»Ist das nicht das, was wir mit dem ganzen Asteroiden vorhaben?«
»Dieser Kommentar, verehrte Kollegin, ist eine Nullmenge vom Null-gleich-null-Typ. Was ich vorschlage, ist, dass wir ein größeres Stück von Donnerschlag herausbrechen und es mit relativ geringer eschwindigkeit hochschleudern – einhundert Meter pro Sekunde, beispielsweise.«
»Ich würde das nicht den Direktor hören lassen, dass Sie den Kern bei diesem Namen nennen«, warnte Barbara.
»Warum denn nicht? Alle tun es. Ist es meine Schuld, dass die Presse dahintergekommen ist und jetzt auf der Schwelle des Direktors kampiert?«
»Sie sind immer noch genau der, den sich Warren vorknöpfen wird, wenn er Sie dieses Wort benutzen hört.«
»Ich habe nicht vor, es in seiner Gegenwart zu benutzen«, sagte Potter.
»Vergessen Sie’s. Wie war das mit Ihrer Idee?«
»Sind Ihnen schon einmal all diese ringförmigen Brüche aufgefallen, die den Ground-Zero -Krater umgeben? Es erinnerte einen irgendwie an einen Stöpsel, den man in eine Eierschale gestoßen hat, finden Sie nicht?«
»Ich vermute, die Erde wird ein ähnliches Mal zurückbehalten, wenn der Kern mit ihr zusammenstößt.«
»Da würde ich drauf wetten«, stimmte Potter fröhlich zu. »All diese Verwerfungen zu sehen, das hat mir zu denken gegeben. Wie wäre es, wenn wir den Stöpsel irgendwie wieder herausdrücken könnten?«
»Großartige Idee. Wie wollen Sie das anstellen?«
»Hatten Sie jemals ein Luftgewehr?«
Barbara schüttelte den Kopf. »Mein Vater erlaubte so was nicht. Er meinte, seine Tochter würde keine hilflosen Vögel umbringen.«
»Mein Vater sagte das Gleiche. Ein Freund von mir hatte aber eins, und als Erstes schoss ich ein Loch in das Panoramafenster im Wohnzimmer. Haben Sie schon einmal gesehen, wie Glas bricht, wenn es von einer Kugel getroffen wird?«
»Sicher. Da ist ein kleines Eintrittsloch, und auf der Rückseite fehlt ein größeres Stück.«
Potter nickte. »Der Fachausdruck dafür lautet ›Abspaltung‹. Der anfängliche Aufprall schickt eine Druckwelle durch das Glas. Wenn diese Welle die andere Seite erreicht, wird sie als Dehnungswelle reflektiert. Glas hat bei Kompression eine beinahe unbegrenzte Festigkeit, reagiert aber sehr empfindlich auf Zugspannungen. Das Ergebnis ist, dass die reflektierte Welle ein Stück abspaltet und es davonfliegen lässt. Interessanterweise entfernt sich das abgespaltene Stück mit derselben Energie, die von der Kugel ursprünglich auf das Glas übertragen wurde. Das gleiche Prinzip wurde früher angewandt, um Panzerplatten mit einer geformten Sprengladung zu durchdringen.«
»Und die Pointe?«
»Ganz einfach: dass das abgespaltene Scheibchen die Auftreffenergie mit sich nimmt. Wenn wir das Spannungsmuster rund um den Ground-Zero -Krater dazu benutzen könnten, ein wirklich großes Stück von Donnerschlag abzuspalten, welche Geschwindigkeit würden wir dabei erreichen?«
»Nehmen wir mal an, dass man eine Trenngeschwindigkeit von einhundert Metern pro Sekunde bekommen könnte. Ich verstehe immer noch nicht … Oh!«
Potter grinste breit. »Die Lady beginnt zu begreifen. Wenn wir es so einrichten könnten, dass der abgespaltene Brocken entgegengesetzt zur Flugrichtung davonsaust, dann würde Donnerschlag aufgrund der Erhaltung des Impulses ein klein wenig nach vorne gestoßen. Mit etwas Glück würden schon beim ersten Versuch unsere ominösen fünf Zentimeter pro Sekunde dabei herausspringen.«
»Wie groß ist der Brocken, den wir bekommen könnten?«
»Der Krater hat einen Durchmesser von 125 Kilometern, und unsere Laserbohrer kommen etwa zwanzig Kilometer tief. Wenn wir auf eine Trenngeschwindigkeit von gut fünfzig Metern pro Sekunde kommen, müsste es eigentlich reichen.«
»Und wenn nicht?«
»Dann wiederholen wir den Vorgang so oft, wie es nötig ist, oder bis uns die Antimaterie ausgeht. Wenn nötig, schälen wir den Asteroiden eben wie eine Zwiebel.«
»Es bleibt immer noch das Problem, einen wirklich großen Brocken herauszubrechen.«
»Wir werden große Bomben brauchen, die an genau den richtigen Stellen des Spannungssystems platziert sind«, antwortete Potter. Er deutete auf seinen Monitor. »Wenn wir es versuchen sollten, würde ich die Schächte hier, hier und hier anbringen. Wenn wir die Bomben gemeinsam zünden, müssten wir das Eis spalten können wie ein Diamantschneider einen Edelstein. Was meinen Sie?«
Barbara starrte auf die Stellen, auf die er am Bildschirm gezeigt hatte. An all diesen Stellen lagen die Verwerfungslinien besonders dicht beieinander. »Ich glaube, es würde eine Menge Analysen erfordern, aber es könnte etwas daran sein.«
»Soll ich das dem Direktor sagen?«
Sie nickte. »Sobald wir ein paar Zahlen ausgearbeitet haben. Es hört sich gut an, Gwilliam. Ich glaube, Sie haben die Lösung für unser Problem entdeckt!«
»Wenn nicht«, sagte er, »dann schicken wir diese armen Teufel von der Admiral Farragut für nichts und wieder nichts in ein paar kalte Löcher hinunter.«
Nadia Hobart öffnete beim zweiten Glockenton die Tür und sah sich auf dem Korridor einem rotgesichtigen, rundlichen Mann gegenüber. Sie lächelte den vertrauten Besucher an und bat ihn einzutreten. »Sie sind im Arbeitszimmer, Harold. Sie haben gerade angefangen.«
»Danke, Nadia«, erwiderte Harold Barnes. »Und wie fühlt sich die First Lady von Luna heute Abend?«
»Immer noch sehr wohl, wenn sie von Leuten ›First Lady‹ genannt wird.«
»Du wirst dich noch dran gewöhnen. Du bist wie geschaffen für den Job. Lass dich bloß nicht von diesen Blutsaugern aus der Verwaltung vereinnahmen. Wenn du etwas tust, dann weil du dich wohl dabei fühlst, und nicht, weil irgendein Protokollbeamter es für angebracht hält.«
»Danke, ich werde daran denken«, sagte sie, während sie Barnes durch die Höhlensimulation des Wohnzimmers führte.
»Wie geht es John? Ich habe ihn seit der Siegesparty in der Wahlnacht nicht mehr gesehen.«
Nadia Hobart biss sich auf die Unterlippe, eine nervöse Geste, die sie sich als Farmerstochter in Kansas angewöhnt hatte. »Ich mache mir Sorgen wegen ihm, Harold. Er arbeitet zu viel. Erst die Wahlen, dann diese Kometengeschichte. Er wird sich innerhalb eines Jahres verausgaben, wenn er nicht ein bisschen kürzer tritt. Du bist sein Freund. Du könntest doch nach der Besprechung mal mit ihm reden.«
»Ich kann’s versuchen. Ich bin mir nicht sicher, ob es etwas nützt. Die Wahrheit ist, Nadia, dass wir alle hart an dieser Machbarkeitsstudie gearbeitet haben, die John in Auftrag gegeben hat. Gott sei Dank ist das meiste geschafft.«
»Was habt ihr herausgefunden?«
Barnes seufzte. »Dass unsere Lage besser ist, als wir alle für möglich gehalten haben. Die Importzölle, die das Parlament in der letzten Dekade verabschiedet hat, haben sich besser ausgewirkt als erwartet. Ich bin überzeugt davon, dass wir ohne die Erde überleben können, aber nur dann, wenn wir uns sofort darauf vorbereiten.«
»Was müsste getan werden?«
»Ja, womit fängt man an? Wir benötigen dringendst Vorräte von Halbfertigprodukten wie Germaniumchips, Impfkristalle, Supraleiter. Wir müssen auch unsere Vorräte an terrestrischen Genotypen aufstocken. Der Nachholbedarf unserer Genbanken beträgt fast dreißig Prozent! Wir haben einen Großteil unserer Steuersoftware niemals aktualisiert, und eine Menge unserer Finanzunterlagen sind in Datenbanken auf der Erde gespeichert.«
»Hast du John diese Dinge schon gesagt?«
»Noch keine Gelegenheit gehabt. Die Bank hat den Bericht heute Nachmittag fertiggestellt.«
»Hallo, Harold!«, dröhnte Hobart. »Was hast du mir noch nicht gesagt?«
»Die Ergebnisse unserer Überlebensstudie.«
»Dazu kommen wir noch. Du kennst meine Gäste, glaube ich.« Trotz seiner herzlichen Art konnte man deutlich sehen, dass Hobart ein erschöpfter Mann war. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen, und auf seinem Gesicht hatten sich während des vergangenen Monats ganze neue Nester von Sorgenfalten entwickelt.
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