Als seine äußere Ladung in weitem Umkreis auf dem Eis verstreut war, setzte die Gargantua ihren Vorbeiflug in niedriger Höhe fort. Zahlreiche Luken sprangen auf, und Tausende kleinerer Container wurden in den Raum hinausgeschleudert. Die meisten von ihnen, wusste Thorpe, enthielten Versorgungsgüter – Lufttanks, Proviantpakete und Ersatzteile. Als der Transporter seine Fracht entladen hatte, zündete er seine Bodendüsen und stieg wieder in den schwarzen Himmel empor.
Zehn Minuten später glitt die Godzilla über den Horizont, und das Schauspiel wiederholte sich. Sie platzierte ihren Berg von Vorräten neben dem ihres Schwesterschiffs und verstärkte den Eindruck einer interplanetarischen Müllkippe. Auch der zweite Frachter erhob sich anschlie ßend majestätisch in den Himmel und verschwand. Die Zuschauer wandten sich gerade rechtzeitig wieder nach Westen, um die Goliath über dem Horizont auftauchen zu sehen.
Das Flaggschiff der Flotte lud seine Ladung in einer Linie parallel zu den beiden anderen ab. Wie zuvor wurde die äußere Ladung beim ersten Durchgang abgeworfen und die innere Ladung bei einem zweiten Vorbeiflug parallel dazu. Doch anders als die beiden anderen Schiffe entfloh dieses nicht sogleich wieder in den Raum. Es bewegte sich seitwärts, bis es über einer ebenen Eisfläche zwischen dem Habitatmodul und der Abwurfstelle schwebte. Weitere Luken sprangen auf, und der Himmel war plötzlich voller Menschen in Raumanzügen.
Zweihundert Spezialisten für alle möglichen Arten von Vakuumarbeiten schwebten langsam auf ihren Rucksacktriebwerken zu Boden. Sie waren nur die Vorhut. Als alle gelandet waren, flog auch die Goliath davon. Alle drei Schiffe sollten einen Parkorbit über dem Südpol des Kerns einnehmen, wo sie so lange bleiben würden, bis der Zeitpunkt gekommen war, Menschen und Material vor der Absprengung des Ground-Zero -Kraters zu evakuieren. Während die Goliath verschwand, blickte Thorpe auf sein Helmchronometer. Die ganze Operation hatte weniger als eine Stunde gedauert.
»Mr. Thorpe?«, rief eine Stimme über den allgemeinen Anrufkanal.
»Hier bin ich«, antwortete Thorpe, indem er seine Visierlampe verdunkelte, um seinen Standort anzuzeigen. Sein Blinken wurde von einer Lampe eines der Neuankömmlinge beantwortet. Sie überquerten die zwischen ihnen liegende Eisfläche und umarmten sich auf jene Art, die im Raumanzug das Händeschütteln ersetzte.
»Ich bin Amos Carlton, der Boss dieser Horde von Weltraumaffen.«
»Tom Thorpe, verantwortlich für die Expedition. Willkommen auf Donnerschlag.«
»Hübsche Gegend hier«, sagte Carlton, indem er sich umsah. So ziemlich das Einzige, was Thorpe von seinem Gesicht erkennen konnte, war, dass er jung und blond war. »Ist schon eine Schande, es in die Luft zu jagen.«
»Eine größere Schande, wenn wir es nicht tun. Brauchen Sie und Ihre Leute irgendwelche Unterstützung?«
»Sie wären uns nur im Wege. Mit Ihrer Erlaubnis lassen wir uns dort nieder.« Er deutete zu einer freien Fläche vor dem Nachschubhaufen hinüber.
»Eine Wahl so gut wie jede andere«, erwiderte Thorpe. »Wir leiden nicht gerade an Überbevölkerung.«
»Gut. Wir werden die Nacht durcharbeiten, um unser Camp zu errichten. Ich würde unsere Leute gerne am Morgen zusammenrufen, wenn Ihnen das recht ist, Thorpe.«
»Morgen früh wäre prima!«
»Wie ich höre, gibt es auf diesem Eisball Erdbeben.«
»Nicht besonders viele während der letzten paar Monate, auch nicht allzu heftige. Das Innere hat erst kürzlich einen Zustand von Isostasie erreicht. Aber Sie müssen noch damit rechnen, dass der Boden alle paar Tage bebt.«
»Dann achten wir darauf, alles ordentlich zu verankern. Noch irgendwas, das ich im Moment wissen müsste?«
»Der Untergrund besteht größtenteils aus Wasser und gefrorenem Ammoniak mit den üblichen Verunreinigungen. Seien Sie vorsichtig beim Destillieren. Lassen Sie niemanden mal eben einen Kübel Wasser von draußen holen.«
»Oh? Warum nicht?«
»Das Eis ist ein Clathrat. Eins seiner Bestandteile ist Cyanid. Wenn Sie das in Ihr Habitat bringen, könnten Sie plötzlich Atemprobleme bekommen.«
»Danke. Ich werd’s weitersagen. Wir werden zum Verankern der Bohrer sicherlich etwas anderes brauchen als Eis.«
»Es gibt hier zwei Gebirgszüge, die aus Gesteinsmaterial bestehen. Der eine liegt nur wenige Kilometer von hier entfernt.«
»Ich hab ihn beim Anflug gesehen. Ich werde mein Geologenteam rüberschicken, damit sie einen Blick darauf werfen. Jetzt muss ich mich aber an die Arbeit machen. Ich sehe Sie dann morgen um acht in unserer Befehlsbaracke. Die müsste sich dann ungefähr dort befinden, wo dieser kleine Hügel ist.«
An der ersten Einsatzbesprechung mit der Baubrigade nahmen sechs Mitglieder des Expeditionsteams teil: Tom Thorpe, Chen Ling Tsu, Kyle Stormgaard, Leon Albright und Hilary Dorchester. Thorpe hatte Amber vorgeschlagen, mitzukommen, aber sie war zu einer der periodischen Positionsabstimmungen mit der Erde verdonnert worden. Es bestand kein Zweifel mehr daran, dass Donnerschlag am Morgen des 17. Juli 2087 die Erde treffen würde. Dennoch wurden die Arbeiten zur Verfeinerung der Flugbahnbestimmung des Kometen fortgesetzt. Zumindest würden sie dadurch eine exakte Standlinie erhalten, von der aus sie ihren Fortschritt messen konnten.
Als die sechs das Habitatmodul verließen, wurden sie vom Anblick einer kleinen Stadt begrüßt, wo zwölf Stunden zuvor noch keine gewesen war. Sämtliche Gebäude waren standardisierte Vakuum-Schutzräume – mit Atmosphäre ausgestattete Container, auf die ein feiner Wassernebel gesprüht worden war. Das Besprühen war noch im Gange, obwohl sich bereits eine mehrere Zentimeter dicke Eisschicht gebildet hatte. Das Eis ließ die Gebäude im Licht der geschrumpften Sonne glitzern.
Vor der Hauptschleuse entdeckten sie einen Wegweiser. Er wies nicht nur den Weg zu verschiedenen Vorratsdepots und Gebäuden, sondern es zeigte auch ein Pfeil gerade nach oben. Darauf stand: NEW YORK CITY, 600 MILLIONEN KILOMETER.
Die Expeditionsteilnehmer passierten die überdimensionale uftschleuse als Gruppe und fanden sich anschlie ßend in einem großen offenen Raum wieder, in dem sich Spind an Spind reihte. Sie streiften rasch ihre Anzüge ab und hängten sie auf. In den Spinden fanden sie Schnürpantoffeln mit Velcrosohlen. Die Unterkünfte waren mit Velcroteppichen ausgelegt, die einem die Illusion von Schwerkraft vermittelten. Es war ein seltsames Gefühl, steif über den Boden zu gehen, nachdem man so viele Monate lang von einem Punkt zum anderen geschossen war.
»Entschuldigen Sie«, sagte Thorpe zum ersten Monteur, der ihm über den Weg lief. »Wo befindet sich das Büro von Mr. Carlton?«
»Dritte Baracke rechts, Kumpel. Kurz bevor du da bist, siehst du ein Schild mit der Aufschrift ›Hauptquartier‹.« Der Mann verlangsamte kaum, während er die Auskunft erteilte, und eilte weiter in den Umkleideraum.
Sie fanden die Kommandobaracke ohne Probleme. Im Innern stießen sie auf Amos Carlton, der einem halben Dutzend von Arbeitsgruppen gleichzeitig Anweisungen erteilte. Wie Thorpe tags zuvor vermutet hatte, war Carlton jung und blond. Er schätzte das Alter des Vorarbeiters auf etwa dreißig. Thorpe lächelte, als er Hilary Dorchesters taxierenden Blick und den Antwortblick bemerkte, den Carlton in ihre Richtung schickte.
Thorpe stellte seine Begleiter Carlton vor, der sie in den nebenan gelegenen Konferenzraum geleitete. Dort öffnete sich ein großes Fenster nach draußen. Das Glas wurde elektrisch beheizt, um zu verhindern, dass der Sprühnebel über seinen dicken Scheiben gefror. Die beiden Module der Admiral Farragut waren auf dem Eis in einem halben Kilometer Entfernung zu erkennen. Thorpe dachte unwillkürlich, dass sie dort draußen schrecklich einsam wirkten.
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