Erst am siebten Tag am Boden, gegen Ende der Arbeitsschicht, erlebten sie ein wirklich großes Beben. Karin Olafson befand sich im Kontrollraum des Schiffes, als sie beinahe von ihrer Liege geschleudert wurde. Das Beben dauerte weniger als eine Minute, war jedoch so stark, dass sich das Habitatmodul von einer seiner Verankerungen losriss. Als der Erdstoß vorüber war, verlor der Kapitän keine Zeit und befahl den Bodencrews, den Schaden zu beheben. Sie hatten fast die ganze Nacht durchgearbeitet, um das Habitat-und das Frachtmodul neu zu verankern und beide mit Spanndrähten zu stabilisieren.
Zu einer weiteren Verzögerung kam es durch die beiden MoonJumper der Expedition. Die winzigen Flugapparate waren Standardmodelle, wie sie auf dem Mond verwendet wurden – ihre Bodendüsen erwiesen sich als zu stark für das Gravitationsfeld des Kerns. Ein kurzer Stoß der Düsen schickte das kleine Flugzeug hoch in den Himmel hinauf, und das Landen war kaum etwas anderes als ein kontrollierter Absturz. Nach wenigen Testflügen war den Flugmaschinen so lange Startverbot erteilt worden, bis es gelungen war, ihren Schub zu drosseln.
Als die MoonJumper wieder in Dienst genommen wurden, wagten sich die rkundungstrupps erstmals aus dem gewaltigen Krater heraus, ihr erstes Ziel war das Ödland, wo sie eine Landschaft vorfanden, die so zerklüftet war wie nur irgendeine im Sonnensystem. In unmöglich steilen Winkeln aufgeworfene Berge waren von langen Tälern durchschnitten, die ihren Ausgangspunkt am Ground-Zero -Krater hatten. Berge und Täler waren von Rissen durchzogen, die sich bei dem eine Milliarde Jahre zurückliegenden Aufprall gebildet hatten. Durch den Vorschlag der Erde, dass man möglicherweise ein großes Stück des Kerns abspalten könne, waren die Risse in das Zentrum des Interesses gerückt.
»Was meinen Sie?«, fragte Amber Kyle, als sie ihre Helmlampen über die gegenüberliegende Wand der Spalte spielen ließen. Die Lampen enthüllten einen engen Cañon mit senkrechten Wänden. Der Boden lag im Schatten verborgen und war zu weit weg, als dass ihre Lampen dorthin gereicht hätten.
»Es ist tiefer, als ich dachte«, sagte Stormgaard. »Ich frage mich, ob wir genug Leine dabeihaben.«
»Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden.«
Amber und dem Chefingenieur war die Aufgabe übertragen worden, einen Seismografen auf dem Boden der Spalte aufzustellen. Es wäre eine einfache Angelegenheit gewesen, mit ihren Anzugdüsen hinunterzufliegen. Durch einen Fehler in dem beengten Raum konnten sie jedoch unkontrolliert ins Trudeln geraten, und eine Fehlfunktion des Anzugs konnte sie aufs Trockene setzen. Kletterseile waren bedeutend umständlicher, dafür aber wesentlich sicherer.
Amber trieb zwei weitere Haken ins Eis, dann befestigte sie daran zwei aufgeschossene Sicherheitsleinen. Sie warf die Leinen in die Spalte und beobachtete, wie sie im Niedersinken gemächlich außer Sicht kamen und sich dabei abwickelten. Während Amber die Leinen klarmachte, befestigte der Chefingenieur ein Funkrelais am Rand der Spalte. Es richtete eine der beiden Antennen nach unten, die andere dorthin, wo das Antriebsmodul der Admiral Farragut über dem Nordpol des Kometen schwebte. Als er fertig war, richtete er sich auf und fragte Amber, ob sie so weit sei.
»Fertig«, antwortete sie.
»Dann also los!«
Sie hakten jeder ein Seil an ihrem Anzuggurt ein, gleich darauf traten sie wie beiläufig in den Abgrund. Amber benötigte acht Sekunden, um im Fall ihre eigene Körperlänge zurückzulegen; bis dahin hatte sich das Seil gestrafft. Nun kam es nur noch darauf an, sich in die Dunkelheit hinunterfallen zu lassen und mit der um das Seil gelegten behandschuhten Hand die Fallgeschwindigkeit zu regulieren.
Die größte Gefahr beim Arbeiten unter der geringen Schwerkraft des Kerns bestand darin, sich allzu sicher zu fühlen. Die Schwerkraft von 2/3 % g gab einem das sichere Gefühl, einen kilometertiefen Fall zu überleben. Das war durchaus möglich. Doch ein solcher Fall konnte auf hartem Untergrund mit vierzig tundenkilometern enden – ein Aufprall, der mehr als ausreichend war, um einen Anzug zu zerreißen oder einem das Genick zu brechen. Während Amber fiel, führte sie im Geist eine Strichliste der Sekunden, die sie von einer Seilmarkierung zur nächsten benötigte. Von Zeit zu Zeit verstärkte sie ihren Griff um das Seil, um ihren Fall zu verlangsamen.
Der Abstieg erwies sich bis zum Ende als ereignislos. Amber hatte vorgehabt, leicht auf dem vereisten Boden der Spalte zu landen. Als sie den Boden berührte, gab der feste Untergrund unter ihr jedoch nach, und sie versank bis zur Hüfte in kaltem Eisgrieß. Sie rief Stormgaard eine Warnung zu, der seinen Fall rechtzeitig stoppte. Er schwenkte seine Lampe über den funkelnden Boden, während Amber sich befreite, indem sie sich Hand über Hand an der Leine hochzog.
»Woher kommt das?«, fragte sie, als sie wieder in Stormgaards Höhe hing.
»Müssen die Mikrobeben gewesen sein«, antwortete der Chefingenieur. »Von den Wänden abgefallenes loses Material sammelt sich hier auf dem Boden der Spalte.«
»Ich frage mich, wie tief das wohl ist.«
»Unmöglich zu sagen«, erwiderte er.
Amber trat nach dem losen Eis. »Was machen wir jetzt? Wir können den Seismografen ja wohl kaum in diesem Pulver verankern.«
»Kein Problem«, sagte Stormgaard. »Wir befestigen ihn in der Wand. Kommen Sie, fangen wir an!«
Sie arbeiteten eine Viertelstunde lang, bis sie sicher waren, dass der kleine orangefarbene Kasten fest an der Eiswand befestigt war. Als sie damit fertig waren, bedeutete Stormgaard Amber, die Funkverbindung mit dem Schiff zu überprüfen.
»Hallo, Admiral Farragut . Hier ist Gruppe Drei. Können Sie mich hören?«
»Hallo, Gruppe Drei. Hier spricht die Basis. Wir hören Sie laut und deutlich. Wo habt ihr beiden gesteckt?«
»Tief in einem Loch, Basis. Haben Sie uns zu erreichen versucht?«
»Positiv. Seien Sie gewarnt, dass wir vor einer Minute von einem Beben Stärke vier durchgeschüttelt wurden. Es handelt sich um eine Bodenwelle, die sich in Süd-Nord-Richtung bewegt. Treffen Sie Ihre Vorkehrungen. Es ist unterwegs zu Ihnen.«
Die beiden Forscher blickten einander an und dann hinunter zu dem Schutthaufen zu ihren Füßen, zündeten gleichzeitig ihre Anzugdüsen und begannen einen Notaufstieg, wobei sie die Sicherheitsleinen hinter sich herschleppten. Sie hatten eine Höhe von hundert Metern über dem Boden erreicht, als die Eiswand neben ihnen zu beben begann.
»Abstand halten von der Wand!«, warnte Stormgaard, als sie plötzlich von einem Blizzard verschlungen wurden.
In wenigen Sekunden war er vorbei. Amber tauchte wieder ins Freie und entdeckte Stormgaards hell beleuchteten Anzug ein Dutzend Meter zu ihrer Rechten. Allmählich begann sie sich wieder sicher zu fühlen. Sie rief das Schiff, um zu melden, dass sie das Beben wohlbehalten überstanden hatten. Doch sie bekam keine Antwort, nur ihr eigenes Echo kam zurück.
»Glauben Sie, das Funkrelais könnte sich gelöst haben?«, fragte sie besorgt.
»Könnte sein«, antwortete Stormgaard. Er stellte sein Rückstoßaggregat ab und ließ sich von seinem Schwung weiter hochtragen, während er sich zurücklehnte, um den Strahl seiner Helmlampe nach oben zu richten. Sein unvermitteltes Fluchen veranlasste Amber, das Gleiche zu tun.
Von weit oben näherte sich ihnen langsam eine geschlossene Wand aus fallendem Eis.
24
Der Kern des Kometen Hastings stand groß am schwarzen Himmel, als Tom Thorpe sich zwischen den Streben und Stützen hindurchzwängte, die den Wasserstofftank Nummer drei der Admiral Farragut stabilisierten. Um ihn herum lag ein Wald von isolierten Rohren und elektrischen Leitungen. Er ging zu einer Stelle, wo mehrere Leitungen in einer komplizierten Vorrichtung zusammenliefen, die Wasserstoff vom Tank zu den Schiffstriebwerken transportierte. Er schloss ein Ventil, dann betätigte er den Hebel, der die Schnappriegel löste, die den Tank mit dem Stützrahmen verbanden. Sich an einer Strebe festklammernd, platzierte er seinen Tornister gegen die äußere Isolationsschicht des Tanks und schob. Langsam trennte sich die 4000 Kubikmeter fassende Kugel von der Antriebssektion im Orbit.
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