»Das meinen Sie doch nicht im Ernst!«
»Ich beschwindele nie meine Patienten. Sie bedeuten ihm sehr viel. Sogar als wir Sie hierhergeschafft hatten, machte er sich noch zum Narren. Er hat mich stundenlang über Ihren Zustand ausgequetscht. Ich musste ihn schließlich aus der Krankenabteilung hinauswerfen, um überhaupt weiterarbeiten zu können.«
»Ist mit ihm jetzt wieder alles in Ordnung?«
Cybil lächelte. »Ihm fehlt nichts mehr, was Ihr Anblick nicht wieder heilen könnte. Aber ich möchte noch eine Reihe von Untersuchungen mit Ihnen durchführen, bis ich Sie Besuch empfangen lasse. Sie haben ganz schön was auszustehen gehabt.«
»Wann kann ich wieder zu arbeiten anfangen? Ich nehme an, auf mich wartet ein ganzer Stapel von Orbitalmessungen.«
»Keine Sorge. Crag hat Professor Chen zu der Orbitalbestimmung hinzugezogen. Er ist ziemlich gut darin. Was Ihre Wiederaufnahme der Arbeit betrifft, würde ich empfehlen, es eine Woche oder so langsam angehen zu lassen. Sie können im Schiff arbeiten, aber ich gebe sie erst für Bodenarbeiten frei, wenn ich Sie eine Weile beobachtet habe.«
»Aber die Erkundungsteams werden jeden brauchen. Wir müssen die Untersuchungen fertig haben, bevor die Materialtransporter starten. Wie sollen sie sonst wissen, was sie mitbringen müssen?«
Das Gesicht der Ärztin nahm einen seltsamen Ausdruck an, dann lächelte sie. »Stimmt ja, ich habe Ihnen noch nichts gesagt, oder?«
»Mir was gesagt?«
»Sie werden sich mit ein paar neuen Tatsachen vertraut machen müssen. Ich musste in Ihren Gliedmaßen ziemlich viele Zellen regenerieren. Da führte kein Weg dran vorbei. Die Frostschäden waren erheblich. Die Zellregeneration ist, gelinde gesagt, ein schmerzhafter Prozess. Ich wollte Ihnen die Qual ersparen, deshalb ließ ich sie bewusstlos. Sie waren sechs Wochen ohne Bewusstsein.«
Amber runzelte die Stirn. »Sechs Wochen ?«
Cybil Barnard nickte. »Die Transporter sind vor einem Monat gestartet. In zwei Monaten werden sie hier sein. Sie sehen also, mit Ihrer Rekonvaleszenz hat es keine Eile.«
26
Tom Thorpe lag im Kontrollraum der Admiral Farragut und blickte zu den drei winzigen violett-weißen Lichtkugeln hoch, die sich auf der Panoramakuppel zeigten. Die Lichter waren die lodernden Triebwerke der drei Schwertransporter. Nach mehreren Monaten, während derer sie bei der Erkundung des Kometen auf sich gestellt gewesen waren, war die Expedition im Begriff, massive Unterstützung zu bekommen.
Die Admiral Farragut hatte für den Flug von der Erde bis zum Jupiter ein halbes Jahr gebraucht. Die drei Transporter hatten eine vergleichbare Strecke in der halben Zeit zurückgelegt. Sie hatten die Erde vor dreiundachtzig Tagen verlassen. Nachdem sie auf das mehr als Zwanzigfache der solaren Fluchtgeschwindigkeit beschleunigt hatten, hatten sie sich im freien Fall weitertreiben lassen. Als sie bis auf fünfundzwanzig Millionen Kilometer herangekommen waren, hatten sie mit dem Bremsmanöver begonnen und waren mehrere Millionen Kilometer vor Donnerschlag zum Stillstand gekommen. Nachdem sie sechshundert Millionen Kilometer zurückgelegt hatten, um den Kometen zu erreichen, flohen sie nun vor ihm.
Das Manöver war nicht so paradox, wie es sich anhörte. Wie Läufer bei einem Staffellauf, die den Stabträger näherkommen sahen, bewegten sich die Transporter in die gleiche Richtung wie der Komet, um sich von ihm einholen zu lassen. Sie hatten ihre Beschleunigung so ausgelegt, dass sie seine Geschwindigkeit genau in dem Moment erreicht haben würden, wenn sie Seite an Seite mit ihm flogen.
»Wie läuft es?«, fragte Amber, als sie in den Kontrollraum geschwebt kam.
Thorpe lächelte ihr zu und reichte ihr eine helfende Hand. Die babyhaft rosige Haut ihrer Handteller und gleichartige Flecken auf ihren Armen erinnerten ihn, wie nahe er darangewesen war, sie zu verlieren.
»Es läuft gut bei ihnen«, antwortete er, indem er sie auf die Andruckliege beförderte. »In ein paar Stunden werden sie hier sein.«
Amber blickte dorthin, wo die Abgasschweife der drei Schiffe nahe dem Zenit der Kuppel schwebten. Abgesehen von ihrer Helligkeit, sahen sie genauso aus wie planetarische Wolken.
»Kampiert Professor Barnard immer noch im Teleskopraum?«, fragte Thorpe.
»Immer noch. Ich habe ihm angeboten, ihn abzulösen, aber er wollte nichts davon wissen.«
»Wie sieht es aus?«
»Gut. Er summt sogar vor sich hin!«
Thorpe schüttelte verwundert den Kopf. »Einmal ein Wissenschaftler, immer ein Wissenschaftler.«
Die Flotte der Materialtransporter war vor zwei Tagen in die Koma eingetaucht. Während sie vor dem Gas und dem Staub zurückwichen, wühlten ihre Abgase die Wolkenmaterie auf. Barnard zeichnete jede Sekunde der Annäherung auf, um so viel wie möglich über die Gaswolke und ihre Zusammensetzung in Erfahrung zu bringen. Diese Untersuchungen hatten für das Problem der Ablenkung des Kometen von der Erde keine Bedeutung. Es war einfach etwas, das ihn interessierte.
Amber lehnte sich an ihn und knabberte an seinem Ohr. »Ich bin vorbeigekommen, um mich zu erkundigen, ob du mit mir zu Mittag essen willst. Es könnte für eine ganze Weile unsere letzte Gelegenheit sein.«
Thorpe deutete auf die drei Lichtpunkte an der Kuppel. »Eine gute Idee. Wenn sie erst einmal hier sind, werden wir schrecklich beschäftigt sein. Wir könnten natürlich auch das Essen auslassen und in die Kabine gehen.«
Amber schüttelte den Kopf. Die rasche Bewegung ließ ihr Haar über ihr Gesicht wirbeln. »Du wirst deine Kräfte brauchen.«
»In Ordnung«, sagte er. »Also Mittagessen. Geh du voran, mein Goldstück!«
Vier Stunden später halfen Thorpe und Amber sich gegenseitig in ihre Raumanzüge. Die Transporter befanden sich in einer Umlaufbahn und bereiteten sich auf das Entladen vor. Sie drängten sich zu zweit in die Luftschleuse Zwei und wechselten ins Vakuum. Hundert Meter entfernt hatte sich auf dem Eis eine kleine Menschenmenge versammelt, um das Schauspiel zu beobachten.
»Also los!«, sagte Thorpe. Sie ignorierten die Schleusenmeister und sprangen hinaus. Während sie über das Eis schlitterten, wurde Thorpe an ihre ersten linkischen Versuche erinnert, sich auf der Oberfläche fortzubewegen. Der Mikroschwerkraft-Gang war ihnen zur zweiten Natur geworden.
»Da ist sie!«, sagte jemand fünf Minuten später.
Thorpe wandte sich nach Westen. Tatsächlich, ein kleines kugelförmiges Gebilde war soeben über dem Horizont aufgetaucht. Es wuchs rasch an. Sein erster Eindruck war der eines Schiffes, das nie fertiggestellt worden war. Die Hülle des Frachters bestand aus einer Unmenge externer Fracht. Als die Kugel näherkam, identifizierte Thorpe zwei Laserbohrer, mehrere große Gaszylinder und einen kastenförmigen transportablen Fusionsreaktor. Er entdeckte au ßerdem ein schweres Oberflächen-Raupenfahrzeug neben Hunderten weniger gut bestimmbarer Geräte, die in Frachtkisten oder unter Verpackungen aus reflektierender Folie verborgen waren.
Die Gargantua und ihre Schwestern hatten niemals vorgehabt zu landen. Aus diesem Grund fehlten ihnen selbst die allereinfachsten Landevorrichtungen. Und obwohl die Schwerkraft von Donnerschlag äußerst gering war, würde die Hülle dennoch wie eine Eierschale zerbrechen, wenn ein solch üerdimensionales Raumfahrzeug jemals versuchen würde zu landen. Die Einsatzplaner hatten das Problem, wie die Fracht der Gargantua gelandet werden sollte, schon lange gelöst. Die Gelegenheit, sich ihre Lösung anzusehen, hatte deshalb viele Zuschauer auf das Eis hinausgelockt.
Die gigantische Kugel schwebte auf das Habitatmodul zu. Ein kurzer Feuerstoß der Steuerdüsen ließ sie in einer Höhe von hundert Metern und einem Kilometer Entfernung innehalten. Als das große Schiff stoppte, flackerten weitere Blitze an seiner Hülle auf. Lange Sekunden geschah nichts. Dann begann die Ladung abzufallen. Zusätzliche Stöße der Steuerdüsen trieben das Schiff seitwärts, während es seine Fracht abwarf. Das Frachtgut fiel trügerisch langsam, und es dauerte fast eine Minute, bis es auf dem Kraterboden aufprallte. Die Eisfontänen, die von den grö ßeren Geräten emporgeschleudert wurden, waren für die Zuschauer deutlich zu sehen.
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