Was sich wohl im nachhinein noch alles als offensichtlich erweisen wird? grübelte er.
Levine lehnte sich über die Backbord-Reling. Als Norman ihm die Hand schüttelte, fühlte sie sich feucht an. Levine sah sehr ungesund aus und gestand Norman schließlich, daß er seekrank sei.
»Sie als Meeresbiologe sind seekrank?« fragte Norman.
»Gewöhnlich arbeite ich im Labor«, gab Levine zurück. »Auf festem Boden, wo sich nicht alles ständig bewegt. Was ist daran so lustig?«
»Entschuldigung«, sagte Norman.
»Sie halten wohl einen seekranken Meeresbiologen für eine komische Figur?«
»Es scheint irgendwie widersinnig.«
»Viele von uns werden seekrank«, sagte Levine. Sein Blick glitt über die See. »Sehen Sie nur dort hinaus: Tausende von Kilometern nichts.«
»Der Ozean.«
»Er ist mir unheimlich«, sagte Levine.
»Nun?« fragte Barnes, als er mit Norman wieder in seinem Arbeitsraum saß, »was halten Sie davon?«
»Wovon?«
»Von der Gruppe, zum Kuckuck.«
»Es ist die, die ich ausgewählt habe, nur eben sechs Jahre später. Im großen und ganzen eine gute Gruppe, bestimmt sehr tüchtig.«
»Ich möchte wissen, wer davon zusammenbrechen wird.«
»Warum sollte das passieren?« fragte Norman. Er sah Barnes an und bemerkte auf dessen Oberlippe einen dünnen Schweißfaden. Der Mann schien selbst unter großem Druck zu stehen.
»Nun, immerhin sollen sie dreihundert Meter unter dem Meeresspiegel unter äußerst beengten Verhältnissen leben und arbeiten«, gab Barnes zu bedenken. »Das ist ja wohl nicht dasselbe, als wenn ich mit Navytauchern da runtergehe - die sind dafür ausgebildet und haben sich in der Gewalt. Mein Gott, das da ist doch ein HaufenWissenschaftler, reine
Zivilisten. Ich möchte nicht nur sicher sein, daß sie alle kerngesund und topfit sind, sondern auch, daß keiner von denen durchdreht.«
»Ich weiß nicht, ob Ihnen das klar ist, Captain, aber ein Psychologe kann nicht besonders genau voraussagen, wer durchdrehen wird.«
»Nicht mal, wenn es um Angst geht?«
»Ganz gleich, worum es geht.«
Barnes runzelte die Stirn. »Ich dachte, Angst sei Ihr Spezialgebiet.«
»Es ist einer meiner Forschungsschwerpunkte. Ich kann Ihnen zwar recht genau sagen, wer auf Grund seines Persönlichkeitsprofils unter Belastung starke Angst empfinden wird, nicht aber, wer dieser Belastung standhält und wer nicht.«
»Und wozu sind Sie dann nütze?« fragte Barnes gereizt. Er seufzte. »Es tut mir leid. Wollen Sie nicht einfach mit ihnen reden oder ein paar Tests mit ihnen machen?«
»Es gibt keine«, sagte Norman, »zumindest keine, die in dieser Hinsicht aussagekräftig wären.«
Barnes seufzte erneut. »Was ist mit Levine?«
»Der ist seekrank.«
»Unter Wasser gibt es keinerlei Bewegung, das spielt also keine Rolle. Was ist mit ihmpersönlich?«
»An Ihrer Stelle würde ich mir da Sorgen machen«, sagte Norman.
»Ist zur Kenntnis genommen. Und Harry Adams? Er ist anmaßend.«
»Ja«, bestätigte Norman. »Aber das ist unter den von Ihnen genannten Bedingungen wahrscheinlich von Vorteil.« Untersuchungen hatten gezeigt, daß mit Belastungen am besten Menschen fertig wurden, die anderen nicht sympathisch waren -solche, die als arrogant, hochnäsig oder aufreizend selbstsicher eingestuft wurden.
»Schon möglich«, sagte Barnes. »Aber was ist mit seinem berühmten Forschungsbericht? Vor ein paar Jahren hat er zu den glühendsten Befürwortern der Suche nach außerirdischer Intelligenz gehört, und jetzt, wo wir was gefunden haben, steht er der Sache völlig ablehnend gegenüber. Erinnern Sie sich an seinen Aufsatz?«
Norman kannte ihn nicht und wollte das gerade sagen, als eine Ordonnanz hereinkam. »Captain Barnes, hier ist die neueste Aufnahme. Sie hatten sie angefordert.«
»In Ordnung«, sagte Barnes. Er warf einen Blick auf das Bild und legte es hin. »Was ist mit dem Wetter?«
»Unverändert, Sir. Die Satellitenberichte bestätigen, daß wir hier mit hundert bis hundertvierzig rechnen müssen, Sir.«
»Hol's der Teufel«, sagte Barnes.
»Schwierigkeiten?« wollte Norman wissen.
»Schlechtes Wetter«, sagte Barnes. »Vielleicht müssen wir die Versorgungsschiffe abziehen.«
»Heißt das, das Tauchunternehmen wird abgeblasen?«
»Nein«, sagte Barnes. »Das findet wie geplant morgen statt.«
»Warum nimmt Harry eigentlich an, daß es sich nicht um ein Raumschiff handelt?« fragte Norman.
Mit angespanntem Gesicht schob Barnes die Papiere über seinen Tisch. »Ich will Ihnen was sagen«, begann er, »er ist Theoretiker, aber mir geht es um nackte Tatsachen. Theorien sind gut und schön, aber daß da unten was verdammt Altes und verdammt Sonderbares liegt, ist die Wirklichkeit. Ich will wissen, was es ist.«
»Aber was kann es sein, wenn es kein außerirdischer Flugkörper ist?«
»Warten wir ab, bis wir unten sind, einverstanden?« Barnes warf einen Blick auf die Uhr. »Das zweite Unterwasser-Habitat müßte inzwischen auf dem Meeresboden verankert sein. In fünfzehn Stunden gehen wir runter. Bis dahin haben wir alle eine Menge zu tun.« »Bitte halten Sie einen Augenblick still, Dr. Johnson.« Norman spürte, wie zwei Meßspitzen seine Arme hinten unmittelbar über den Ellbogen erfaßten. »Nur ganz kurz ... in Ordnung. Sie können jetzt in das Bassin steigen.«
Der junge Marinearzt trat beiseite, und Norman, der völlig nackt war, kletterte die kurze Leiter zu dem randvoll mit Wasser gefüllten Bassin empor, das wie die militärische Ausführung eines Beckens für Unterwassermassage aussah. Als er sich hineingleiten ließ, lief es über.
»Wozu ist das gut?« erkundigte sich Norman.
»Entschuldigung, Dr. Johnson. Tauchen Sie bittevollständig unter .«
»Was?«
»Nur für einen Augenblick, Sir .«
Norman atmete ein, tauchte unter, kam wieder herauf.
»In Ordnung, Sie können jetzt wieder herauskommen«, sagte der Arzt und hielt ihm ein Handtuch hin.
»Wozu ist das gut?« fragte Norman erneut, während er die Leiter hinabstieg.
»Wir müssen den genauen Fettgehalt Ihres Körpers kennen«, sagte der Arzt, »um Ihre Sat-Werte zu berechnen.«
»Meine Sat-Werte?«
»Ihre Saturationswerte, die Stickstoffaufnahme.« Der Arzt notierte etwas auf seinem Schreibbrett.
»Ach je«, sagte er. »Sie gehen über die Kurve hinaus.«
»Wieso?«
»Bewegen Sie sich viel, Dr. Johnson?«
»Mäßig.« Allmählich fühlte er sich in die Defensive gedrängt. Außerdem war das Handtuch zu klein und ließ sich nicht um die Hüften winden. Warum nur hatte die Marine so winzige Handtücher?
»Trinken Sie?«
»Mäßig.« Jetzt hatte er entschieden das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen. Kein Zweifel.
»Darf ich fragen, wann Sie zuletzt ein alkoholisches Getränk zu sich genommen haben, Sir?«
»Ich weiß nicht. Vor zwei, drei Tagen.« Es fiel ihm schwer, seine Erinnerung auf San Diego zu konzentrieren. Es schien lange her zu sein. »Warum?«
»In Ordnung, Dr. Johnson. Irgendwelche Schwierigkeiten mit den Gelenken, den Hüften oder den Knien?«
»Nein, warum?«
»Schwindel, Ohnmachtsanfälle, Bewußtseinsstörungen?«
»Nein .«
»Setzen Sie sich doch bitte kurz hierher, Sir.« Der Arzt wies auf einen Hocker neben einem elektronischen Gerät an der Wand.
»Es wäre mir wirklich lieb, wenn Sie meine Fragen beantworten würden«, sagte Norman.
»Sehen Sie einfach auf den grünen Punkt. Machen Sie beide Augen weit auf .«
Er spürte einen kurzen Luftzug an den Augen und blinzelte instinktiv. Ein Papierstreifen schob sich aus dem Gerät. Der Arzt riß ihn ab und warf einen Blick darauf.
»In Ordnung, Dr. Johnson. Folgen Sie mir bitte ...«
»Ich möchte, daß Sie mir sagen, was hier vor sich geht«, sagte Norman.
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