»Na bitte, das ist ein Zeichen!«, raunte Fenoglio Meggie zu. »Wenn der verschwindet, ist es kein Verlust. Außerdem -woher willst du wissen, dass überhaupt jemand verschwindet? Das passiert doch wohl nur, wenn man jemanden herbeiliest, der in seiner Geschichte eine Lücke hinterlässt, die gefüllt werden muss. Unser neuer Cosimo aber hat noch keine eigene Geschichte! Er wird heute und hier geboren werden, aus diesen Worten!«
Ja. Vielleicht hatte er Recht.
Das Klappern der Hufe mischte sich mit dem Klang von Meggies Stimme: »Die Nacht war still in Omhra, so still«, las sie. »Die Wunden, die die Gepanzerten geschlagen hatten, waren noch nicht verheilt, manche würden nie heilen.« Und plötzlich dachte sie nicht mehr an die Angst, die sie am Morgen gespürt hatte, nur noch an den Zorn, den Zorn auf Männer, die sich in Panzer hüllten und Frauen und Kinder mit spitzen Eisenschuhen in den Rücken traten. Der Zorn machte ihre Stimme kräftig und voll, Leben weckend.
»Türen und Fenster waren verriegelt, und dahinter weinten die Kinder, leise, als hielte die Furcht selbst ihnen die Münder zu, während ihre Eltern in die Nacht hinausstarrten mit der bangen Frage, wie dunkel die Zukunft werden würde unter ihrem neuen Herrn. Doch plötzlich hallten Hufschläge durch die Gasse der Schuster und Sattelmacher...« - Wie leicht die Worte kamen. Sie flossen Meggie über die Zunge, als hätten sie darauf gewartet, gelesen zu werden, zum Leben zu erwachen in genau dieser Nacht. »Die Menschen hasteten an die Fenster. Voll Angst blickten sie hinaus, in der Erwartung, einen der Gepanzerten zu sehen oder gar den Pfeifer selbst mit seiner Silbernase. Doch jemand anderes ritt zur Burg hinauf, jemand, dessen Anblick ihnen so vertraut war und sie doch erblassen ließ. Der Ankömmling, der durch das schlaflose
Ombra ritt, trug das Gesicht ihres toten Fürsten, Cosimo des Schönen, der nun schon so lange in seiner Gruft ruhte. Auf einem weißen Pferd kam sein Abbild die Gasse heraufgeritten, und er war so schön, wie die Lieder es von Cosimo erzählten. Er ritt durch das Burgtor, über dem das Banner des Natternkopfes wehte, und zügelte sein Pferd auf dem nächtlich stillen Hof. Für alle, die ihn dort im Mondlicht sahen, hoch aufgerichtet auf seinem weißen Pferd, war es, als sei Cosimo nie gestorben. Da hatte das Weinen ein Ende, das Weinen und die Angst. Das Volk von Ombra feierte, und aus den entferntesten Dörfern kamen die Menschen, um den zu sehen, der das Gesicht eines Toten trug, und sie flüsterten: Cosimo ist zurück. Cosimo der Schöne. Er ist zurückgekehrt, um den Platz seines Vaters einzunehmen und um Ombra vor dem Natternkopf zu schützen.<
Und so kam es. Der Retter bestieg den Thron und das Mal der Hässlichen verblasste auf ihrem Gesicht. Cosimo der Schöne aber ließ den Hofdichter seines Vaters zu sich rufen, um seinen Rat zu hören, denn man hatte ihm von seiner Klugheit berichtet, und eine große Zeit brach an.«
Meggie ließ das Pergament sinken. Eine große Zeit ...
Fenoglio hastete ans Fenster. Auch Meggie hatte es gehört -Hufschläge -, aber sie stand nicht auf.
»Das muss er sein!«, flüsterte Fenoglio. »Er kommt, oh, Meggie, er kommt! Hör doch!«
Aber Meggie saß immer noch da und blickte auf die geschriebenen Worte in ihrem Schoß. Es schien ihr, als atmeten sie. Fleisch aus Papier, Blut aus Tinte. Sie war plötzlich müde, so müde, dass der Weg zum Fenster viel zu weit schien. Wie ein Kind fühlte sie sich, das allein hinunter in den Keller gestiegen war und nun Angst hatte. Wenn Mo doch nur da gewesen wäre.
»Gleich! Gleich muss er vorbeireiten!« Fenoglio beugte sich so weit aus dem Fenster, als wollte er sich kopfüber auf die Gasse stürzen. Wenigstens war er noch da - und nicht verschwunden so wie damals, als sie den Schatten gerufen
hatte. Aber wohin hätte er auch verschwinden sollen?, dachte Meggie. Es schien nur noch eine Geschichte zu geben, diese Geschichte, Fenoglios Geschichte. Sie schien keinen Anfang und kein Ende zu haben.
»Meggie! Nun komm doch!« Aufgeregt winkte er sie zu sich. »Du hast wundervoll gelesen, ganz wundervoll! Aber das weißt du vermutlich. Einige Sätze gehörten nicht zu meinen besten, ab und zu holperte es etwas, und ein bisschen mehr Farbe hätte nicht geschadet, doch was soll’s! Es hat funktioniert! Bestimmt hat es funktioniert!«
Es klopfte.
Es klopfte an der Tür. Rosenquarz lugte mit besorgtem Gesicht aus seinem Nest und Fenoglio wandte sich um, erschrocken und ärgerlich zugleich.
»Meggie?«, flüsterte eine Stimme. »Meggie, bist du da?«
Es war Farids Stimme.
»Was will der denn hier?« Fenoglio stieß einen wenig feinen Fluch aus. »Schick ihn weg! Den können wir jetzt nun wirklich nicht gebrauchen. Oh, da! Da kommt er! Meggie, du bist eine Zauberin!«
Der Hufschlag wurde lauter. Aber Meggie ging nicht zum Fenster. Sie lief zur Tür. Farid stand davor, mit bedrücktem Gesicht. Es schien fast, als hätte er geweint. »Gwin, Meggie. Gwin ist wieder da«, stammelte er. »Ich versteh nicht, wie er mich gefunden hat! Ich hab sogar Steine nach ihm geworfen.«
»Meggie!« Fenoglios Stimme klang mehr als ärgerlich. »Wo bleibst du?«
Wortlos griff sie nach Farids Hand und zog ihn mit sich zum Fenster.
Ein weißes Pferd kam die Gasse herauf. Sein Reiter hatte schwarzes Haar, und sein Gesicht war ebenso jung und schön wie das der Standbilder auf der Burg. Nur die Augen waren nicht steinweiß, sondern dunkel wie sein Haar und lebendig. Er sah sich um, als wäre er gerade erst aus einem Traum erwacht, einem Traum, der nicht ganz zu dem passen wollte, was er nun sah.
»Cosimo!«, flüsterte Farid fassungslos. »Der tote Cosimo.«
»Nun, nicht ganz«, raunte Fenoglio. »Erstens ist er nicht tot, wie du wohl unschwer erkennen kannst, und zweitens ist es nicht der Cosimo. Es ist ein neuer, ein nagelneuer, den Meggie und ich zusammen erschaffen haben. Natürlich wird das niemand merken, niemand außer uns.«
»Auch seine Frau nicht?«
»Nun, mag sein, dass sie es merkt! Aber wen kümmert’s? Sie geht ja kaum einen Schritt aus der Burg.«
Cosimo zügelte sein Pferd, kaum einen Meter vor Minervas Haus. Meggie trat unwillkürlich vom Fenster zurück. »Und er selbst?«, flüsterte sie. »Für wen hält er selbst sich?«
»Was für eine Frage. Natürlich für Cosimo!«, antwortete Fenoglio ungeduldig. »Nun bring mich nicht durcheinander, um Himmels willen. Wir haben nur dafür gesorgt, dass die Geschichte so weitergeht, wie ich es einmal geplant hatte. Nichts mehr und nichts weniger!«
Cosimo wandte sich im Sattel um und starrte die Gasse hinunter, die er gekommen war - als hätte er etwas verloren, aber vergessen, was es war. Dann schnalzte er leise mit der Zunge und trieb sein Pferd weiter, vorbei an der Werkstatt von Minervas Mann und dem schmalen Haus, in dem der Bader lebte, über dessen Zahnziehkünste Fenoglio so oft schimpfte.
»Das ist nicht gut.« Farid wich vom Fenster zurück, als wäre der Teufel selbst vorbeigeritten. »Es bringt Unglück, die Toten zu rufen.«
»Er war nie tot, verdammt noch mal!«, fuhr Fenoglio ihn an. »Wie oft muss ich das noch erklären? Er wurde heute geboren, aus meinen Worten und Meggies Stimme, also rede nicht so dumm daher. Was willst du überhaupt hier? Seit wann besucht man anständige Mädchen mitten in der Nacht?«
Farid lief dunkel an. Dann drehte er sich wortlos um und ging zur Tür.
»Lass ihn in Ruhe! Er kann mich besuchen, wann er will!«, fuhr Meggie Fenoglio an. Die Treppe war glitschig vom Regen und sie holte Farid erst auf den letzten Stufen ein. Er sah so traurig aus.
»Was hast du Staubfinger erzählt? Dass Gwin uns nachgelaufen ist?«
»Nein, ich hab mich nicht getraut.« Farid lehnte sich gegen die Hauswand und schloss die Augen. »Du hättest sein Gesicht sehen sollen, als er den Marder sah. Meinst du, dass er jetzt sterben muss, Meggie?«
Читать дальше