Die Beschleunigung ist dramatisch. Würde man die Geschichte des Lebens auf der Erde in vierundzwanzig Stunden zusammendrängen, dann entstanden vielzellige Organismen vor zwölf Stunden, Dinosaurier in der letzten Stunde, die ersten Menschen tauchten vor vierzig Sekunden auf, und den neuzeitlichen Menschen gibt es seit nicht mal einer Sekunde.
Zwei Milliarden Jahre dauerte es, bis in primitiven Zellen ein Kern entstand, der erste Schritt zur Komplexität. Doch es brauchte nur zweihundert Millionen Jahre - ein Zehntel der Zeit -, bis sich vielzellige Tiere entwickelt hatten. Und es waren nur vier Millionen Jahre vom Menschenaffen mit kleinem Gehirn und groben Knochenwerkzeugen bis hin zum modernen Menschen und zur Gentechnologie. So rasant hatte sich das Tempo erhöht.
Das gleiche Muster zeigte sich im Verhalten von verteilten Agentensystemen. Es dauerte lange, bis Agenten »das Funda-ment gelegt« und die Anfangsarbeit geschafft hatten, doch sobald das erledigt war, ging es sehr schnell voran. Die Fun-damentlegung ließ sich nicht überspringen, genauso wie ein Mensch seine Kindheit nicht überspringen kann. Die vorbereitende Arbeit war unumgänglich.
Doch auch die nachfolgende Beschleunigung war unvermeidlich. Sie war sozusagen in das System eingebaut.
Durch Unterricht verlief die Entwicklung noch zügiger, und dass Julia die Lehrerin gespielt hatte, war ein entscheidender Faktor für das jetzige Verhalten des Schwarms, da war ich mir sicher. Allein schon durch die Interaktion mit ihm hatte sie einen Selektionsdruck in einen Organismus eingeführt, dessen emergentes Verhalten nicht kalkulierbar war. Das war sehr leichtsinnig gewesen.
Der Schwarm - der sich ohnehin schon rasch entwickelte -würde sich in Zukunft noch rascher entwickeln. Und da es sich um einen vom Menschen geschaffenen Organismus handelte, fand diese Reifung nicht auf einer biologischen Zeitskala statt, sondern binnen Stunden.
Mit jeder Stunde, die verging, würde die Vernichtung der Schwärme schwieriger werden.
»Okay«, sagte ich zu David. »Wenn die Schwärme wiederkommen, sollten wir uns allmählich auf sie vorbereiten.« Ich stand auf, verzog vor lauter Kopfschmerzen das Gesicht und ging zur Tür.
»Was hast du vor?«, fragte David.
»Was glaubst du wohl, was ich vorhabe?«, erwiderte ich. »Wir müssen die Dinger umbringen, kaltblütig. Wir müssen sie von der Erdoberfläche tilgen. Und wir dürfen keine Zeit verlieren.«
David rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl herum. »Von mir aus gern«, sagte er. »Aber Ricky wird das gar nicht gefallen.«
»Wieso nicht?«
David zuckte die Achseln. »Er ist eben dagegen.«
Ich wartete und sagte nichts.
David wurde immer zappeliger, immer verlegener. »Die Sache ist die, Julia und er sind, äh, in dem Punkt einer Meinung.«
»Sie sind einer Meinung.«
»Ja. Sie ziehen an einem Strang. In der Sache, meine ich.«
Ich sagte: »Was willst du mir eigentlich sagen, David?«
»Nichts. Nur was ich gerade gesagt habe. Sie sind beide der Meinung, dass die Schwärme am Leben bleiben sollen. Ich glaube, Ricky wird sich dir entgegenstellen, mehr nicht.«
Ich musste unbedingt mit Mae sprechen. Ich fand sie in ihrem Labor, vor einem Computermonitor, auf dem sie sich Bilder vom Wachstum weißer Bakterien auf dunkelrotem Nährboden ansah. Ich sagte: »Mae, hör zu, ich hab mit David gesprochen, und ich muss - ähm, Mae? Hast du ein Problem?« Sie blickte starr auf den Bildschirm.
»Ich glaube, ja«, sagte sie. »Ein Problem mit der Bakterienzufuhr.«
»Was für ein Problem?«
»Die neuesten Theta-d-Stämme wachsen nicht richtig.« Sie deutete auf ein Bild in der oberen Ecke des Monitors, wo Bakterien zu sehen waren, die in glatten, weißen Kreisen wuchsen. »Das da ist normales Coliform-Wachstum«, sagte sie. »So sollte es aussehen. Aber hier ...« Sie holte ein weiteres Bild auf die Mitte des Bildschirms. Die runden Formen sahen mottenzerfressen, ausgefranst und unförmig aus. »Das ist kein normales Wachstum«, sagte sie kopfschüttelnd. »Ich fürchte, es ist eine Phagenkontamination.«
»Du meinst, ein Virus?«, sagte ich. Ein Phage war ein Virus, das Bakterien angriff.
»Ja«, sagte sie. »Coli-Bakterien sind anfällig für eine sehr große Anzahl von Phagen. Der T4-Phage ist natürlich der gewöhnlichste, aber Theta-d müsste so konstruiert sein, dass es T4-resistent ist. Ich nehme also an, dass da ein neuer Phage im Spiel ist.«
»Ein neuer Phage? Du meinst, er hat sich gerade entwik-kelt?«
»Ja. Vermutlich der Mutant eines bestehenden Stamms, der die konstruierte Resistenz irgendwie umgeht. Aber das ist eine Katastrophe für die Herstellung. Wenn unser Bakterienmaterial infiziert ist, müssen wir die Produktion einstellen. Sonst spukken wir nur Viren aus.«
»Offen gestanden«, sagte ich, »wäre es vielleicht gar nicht schlecht, die Produktion einzustellen.«
»Mir bleibt wahrscheinlich keine andere Wahl. Ich versuche, ihn zu isolieren, aber er sieht aggressiv aus. Kann sein, dass ich ihn nicht loswerde, wenn ich nicht alles vernichte. Mit frischem Material ganz von vorn anfange. Das wird Ricky gar nicht gefallen.«
»Hast du ihm schon davon erzählt?«
»Noch nicht.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich denke, schlechte Nachrichten hat er schon genug. Und außerdem ...« Sie brach ab, als hätte sie es sich anders überlegt.
»Außerdem ...?«
»Für Ricky hängt unheimlich viel vom Erfolg dieser Firma ab.« Sie blickte mich an. »Bobby hat ihn neulich am Telefon gehört, wie er über seine Aktienoptionsrechte gesprochen hat. Und da hat er besorgt geklungen. Ich denke, Ricky sieht Xymos als seine letzte große Chance. Er ist seit fünf Jahren hier. Wenn es hier nicht hinhaut, ist er zu alt, um in einer anderen Firma noch mal neu anzufangen. Er hat eine Frau und ein kleines Kind; er kann nicht noch einmal fünf Jahre investieren, in der Hoffnung, dass es in einer anderen Firma klappt. Also will er das hier um jeden Preis schaffen und hängt sich richtig in die Sache rein. Er arbeitet sogar die Nächte durch, zermartert sich das Hirn. Er schläft höchstens drei, vier Stunden. Ehrlich gesagt, ich fürchte, er kann schon nicht mehr vernünftig denken.«
»Das kann ich mir vorstellen«, sagte ich. »Der Druck muss entsetzlich sein.«
»Vor lauter Schlafmangel ist er unberechenbar geworden«, sagte Mae. »Ich weiß nie, was er machen wird oder wie er reagiert. Manchmal hab ich den Eindruck, dass er die Schwärme gar nicht loswerden will. Oder vielleicht hat er Angst.«
»Vielleicht«, sagte ich.
»Jedenfalls, er ist unberechenbar. Ich wäre an deiner Stelle also vorsichtig«, sagte sie, »wenn du die Schwärme vernichten willst. Denn das hast du doch vor, nicht? Sie vernichten?«
»Ja«, sagte ich. »Das habe ich vor.«
6. Tag, 13.12 Uhr
Sie hatten sich alle im Freizeitraum, dem mit den Videospielen und Flipperautomaten, versammelt. Niemand spielte jetzt damit. Sie sahen mich aus ängstlichen Augen an, während ich erklärte, was wir zu tun hatten. Der Plan war ganz einfach - der Schwarm selbst diktierte, was wir tun mussten, obgleich ich diese unangenehme Wahrheit aussparte.
Im Grunde, so sagte ich ihnen, hatten wir es mit einem außer Kontrolle geratenen Schwarm zu tun. Und der Schwarm ließ selbst organisiertes Verhalten erkennen. »Eine hohe SO-Komponente bedeutet, der Schwarm kann sich selbst wieder zusammenfügen, wenn er beschädigt oder auseinander gerissen wurde. So war das ja auch, als ich ihn zerstreut habe. Deshalb muss der Schwarm vollständig zerstört werden. Das heißt, die Partikel müssen Hitze, Kälte, Säure oder hohen Magnetfeldern ausgesetzt werden. Und nachdem ich sein Verhalten erlebt habe, würde ich sagen, die beste Chance, ihn zu vernichten, haben wir nachts, wenn der Schwarm Energie verliert und zu Boden sinkt.«
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