Der Hüpfer verlangsamte, bis er hundert Meter vor der Wolke zum Stillstand kam, und senkte sich langsam herab. Thorpe übernahm die manuelle Steuerung und landete die Maschine. Das Gelände war mit Geräten übersät und wurde dominiert von der Energieversorgungseinheit der Bohrer. Dicke Stromkabel schlängelten sich zu dem Dreibein hinüber, das man über einem 30-cm-Bohrloch errichtet hatte, aus dem die ›Bohnenstange‹ in die Höhe schoss.
Als sie sich dem Loch näherten, bemerkten sie ein tiefes trommelndes Geräusch, das durch den Boden und ihre Stiefelsohlen drang. Dann gelangten sie an eine Stelle, von der aus sie freie Aussicht auf den Laserbohrer hatten. Seine Stützbeine waren in schweren Felsbrocken verankert, und die Spitze verschwand in der Dampffontäne, die aus der Bohrung fauchte. Der Bohrkopf erzeugte zwei separate Laserstrahlen.
Der mittlere Strahl war ultraviolett und ultrastark. Er schwenkte ständig in einem engen Winkel hin und her und höhlte so den Boden des Lochs aus. Dieser innere Frässtrahl erzeugte dort, wo er auftraf, ein hohes Vakuum und besaß immer noch genügend Energie, um das massive Gestein am Grund der Bohrung zu durchschneiden.
Der zweite Strahl umgab den ersten und war blaugrün. Er füllte das ganze Bohrloch mit einer leuchtenden aquamarinblauen Farbe. Der äußere Strahl hielt den Dampf in einem Zustand der Überhitzung. Andernfalls wäre der Dampf an den extrem kalten Wänden kondensiert und hätte die Bohrung bald mit flüssigem Wasser aufgefüllt.
»Hallo, Mr. Thorpe, Miss Hastings«, begrüßte sie Roger Borokin, der Vorarbeiter des Bohrteams. »Ich habe mir schon gedacht, dass ich Sie heute sehen würde.«
»Warum haben Sie das gedacht?«, fragte Thorpe.
»Es war logisch. Wir sind eines der letzten vier aktiven Bohrlöcher, und wir sind dabei, Schluss zu machen. Das ist unsere letzte Chance, noch eins auf den Kopf zu bekommen, bevor wir hier dichtmachen.«
Thorpe lachte. »Bin ich so leicht zu durchschauen? Eigentlich ist die Inspektion nur ein Vorwand. Ich wollte, dass Miss Hastings den Bohrvorgang aus der Nähe sieht.«
»Vorwand oder nicht, wir sind auf Sie vorbereitet. Mein Arbeitsprotokoll ist auf dem letzten Stand, und alle meine Leute kennen ihre Aufgaben.«
»Wie weit sind Sie gekommen?«
»Siebzehn Kilometer. Wir müssten jeden Augenblick in das Störungssystem Zwölf durchstoßen. Wenn wir so weit sind, lassen wir den ferngesteuerten Bohrer ins Bohrloch hinunter und höhlen eine Kammer für die Sprengladungen aus. Anschließend packen wir zusammen und machen uns auf zum Schiff.«
»Steuerdüsen des Frachtmoduls klarmachen, Chefingenieur.«
»Steuerdüsen klar, Captain.«
»Systeme überprüfen.«
»Alle Systeme zeigen grün.«
»Hat jemand daran gedacht, die Verankerung zu entriegeln?«
»Ankerseile entriegelt, Captain. Ich habe sie selbst überprüft. Zweimal.«
»Sehr schön. Letzter Manövercheck. Wenn jemand einen guten Grund kennt, warum wir nicht starten sollten, dann heraus mit der Sprache. Niemand? Einminuten-Countdown, Mr. Velduccio.«
»Jawohl, Captain. Einminuten-Countdown läuft … neunundfünfzig … achtundfünfzig …«
Karin Olafson blickte zu der Panoramakuppel hoch, auf der das startbereite Frachtmodul zu sehen war. Er sah fast genauso aus wie am Tag seiner Ankunft. Alles wieder einzuladen hatte drei Tage gedauert. Dennoch betrug die Masse des Moduls weniger als die Hälfte wie zum Zeitpunkt der Landung.
Unter den Ausrüstungsgegenständen, die man zurücklassen würde, befanden sich beide MoonJumper. Tom Thorpe benutzte Nummer zwei immer noch zur Fortbewegung. Hüpfer eins lag zerschmettert irgendwo im westlichen Ödland, Opfer eines Landeunfalls in der vorherigen Woche. Der Pilot, Emilio Rodriguez, hatte sich einen Arm gebrochen, während sein Passagier, Leon Albright, ohne eine Schramme davongekommen war. Karin Olafson fragte sich, ob die beiden Männer wussten, wie viel Glück sie dabei gehabt hatten.
Als sie den Boden des Ground-Zero -Kraters überblickte, empfand sie eine vorübergehende Traurigkeit. Die vergangenen Monate hatten zu den aufregendsten ihres Lebens gezählt.
»Dreißig Sekunden … zwanzig … fünfzehn … zehn …«
»Automatik klarmachen.«
»Autopilot eingeschaltet, Captain«, kam die Antwort von ihrem Mann.
»… fünf … vier … drei … zwei … eins … ab geht’s!«
Über der Eisebene erwachte das Frachtmodul zum Leben, als Feuer aus seinen überdimensionalen Korrekturtriebwerken brach. Die Abgase wirbelten Wolken von Ammoniakschnee auf. Das Modul hob langsam ab, dann begann es zu beschleunigen. Im Weitersteigen legte es sich auf die Seite und verschwand nach Norden.
»Wir haben es im Bild, Captain«, meldete Dieter Schmidt. »Sollflugbahn wird eingehalten.«
»Sehr schön, Mr. Schmidt. Machen Sie uns fertig zum Start.«
»Habitatmodul ist startklar, Captain.«
»Verankerung?«
»Ausgekuppelt.«
Karin nickte. Sie hatte die Anker selbst überprüft. Nur wenige Dinge konnten verhängnisvoller sein als eine Landestütze, die beim Start noch fest mit der Oberfläche verbunden war. So etwas konnte einem den ganzen Tag verderben.
»Alle Passagiere an Bord?«, fragte sie.
»Zwölf Leute an Bord und gesichert, Captain«, meldete Cybil Barnard über InterKom. »Tom Thorpe, Amber Hastings, mein Mann, Chen Ling Tsu, Bradford Goff und Hilary Dorchester sind nicht an Bord.«
Karin Olafson nickte. Sie startete nicht gerne ohne vollzählige Besatzung, aber sie konnte nichts daran ändern. Thorpe, Hastings und Barnard waren gezwungen, noch eine weitere Woche am Boden zu verbringen. Sie würden das Positionieren der letzten Antimaterieladungen überwachen. Die anderen wurden noch bei den Arbeitsmannschaften gebraucht.
»Fertigmachen zum Start!«
»Maschine, fertig zum Start.«
»Funker, fertig zum Start.«
»Ladung gesichert. Alle Passagiere angeschnallt.«
»Korrekturtriebwerke klarmachen!«
»Korrekturtriebwerke sind klar.«
»Schalten Sie auf allgemeine Durchsage!«
»Ist geschaltet, Captain.«
»Achtung, an alle. Fertigmachen zum Start. Falls Sie noch irgendwohin müssen, haben Sie Ihre Chance verpasst. In zwei Minuten heben wir ab. Ich wiederhole, Start in zwei Minuten.«
Es entstand eine lange Pause, während der sie die Countdownanzeige beobachtete. »Sie können einen weiteren Countdown beginnen, Mr. Velduccio. Übertragen Sie ihn ins Schiff.«
»Aye, aye, Captain … Start in sechzig Sekunden … neunundfünfzig … achtundfünfzig …«
»Tut es dir leid, abfliegen zu müssen, Karin?«, fragte ihr Mann über ihren privaten Funkkanal.
»Ein bisschen. Es hat Spaß gemacht, oder?«
»Das hat es. Mir tut’s auch leid, dass es zu Ende geht.«
»Denk einfach an das Feuerwerk hier in einer Woche.«
»Da ist etwas dran«, stimmte Stormgaard zu.
»Zehn Sekunden bis zum Start, Captain.«
»Sehr schön, Mr. Velduccio.«
»Fünf … vier … drei … zwei … eins … Zündung!«
Ein tiefes Grollen hallte durch das Habitatmodul, während der Kontrollraum zu beben begann. Karin Olafson ließ ihren Blick über die Anzeigen schweifen. Alle Werte waren normal. Sie betätigte den Schalter, der die Korrekturdüsen auf volle Leistung brachte. Plötzlich kippte die entfernte Ringwand des Ground-Zero -Kraters, während der Boden zurückfiel. Bevor das Habitatmodul nach Norden davonschoss, erhaschte sie einen Blick auf das von den Arbeitern weitgehend verlassene Basislager. Karin Olafson erlaubte sich den Luxus eines Seufzers.
Sie war wieder ein Raumkapitän.
Eine Woche später näherte sich Tom Thorpe der Admiral Farragut mit dem MoonJumper. Das Schiff war wieder so, wie er es zum ersten Mal gesehen hatte – Antriebseinheit, Frachtmodul und Habitatkugel waren wieder zu einem funktionsfähigen Ganzen zusammengefügt.
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