»Das verstehe ich, Sir, aber ich muß fertig werden. Um siebzehn Uhr ist Ihre nächste Einweisung.«
Norman lag auf dem Rücken, medizinische Helfer stachen Nadeln in beide Arme und eine weitere in die Leistenbeuge. Er schrie vor plötzlichem Schmerz auf.
»Das ist der schlimmste Teil, Sir«, sagte der Arzt und bedeckte die Spritzen mit Eisstückchen. »Halten Sie jetzt einfach die Watte da drauf .«
Auf seinen Nasenlöchern saß eine Klemme, zwischen den Zähnen hatte er ein Mundstück.
»Damit messen wir Ihr CO 2«, sagte der Arzt. »Atmen Sie ganz normal aus. So ist es richtig. Tief einatmen, jetzt wieder ausatmen .«
Norman atmete aus. Er sah, wie sich eine Gummimembran hob und eine Nadel auf einer Skala emporschob.
»Versuchen Sie es noch einmal, Sir. Das können Sie bestimmt besser.«
Das glaubte Norman zwar nicht, aber er versuchte es trotzdem.
Ein weiterer Marinearzt betrat den Raum, in der Hand ein mit Zahlen bedecktes Blatt. »Das sind seine KW's«, sagte er.
Der andere Arzt machte ein bedenkliches Gesicht. »Hat Barnes das gesehen?« »Ja.«
»Und was hat er gesagt?«
»Es wäre in Ordnung. Wir sollen weitermachen.« »Von mir aus. Er ist der Boss.« Der erste Arzt wandte sich wieder Norman zu. »Bitte versuchen Sie es noch einmal, Dr. Johnson, tief einatmen .«
Metallene Meßspitzen berührten sein Kinn und seine Stirn. Ein Band legte sich um seinen Kopf. Jetzt maßen die Spitzen den Kiefer vom Ohr zum Kinn. »Wozu dient das?« wollte Norman wissen. »Wir passen Ihnen einen Helm an, Sir.« »Müßte ich den nicht aufprobieren?« »Wir machen das auf diese Weise, Sir.«
Zum Abendessen gab es angebrannte überbackene Makkaroni. Norman schob den Teller nach wenigen Bissen von sich.
Der Arzt erschien an der Tür zu seiner Kabine. »Zeit für die Siebzehn-Uhr-Einweisung, Sir.«
»Ich gehe nirgend wohin«, sagte Norman, »bevor ich nicht ein paar Antworten habe. Was zum Teufel hat all das zu
bedeuten, was Sie da mit mir anstellen?«
»Routinemäßige Ermittlung der Tiefensaturation, Sir. Die Vorschriften der Navy verlangen das, bevor Sie nach unten gehen.«
»Und was bedeutet es, daß ich über die Kurve hinausgegangen bin?«
»Was meinen Sie, Sir?«
»Sie sagten: >Sie gehen über die Kurve hinausc.«
»Achdas. Sie sind etwas schwerer, als die Tabellen der Navy vorsehen, Sir.«
»Gibt es Schwierigkeiten mit meinem Gewicht?«
»Wohl nicht, Sir.«
»Und was haben die anderen Untersuchungen ergeben?«
»Sir, für Ihr Alter und Ihre Lebensweise sind Sie bemerkenswert gesund.«
»Meinen Sie, ich kann da runter?« fragte Norman und hoffte insgeheim, er müsse oben bleiben.
»Da runter? Ich habe mit Captain Barnes gesprochen. Das dürfte keinerlei Schwierigkeiten bereiten, Sir. Folgen Sie mir bitte zur Einweisung, Sir .«
Die anderen saßen bereits im Besprechungsraum und hielten Styroporbecher mit Kaffee in den Händen. Norman freute sich, sie zu sehen. Er ließ sich auf einen Stuhl neben Harry fallen. »Großer Gott, haben Sie auch die verdammte Untersuchung mitgemacht?«
»Klar«, sagte dieser, »schon gestern.«
»Die haben mich mit 'ner Nadel ins Bein gestochen.«
»Tatsächlich? Mich nicht.«
»Und die Atemübung mit der Klammer auf der Nase?«
»Mußte ich auch nicht machen«, sagte Harry. »Das klingt ja ganz so, als nähme man Sie besonders ran, Norman.«
Das mußte Norman auch denken, und ihm mißfiel die Folgerung, die sich daraus ergab. Mit einemmal fühlte er sich müde.
»Schön, Leute, wir haben eine Menge zu tun und nur drei Stunden Zeit dafür«, sagte eine forsche Stimme von der Tür her. Das Licht ging aus, und so konnte sich Norman den Mann nicht einmal richtig ansehen. »Sie alle wissen, daß Daltons Gesetz Teildrücke von Gasgemischen bestimmt. Hier haben wir es in algebraischer Form ausgedrückt ...« Das erste Dia erschien auf der Projektionswand.
pp a = p tot x % Vol a
»Wir wollen jetzt noch einmal durchgehen, wie man Partial-drücke in absoluten Atmosphären, also bar, berechnet, was bei uns das gebräuchlichste Verfahren ist -«
Norman sagte das nichts. Er versuchte aufzupassen, aber je mehr Kurven gezeigt wurden und je länger die Stimme aus der Dunkelheit eintönig weitersprach, desto schwerer wurden ihm die Lider. Er schlief ein.
»- im Tauchboot nach unten gebracht, und sobald Sie sich im Habitat befinden, wird der Druck auf dreiunddreißig bar gesteigert. Es handelt sich dabei um ein Gasgemisch, da die Erdatmosphäre oberhalb von achtzehn bar nicht atembar ist -« Norman hörte nicht mehr zu. All diese technischen Einzelheiten machten ihm nur angst. Er schlief erneut ein und schreckte von Zeit zu Zeit hoch.
»Da ein Hyperoxieschaden nur dann eintritt, wenn der Parti-aldruck des Sauerstoffs pO 2über längere Zeit hin 70 Kilopascal übersteigt -«
»- zu einer Stickstoffnarkose, bei der sich der Stickstoff wie ein Anästhetikum verhält, kommt es in einer aus einem Edelgasgemisch bestehenden Atmosphäre, sobald der Partialdruck 150 Kilopascal übersteigt -«
»- im allgemeinen ist ein dem Bedarfsfall angepaßtes offenes System vorzuziehen, aber Sie werden in einem halbgeschlossenen Kreislauf arbeiten, bei dem die Einatemdruck-Schwankungen zwischen sechshundertacht und siebenhundert-sechzig Millimetern liegen -«
Erneut nickte er ein.
Auf dem Rückweg zu den Kabinen fragte Norman: »Hab ich was verpaßt?«
»Eigentlich nicht.« Harry zuckte die Schultern. »Nur jede Menge Physik.«
In seiner winzigen grauen Kabine ließ sich Norman auf die Koje fallen. Die Leuchtanzeige der Uhr an der Wand zeigte die Zahl 2300. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, daß das elf Uhr abends bedeutete. In neun Stunden beginne ich mit dem Abstieg, dachte er.
Dann schlief er ein.
Der Abstieg
Im Licht des Morgens tanzte das grellgelbe Klein-TauchbootCharon V auf den Wellen. Es saß auf einer Pontonplattform und wirkte wie ein Kinderbadespielzeug auf zusammengebundenen Ölfässern.
Ein Schlauchboot brachte Norman hinüber. Er kletterte auf die Plattform und begrüßte den Führer des Tauchboots mit Handschlag. Er schien höchstens achtzehn zu sein, jünger als Normans Sohn Tim.
»Sind Sie bereit, Sir?« fragte der Mann.
»Klar«, sagte Norman.
Aus der Nähe sah das Tauchboot nicht mehr aus wie ein Spielzeug; es schien unglaublich massiv und kräftig gebaut zu sein. Die Bolzen, mit denen das einzige Bullauge aus konvexem Acrylglas befestigt war, hatten die Dicke einer Männerfaust. Er betastete sie.
Der andere lächelte. »Vor der Abfahrt noch 'n prüfender Tritt gegen die Reifen, Sir?«
»Ach was, ich vertraue Ihnen.«
»Der Einstieg ist hier, Sir.«
Norman stieg auf der schmalen Eisenleiter zum Dach des Tauchboots hinauf und sah, wie sich die kleine, kreisrunde Luke öffnete. Er zögerte.
»Am besten setzen Sie sich auf den Rand«, riet ihm der Mann, »und lassen die Beine reinhängen. Dann klettern Sie einfach hinterher. Notfalls machen Sie sich an den Schultern ein bißchen schmaler und ziehen Ihren . Na bitte, klappt doch.« Norman schob sich durch die enge Luke ins Innere, das so niedrig war, daß man darin nicht aufrecht stehen konnte. Das Tauchboot war mit Instrumenten und Ausrüstungselementen vollgestopft. Ted war bereits an Bord, hockte im hinteren Teil und grinste begeistert wie ein kleiner Junge.
»Ist das nicht toll?«
Norman beneidete ihn um seine unkomplizierte Begeisterungsfähigkeit. Er fühlte sich beengt und nervös. Über ihm schlug der Führer des Tauchboots das schwere Luk zu und ließ sich zu den Steuereinrichtungen hinabgleiten. »Alles in Ordnung?«
Die Männer nickten.
»Tut mir leid wegen der Aussicht«, sagte der Bootsführer mit einem Blick über die Schulter. »Die Herren werden vorwiegend mein Hinterteil zu sehen bekommen. Auf geht's ... Ist Ihnen Mozart recht?« Er drückte den Knopf eines Kassettengeräts und lächelte. »Bis wir unten sind, dauert es dreizehn Minuten; Musik wird uns die Zeit verkürzen. Falls Ihnen Mozart nicht zusagt, können wir Ihnen auch was anderes bieten.«
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