Schneeweißes Glänzen!
Ihre Erinnerung sprang zu dem Moment zurück, als sie und Kyle fassungslos zu einer Eisschicht hochstarrten, die langsam auf sie herunterfiel.
»Keine Panik«, hatte ihr Stormgaard geraten. »Schwenken Sie Ihre Lampe nach Westen, während ich es im Osten versuche. Schauen Sie, ob Sie den Rand des Erdrutsches ausmachen können.«
Sie tat, wie er ihr gesagt hatte. Die gesamte Nordwand der Spalte schien eingedrückt zu sein. So weit ihre Lampe reichte, sah Amber über sich nichts als Eis. Der Anblick erinnerte sie an Bilder, die Taucher unter den polaren Eiskappen der Erde aufgenommen hatten. Sie gab ihre Beobachtung an Stormgaard weiter.
»Hier das Gleiche«, sagte er. »Wir werden uns durchkämpfen müssen. Antrieb auf volle Leistung. Arme anlegen. Haben Sie keine Angst, dass der Helm zerbrechen könnte. Er hält mehr aus als Sie.«
Sie hatte geschluckt und seinen Rat befolgt, und sie waren in die Höhe geschnellt, auf die herabfallende Lawine zu. Amber erinnerte sich an ein lautes Krack , als ihr Helm gegen die herabfallende Schicht aus schmutzigem Weiß gestoßen war. Stormgaards Beteuerungen zum Trotz wartete sie auf den Luftzug, der die beginnende explosive Dekompression ankündigen würde. Der Helm hielt, doch bei dem Aufprall schlugen ihre Zähne aufeinander. Der Eisrutsch war nicht massiv, sondern bestand aus faustgroßen Brocken. Sie konnte am Bombardement erkennen, dass sie an Höhe gewann. Es war, als würde man mit Steinen beworfen. Dann hörte das Geprassel auf, und das vor ihrem Visier herabfallende Eis verlangsamte sich. Plötzlich war das Eis um sie herum zum Stillstand gekommen. Sie wurde von der allgemeinen Abwärtsbewegung wieder nach unten gezogen.
»Kyle, ich sitze fest!«, funkte sie. Ihr Ausruf wurde nicht beantwortet. Entweder war die Antenne abgebrochen, oder Stormgaard wurde durch zu viel Eis abgeschirmt. Amber bedachte ihre Zwangslage. Der Eisrutsch würde den Boden der Spalte in wenigen Sekunden erreichen, und dann würde es ein fürchterliches Knirschen geben. Sie musste sich befreien, bevor es dazu kam.
Dann wurde es dunkel um sie. Als sie das Bewusstsein wiedererlangte, war es ihr, als befände sie sich wieder im Kälteschlaf. Sie passte ihre Augen an, um auf das elmchronometer zu sehen. Es war eine Stunde her, dass sie und Stormgaard die Spalte betreten hatten, und beinahe eine halbe Stunde, dass sie ihren panischen Aufstieg begonnen hatten. Eine halbe Stunde. Wurde sie bereits vermisst? Machte sich jemand Sorgen um sie? Vielleicht waren sie bereits oben und heftig am graben, um zu ihr vorzustoßen. Falls ja, müssten sie sich beeilen.
Sie versuchte Arme und Beine zu bewegen und stellte fest, dass sie festgehalten wurde. Das verwunderte sie zunächst. Wenn sie sich nun den Nacken gebrochen hatte? Dann gewann die Vernunft die Oberhand. Wenn sie gelähmt wäre, sagte sie sich, hätte sie nicht ihre Finger und Zehen spüren können. Sie taten sämtlich entweder weh oder kribbelten. Es fühlte sich beinahe so an wie damals, als sie nach einem Experiment im Chemieunterricht Erfrierungen bekommen hatte.
Erfrierungen!
Bei dem Gedanken daran neigte sie den Kopf nach vorn, um mit dem Kinn den Heizregler zu verstellen, wobei sie feststellte, dass er bereits auf voller Leistung stand. Plötzlich wurde ihr der Grund für ihre Unbeweglichkeit klar. Bei der geringen Schwerkraft des Kerns und dem lose gepackten Eis um sie herum hätte sie in der Lage sein müssen, sich zu bewegen. Die Tatsache, dass sie sich nicht rühren konnte, deutete auf eine bedrohlichere Möglichkeit hin.
Verglichen mit der Temperatur des umgebenden Eises glühte Ambers Körper beinahe. Ihr Raumanzug war dazu gedacht, ihre Körperumgebung vor der Wärme zu schützen, die sie abstrahlte, und sie gleichzeitig in seinem Innern warmzuhalten. Während sie bewusstlos gewesen war, hatte ihr Anzug das Eis geschmolzen und sie in eine Wasserlache getaucht. Als die Außenseite des Anzugs abgekühlt war, hatte sich das Wasser jedoch wieder in Eis verwandelt. Als Amber erwacht war, war sie im Zentrum eines Eisblocks von ungewisser Dicke festgefroren.
Erst jetzt begann sie sich zu ängstigen. Im Hinterkopf hatte sie an ihre Luftvorräte, Nahrung und Trinkwasser gedacht. Jetzt wusste sie, dass nichts davon wichtig war. Das einzig Wichtige war die Kälte. Sie konnte bereits fühlen, wie sie in ihre Extremitäten einsickerte und sie betäubte. In weiteren zehn Minuten würde sie jegliches Gefühl in den Gliedern verloren haben. Weniger als eine halbe Stunde später würde sie starr gefroren sein, tote Anhängsel eines sich rasch abkühlenden Rumpfes.
Sie wusste, dass es nicht mehr darauf ankam, wie rasch die Retter vom Schiff eintreffen würden. Es war bereits zu spät. Wenn man sie ausgrub, würde sie so steifgefroren sein wie der Eisblock, in den sie eingebettet war. Bei der plötzlichen Erkenntnis, dass sie dem Tod entgegensah, begann Amber leise zu schluchzen. Das Geräusch hallte durch ihren Helm, als wollte es sie verspotten.
25
Tom Thorpe verankerte sich am Rand der Spalte und beobachtete, wie MoonJumper Eins in den schwarzen Himmel emporstieg. Die Abgase des Hüpfers erzeugten einen heftigen Wind, der Schauer von Ammoniakschnee aufwirbelte. Der Sturm sank bald zu einem Flüstern herab, als der winzige Flugapparat über dem südlichen Horizont verschwand. Gleich darauf hob der zweite Hüpfer mittels Autopilot ab und schüttelte Thorpe ein weiteres Mal durch, als er seinem entschwundenen Zwilling hinterherraste. Die Einsatzregeln verlangten, dass die Hüpfer als Vorsichtsmaßnahme gegen einen Computerausfall nach Möglichkeit bemannt wurden. Im Moment kam es jedoch entscheidend darauf an, die größtmögliche Zahl von Rettern so schnell wie möglich an Ort und Stelle zu bringen. Den Hüpfer Nummer zwei mittels Automatik zurückfliegen zu lassen, verdoppelte das Transportvolumen und machte das geringe Risiko, das sie eingingen, mehr als wett.
Mit dem Verschwinden der beiden Hüpfer wandte Thorpe seine Aufmerksamkeit wieder der Spalte zu. Er und Schmidt hatten abwechselnd an den beiden Sicherheitsleinen gezerrt, in der Hoffnung, die beiden Verschütteten wieder an die Oberfläche ziehen zu können. Nach einem gewissen anfänglichen Nachgeben hatten sich beide Leinen gestrafft und sich nicht mehr bewegen lassen. Schmidt hatte die Hüpferwinschen einsetzen wollen, doch Thorpe hatte die Idee als zu gefährlich verworfen. Wenn eine Leine risse, bestünde keine Hoffnung mehr, Amber oder Stormgaard in der Lawine ausfindig zu machen. Wenn sie sich beim Graben von den rotgelben Seilen leiten ließen, hatten sie eine Chance. Und selbst wenn die Sicherheitsleinen intakt geblieben wären, gab es keine Garantie dafür, dass dies auch für ihre beiden Freunde gegolten hätte. Stormgaard und Amber durch diese Ansammlung von Eisblöcken zu zerren konnte leicht ihre Anzüge zerreißen oder ihnen das Genick brechen.
Thorpe brachte sein eigenes Halteseil aus und glitt über den Rand der Spalte. Nach zwei Minuten war er unten angelangt und begann hektisch an der Stelle zu graben, wo die beiden Sicherheitsleinen im Eis verschwanden. Bei den Oberflächenarbeiten hatten sie rasch gelernt, dass ein Mann im Gravitationsfeld des Kerns die Arbeit von einem Dutzend tun konnte. Thorpe schlug sich mit Eisbrocken herum, die größer waren als er selbst, und warf sie mit Macht zur Seite. Trotz ihres geringen Gewichts hatten sie freilich ihre ganze Masse und Trägheit, was jedes Mal den Einsatz seiner ganzen Kraft erforderte. Innerhalb von Minuten schwitzte er stark in seinem klammen Raumanzug.
Er arbeitete ohne zu denken, aus Angst, sich auf das einzulassen, was Amber möglicherweise in diesem Moment empfand. Er grub mit der Kraft und der Geschwindigkeit eines Wahnsinnigen, trotz der eingeschränkten Bewegungsfreiheit, die ihm sein Anzug auferlegte. Er war den rotgelben Sicherheitsleinen durch den Eisrutsch gefolgt und hatte ein fast drei Meter tiefes Loch ausgehoben, als er feststellte, dass er seine Finger nicht mehr spürte. Er ignorierte die Taubheit, bis die Schwäche seiner Finger ihn zwang, mit dem Graben innezuhalten.
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