»Gut. Gehen wir!«
Kaum hatte Richard den oberen Treppenabsatz erreicht, stieß ihn eine Flammenexplosion im Raum hinter ihm der Länge nach zu Boden. Cara landete auf seinen Beinen, als eine gelb-orangefarbene Stichflamme den Treppenschacht erhellte und das gesamte Untergeschoß in ein Flammenmeer verwandelte. Wogende Flammen schlugen die Stufen hoch.
Richard packte Caras Arm und warf sich mit ihr zusammen durch die offene Tür. Kaum waren sie in die Nacht hinausgestürzt; brach das gesamte Gebäude hinter ihnen unter donnerndem Getöse in Flammen aus. Teile des Gebäudes fielen in sich zusammen, wodurch die lodernden Feuersäulen neue Nahrung erhielten. Ringsumher gingen brennende Planken nieder, sprangen und trudelten über den vom Schein des Feuers hell erleuchteten Boden und zwangen Richard und Cara, die Köpfe einzuziehen.
»Wir müssen von hier verschwinden«, erklärte er Anson. »Nicholas weiß, daß wir hier sind. Das Feuer wird sie auf uns aufmerksam machen und Truppen hierher locken. Wir haben also nicht viel Zeit.«
Er sah sich um, aber noch immer konnte er Kahlan nirgendwo entdecken. Seine Besorgnis nahm noch zu, als er Jennsen, Tom und Owen durch die Gasse auf ihn zulaufen sah. Ihr Gesichtsausdruck verriet ihm sofort, daß etwas nicht stimmte.
Kaum war Jennsen bei ihm angelangt, packte er sie beim Arm. »Wo ist Kahlan?«
Jennsen rang nach Atem. »Richard, sie ... sie ...«
Sie brach in Tränen aus. Owen, auch er in Tränen aufgelöst, schwenkte ein rechteckiges Fläschchen sowie einen kleinen Zettel.
Richard starrte Tom an und wartete auf eine Antwort, auf eine schnelle Antwort. »Was geht hier vor?«
»Nicholas hat das Gegenmittel gefunden und es im Tausch gegen ... gegen die Mutter Konfessor angeboten. Wir haben versucht, es ihr auszureden, Lord Rahl, ich schwöre, wir haben nichts unversucht gelassen. Aber sie wollte auf keinen von uns hören und beharrte darauf, erst einmal das Gegenmittel zu beschaffen, um anschließend Nicholas töten zu können. Sobald Ihr es eingenommen habt, möchte sie, falls es ihr nicht selbst gelingt, ihn zu töten und zurückzukehren, daß Ihr sie holen kommt.«
Die lodernden Flammen beleuchteten die grimmigen Gesichter der Umstehenden.
»Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat«, setzte er hinzu, »ist es unmöglich, es ihr wieder auszureden. Sie versteht sich darauf, einen dazu zu bringen, zu tun, was sie verlangt.«
Richard kannte das nur zu gut. Inmitten des Getöses und dem Prasseln der Flammen hörte man das Gebäude ächzen und knacken, bis das Dach schließlich nachgab und eine gewaltige Funkenwolke gen Himmel stieben ließ.
Owen drückte Richard das kleine rechteckige Fläschchen in die Hand. »Lord Rahl, sie hat es doch getan, um das Gegenmittel zu beschaffen. Sie wollte, daß Ihr es bekommt, damit ihr wieder gesund werdet. Sie meinte, das sei wichtiger als alles andere.«
Richard entkorkte das Fläschchen. In Erwartung eines durchdringenden, süßlichen, aromatischen Geschmacks nahm er den ersten Schluck – und wurde bitterlich enttäuscht.
Er starrte in die Gesichter von Jennsen und Owen. »Es ist Wasser.«
Jennsen riß entsetzt die Augen auf. »Was?«
»Wasser. Wasser, versetzt mit ein wenig Zimt.« Richard schüttete es auf den Boden. »Jedenfalls ist es nicht das Gegenmittel. Sie hat sich für nichts in Nicholas’ Gewalt begeben.«
Jennsen, Owen und Tom waren sprachlos vor Schreck, Richard dagegen überkam ein Gefühl losgelöster Ruhe; es war vorbei. Dies war das Ende. Ihm blieb nur noch eine sehr begrenzte Zeit um zu tun, was getan werden mußte ... ehe für ihn alles zu Ende ging.
Zu Owen gewandt, sagte er: »Laß mich mal einen Blick auf den Zettel werfen.«
Owen reichte ihn ihm. Richard hatte keine Mühe, ihn im Schein der Flammen zu entziffern; er las ihn dreimal sorgfältig durch. Als er seinen Arm schließlich sinken ließ, riß Cara ihm das Stück Papier aus der Hand, um es selbst zu überfliegen.
Richard, den Blick starr durch die enge Hintergasse auf das brennende Gebäude gerichtet, versuchte zu begreifen. »Woher kann Nicholas gewußt haben, daß jemand das Gegenmittel holen kommen würde? Er sagte, wir hätten eine Stunde Zeit; woher wußte er überhaupt, daß wir schon nahe genug sind, um in seinem Brief eine solche Zeitangabe machen zu können?«
»Vielleicht wußte er es ja gar nicht, sondern hatte den Brief schon Tage zuvor geschrieben«, meinte Cara. »Vielleicht wollte er uns damit nur dazu verleiten, übereilt zu handeln.«
»Vielleicht.« Richard deutete mit einer Geste hinter sich. »Aber woher wußte er, daß wir hier sind?«
»Durch Magie?«, mutmaßte Jennsen.
Die Vorstellung, daß Nicholas offenbar bestens informiert und ihnen stets einen Schritt voraus war, erfüllte Richard mit Unbehagen.
»Und woher wußtet Ihr, daß er das Gebäude in Brand stecken würde?«, wandte sich Cara an ihn.
»Ich bin plötzlich aus dem Schlaf hochgeschreckt. Meine Kopfschmerzen waren verschwunden, und mir wurde schlagartig klar, daß wir das Gebäude sofort verlassen mußten.«
»Demnach hat Eure Gabe also wieder funktioniert?«
»Vermutlich. Das kommt des öfteren vor – manchmal funktioniert sie plötzlich wieder, um mich zu warnen.« Er wünschte nur irgend etwas tun zu können, um sie verläßlicher zu machen. Diesmal, immerhin, war sie es gewesen, sonst wären sie jetzt alle tot.
Tom spähte hinaus in die Nacht. »Ihr glaubt also, Nicholas ist ganz in der Nähe, kannte unser Versteck und hat es in Brand gesetzt?«
»Nein, ich glaube, er möchte uns das nur glauben machen. Er ist ein Zauberer; ebenso gut hätte er ein Zaubererfeuer aus großer Entfernung schicken können. Aber ich bin kein Experte in Magie; möglicherweise hätte er den Brand auch mit anderen Mitteln aus der Ferne legen können.«
Er wandte sich an Owen. »Führ mich zu dem Gebäude, in dem ihr das Gegenmittel versteckt habt und wo Nicholas sich aufhielt, als du ihm das erste Mal begegnet bist.«
Owen machte sich unverzüglich auf den Weg, gefolgt von den anderen aus der kleinen Gruppe.
»Glaubst du, sie wird dort sein?«, fragte Jennsen.
»Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden.«
Als sie den Fluß erreichten, waren sie alle außer Atem. Richard packte eine unbändige Wut, als er sah, daß die Brücke eingestürzt und die Uferböschung mit Trümmerteilen übersät war; alles Übrige war offenbar in den dunklen Fluten versunken. Owen und einige seiner Gefährten erklärten, etwas weiter nördlich gebe es eine zweite Brücke, also brachen sie in diese Richtung auf und folgten der Straße, die sich am Flußufer entlangwand.
Sie hatten die Brücke noch nicht ganz erreicht, als ein Trupp Soldaten mit erhobenen Waffen und einem Schlachtruf auf den Lippen aus einer Seitenstraße stürzte.
Die Nacht hallte wider vom unverwechselbaren Klang, als Richards Schwert gezogen wurde. Die Klinge war befreit, nicht aber ihre Magie; angesichts der den Puls beschleunigenden Gefahr war das jedoch nicht weiter von Belang. Richard besaß Zorn im Überfluß und stürzte sich mit einem Aufschrei auf den Gegner.
Der erste Angreifer machte einen Satz nach vorn, doch hinter Richards Hieb lag eine solche Wucht daß er den stämmigen Mann vom Lederharnisch über einer Schulter bis zur gegenüberliegenden Hüfte spaltete. Ohne innezuhalten, wirbelte Richard mitsamt Schwert herum und hatte den von hinten attackierenden Soldaten enthauptet, noch ehe dieser überhaupt den Schwertarm heben konnte. Sofort riß er den Ellenbogen zurück und zertrümmerte einem Angreifer, der ihn von hinten niederstechen wollte, das Nasenbein. Mit einem schnellen Stich entledigte er sich eines weiteren Widersachers, ehe er sich umdrehen und dem Mann hinter ihm, der, die Hände schützend vor dem blutüberströmten Gesicht, inzwischen auf die Knie gesunken war, den Rest geben konnte. Ein kurzes Aufblitzen der Klinge im Mondlicht bescherte ihm den verdienten Tod.
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