherrschung auf, um halbwegs freundlich zu klingen. »Bitte! Holen Sie die beiden zurück, und wenn Sie schon dabei sind, bringen Sie auch Meggie wieder her, bevor sie dort drüben von einem Riesen zertreten oder einer Lanze aufgespießt wird.«
Orpheus lehnte sich zurück und musterte sie wie ein Bild auf einer Staffelei. Wie selbstverständlich er ihren Sessel in Besitz genommen hatte - als hätte Elinor nie darin gesessen, mit Meggie neben sich oder, so viel früher, mit Resa auf dem Schoß, als die noch ein ganz kleines Ding gewesen war. Elinor würgte ihre Wut hinunter. Beherrsch dich!, befahl sie sich, während ihr Blick an Orpheus’ blassem bebrilltem Gesicht klebte. Beherrsch dich. Für Mortimer und Resa und für Meggie!
Orpheus räusperte sich. »Also, ich weiß gar nicht, was Sie haben«, sagte er, während er seine Fingernägel betrachtete, abgekaut wie die Nägel eines Schuljungen. »Ich beneide die drei!«
Einen Moment lang begriff Elinor nicht, wovon er sprach. Erst als er fortfuhr, wurde es ihr klar.
»Wie kommen Sie darauf, dass sie zurückwollen?«, fragte er leise. »Wenn ich dort wäre, ich würde nie wieder zurückkommen! Es gibt keinen Ort auf dieser Welt, nach dem ich mich je auch nur halb so sehr gesehnt hätte wie nach dem Hügel, auf dem die Burg des Speckfürsten liegt. Zahllose Male bin ich über den Markt von Ombra geschlendert, habe zu den Türmen emporgeschaut, zu den Fahnen mit dem Löwen in der Mitte. Ich habe mir ausgemalt, wie es ist, durch den Weglosen
Wald zu streifen und Staubfinger dabei zu beobachten, wie er den Feuerelfen ihren Honig stiehlt. Ich habe mir die Spielfrau vorgestellt, in die er verliebt ist, Roxane. Ich habe in Capricorns Festung gestanden und die Brühe gerochen, die Mortola aus Eisenhut und Schierling braute. Die Burg des Natternkopfes kommt noch heute oft in meinen Träumen vor, manchmal stecke ich in einem ihrer Kerker, manchmal schleiche ich mit Staubfinger durch das Tor, sehe hinauf zu den Köpfen der Spielmänner, die der Natternkopf hat aufspießen lassen, weil sie das falsche Lied gesungen haben. Bei allen Buchstaben der Welt! Als Mortola mir ihren Namen nannte, dachte ich, sie sei verrückt. Gut, sie und Basta ähnelten den Figuren, die sie zu sein behaupteten, aber konnte es tatsächlich sein, dass jemand sie aus meinem Lieblingsbuch hierher geholt hatte? Gab es tatsächlich noch andere, die so lesen konnten wie ich? Erst als Staubfinger auf mich zukam, in dieser muffigen, schlecht sortierten Bibliothek, glaubte ich es. O Gott, wie mir das Herz schlug, als ich sein Gesicht sah mit den drei blassen Narben, die Bastas Messer hinterlassen hatte! Es klopfte heftiger als an dem Tag, an dem mich zum ersten Mal ein Mädchen küsste. Er war es tatsächlich, der traurige Held meines allerliebsten Lieblingsbuches. Und ich ließ ihn wieder darin verschwinden. Aber mich selbst? Hoffnungslos.« Er lachte auf, bitter und traurig. »Ich hoffe nur, dass er nicht doch noch sterben muss, wie es dieser Narr von einem Autor für ihn vorgesehen hat. Aber nein! Es geht ihm gut, da bin ich sicher, Capricorn ist schließlich tot, und Basta ist ein Feigling. Wissen Sie, dass ich diesem Fenoglio mit zwölf Jahren geschrieben habe, dass er seine Geschichte ändern muss oder zumindest eine Fortsetzung schreiben, in der Staubfinger zurückkommt? Er hat mir nie geantwortet, ebenso wenig wie Tintenherz je eine Fortsetzung bekam. Tja.« Orpheus stieß einen tiefen Seufzer aus.
Staubfinger, Staubfinger. Elinor presste die Lippen aufeinander. Wen interessierte, was mit dem Streichholzfresser war? Ruhig, Elinor, platz nicht schon wieder heraus, diesmal musst du es klug anstellen, klug und überlegt. Nicht die leichteste Aufgabe.
»Hören Sie zu. Wenn Sie so gern in diesem Buch stecken würden.« Sie schaffte es tatsächlich, dass ihre Stimme klang, als wäre ihr nicht sonderlich wichtig, worüber sie sprach. »Wieso holen Sie nicht einfach Meggie zurück? Meggie weiß, wie man sich selbst in eine Geschichte hineinliest. Sie hat es getan! Bestimmt kann Sie Ihnen erklären, wie es geht, oder Sie auch hinüberlesen!«
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