Das Schiff hatte ursprünglich 2000 Kilometer über der sonnenzugewandten Seite des Eisasteroiden geschwebt. Von ihrem Beobachtungsposten aus hatten sie das Bugteleskop und zwei Panoramakameras auf das Ziel gerichtet. Die nächsten vier Tage über – sechs volle Umdrehungen des Kerns lang – hatten sie die Oberfläche in sichtbarem Licht und mehreren verschiedenen Wellenlängen des Ultravioletten und Infraroten kartografisch erfasst. Während sie den Kern unter sich rotieren sahen, war ihnen allmählich zu Bewusstsein gekommen, wie groß diese Welt in Wirklichkeit war. Bei einem Durchmesser von angenähert fünfhundert Kilometern besaß der Eisasteroid eine Oberfläche von 250.000 Quadratkilometern – womit er größer war als etwa Rumänien oder Idaho. Auf dem Hinflug war es Thorpe zur Gewohnheit geworden, von ihm in den gleichen Begriffen zu denken, wie er es vom Felsen tat. Doch eine solche Entsprechung existierte nicht. Die größte Abmessung des Felsen betrug ein Hundertstel des Kometendurchmessers.
Nach Ablauf von vier Tagen hatten sie ihre Daten über eine abgesicherte Verbindung zur Erde gesendet und anschließend das Schiff in eine Position genau über dem Südpol des Eisasteroiden gebracht. Dort hatten sie eine weitere Umdrehung lang geschwebt, während sie die Südpolregion fotografiert hatten. Dann hatten sie ihre Untersuchungen über dem Nordpol wiederholt.
Der Landeplatz, den die Erde schließlich ausgewählt und genehmigt hatte, befand sich zehn Kilometer innerhalb des Ground-Zero -Kraters. Der glatte Boden dort lud nicht nur zum Landen ein, sondern die Entstehung des Kraters war auch die letzte Katastrophe in der Geschichte des Eisasteroiden gewesen. Tatsächlich war ein großer Teil seiner gegenwärtigen Struktur Folge der Kollision, die ihn ursprünglich aus der Oort-Wolke hinausgeworfen hatte.
Die Stelle lag zudem in der Nähe des ›Ödlands‹, einer Gegend, die für Professor Chen von besonderem Interesse war. Das Ödland war eine Gegend voller Verwerfungen, wo die Low Sierra Mountains bis nah an die Kante des Ground-Zero -Kraters vorsprangen. Den beiden ungleichartigen Gebieten waren, Ring auf konzentrischen Ring folgend, Bodenfehler und Brüche überlagert. Aus diesen tiefen Rissen kochte der unsichtbare Wind hervor, der die umgebende Koma stetig vergrößerte.
Als alles so weit war, hatte Kapitän Olafson das Habitatmodul herausgelöst, es in sicherer Entfernung vom verbliebenen Schiff geparkt und dann den Vorgang mit dem Frachtmodul wiederholt. Als alles überprüft und gegengeprüft war, hatte sie den langsamen Abstieg zur Oberfläche hinunter begonnen.
Während Thorpe auf seiner Couch lag, wurde er auf eine Leuchterscheinung hoch über sich aufmerksam. Er ließ seinen Beobachtungsschirm auf diese Himmelsregion ausrichten und wurde mit dem Anblick des fassförmigen Frachtmoduls belohnt, das sich von der Schwärze des Weltraums abhob. In Abänderung des Plans hatte man beschlossen, das Frachtmodul vor ihnen hinunterzuschicken. Es würde etwa eine Minute vor dem Habitatmodul Bodenberührung haben und verifizieren, ob der Boden des Ground-Zero -Kraters so fest war, wie es den Anschein hatte.
»Krater in Sicht«, meldete Emilio Rodriguez dem Kontrollraum, als die ringförmige Wandung über dem Horizont auftauchte.
»Ich sehe ihn«, antwortete der Kapitän. »Annäherung fortsetzen.«
Karin Olafson klang entspannter, als sie sich auf ihrer Beschleunigungsliege fühlte. Ihre Augen musterten die Anzeigen in rascher Folge, während sie einen Nebenregler in ihrer rechten Hand hielt, bereit, augenblicklich die Kontrolle vom Autopiloten an sich zu reißen, falls sich das als nötig erweisen sollte.
»Irgendwas Gefährliches zu sehen, Erster Ingenieur?«, fragte sie einige Minuten später, als der Krater die Panoramakuppel über ihren Köpfen füllte. Während des Abstiegs zeigte die Kuppel das Bild unter dem Habitatmodul.
Kyle Stormgaards Stimme kam aus einem Lautsprecher an der Decke. »Das Ding gefällt mir, Captain. Ist so glatt wie ein Babypopo.«
Der Erste Ingenieur trug einen Raumanzug und befand sich in einer offenen Schleuse. Er hatte eine Handsteuerung dabei und würde das Schiff übernehmen, falls die Schiffskameras während der kritischen Landephase ausfallen sollten. Er musterte den Landeplatz durch hochverstärkende Ferngläser und hielt Ausschau nach Gefahren.
»Mr. Rodriguez, können Sie das bestätigen?«
»Bestätigt, Kapitän. Das Radar zeigt eine Eisoberfläche an mit Ebenheit 0,04 und einer Dicke von mindestens mehreren Hundert Metern. Die thermische Messung ergibt eine Oberflächentemperatur von durchweg 124 Kelvin.«
»Sehr schön. Achte auf die Staubentwicklung, wenn das Frachtmodul aufsetzt, Kyle. Wir schwenken vielleicht besser ab, wenn die Sicht zu stark abnimmt.«
»Verstanden, Kapitän«, kam die rasche Antwort.
Während Thorpe weiter die Panoramakuppel beobachtete, fiel das Frachtabteil die letzten Dutzend Meter in Richtung Oberfläche. Ein kurzes Aufflackern seiner starken Korrekturdüsen genügte, um sein Abwärtsgleiten zum Stillstand zu bringen. Es schwebte lange Sekunden im Vakuum, bis es schließlich die letzten drei Meter auf den Boden hinabgesunken war. Das große Modul federte langsam mehrere Male in seinen Landestützen und stabilisierte sich dann.
»Frachtmodul sicher gelandet. Keine Anzeichen von Oberflächenstaub.«
»Weitermachen, Leute, wir gehen runter!«
Der Rest der Landung war ein Kinderspiel. Das riesige, kugelförmige Habitatmodul hallte wider von einigen kurzen Stößen der Steuerdüsen, dann war es still. Fast eine halbe Minute später fühlte sich Thorpe sanft in seinen Sitz gedrückt. Nach allen Seiten hin breitete sich ein seltsam braungrauer Boden aus, während darüber eine geschrumpfte Sonne aus einem pechschwarzen Himmel auf ihn erunterstarrte. Kapitän Olafson begann augenblicklich mit dem Aufrufen der Abschlussprozeduren.
Thorpe atmete hörbar aus. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er den Atem angehalten hatte. Nachdem er eine Weile den Kuppelhorizont gemustert hatte, begann er seine Gurte abzustreifen, plötzlich begierig darauf, wieder frei zu sein. Nach acht Monaten und fast einer Milliarde zurückgelegter Kilometer war die Admiral Farragut endlich am Ziel!
»Sie sind unten«, gab Franklin Hardesty bekannt.
»Sind Sie sicher?«, fragte Constance Forbin.
Der Direktor von Sky Watch nickte. »Newton Station hat soeben die Bestätigung von Kapitän Olafson erhalten. Das Habitat-und das Frachtmodul sind beide erfolgreich gelandet, und man ist gerade dabei, sie im Eis zu verankern.«
»Gute Neuigkeiten«, sagte die Chefkoordinatorin.
»Verdammt gute Neuigkeiten!«, erwiderte Hardesty.
Beide befanden sich in einem abgeschirmten Konferenzsaal im New Ridderzaal Tower, wo sie eine Zusammenkunft der größeren Nationen der Erde moderierten. Die Nordamerikanische Union und das Vereinte Europa waren vertreten, die Democracia du Sud America, die Afrikanische Union, Großchina und Australasien. Constance Forbin hatte das Geheimnis des eigensinnigen Kometen am ersten Versammlungstag enthüllt. Zu ihrer Überraschung hatten die versammelten Repräsentanten die Nachricht mit relativer Ruhe aufgenommen. Ob ihre Reaktion auf ihr mangelndes Verständnis der drohenden Gefahr zurückzuführen war, oder ob ihre Spionagedienste den Sicherheitsrat infiltriert hatten, wusste sie nicht zu sagen. Außerdem hielt sie diese Frage für unbedeutend. Das Geheimnis hatte bestenfalls vorübergehend gewahrt werden können. Die Dinge hatten sich so weit entwickelt, dass die Öffentlichkeit informiert werden musste. Wenn es gelingen sollte, den Kometen abzulenken, dann würde man Vorbereitungen in einem Maßstab zu treffen haben, die für jedermann erkennbar waren.
»Da Ihre Leute nun gelandet sind, was schlagen Sie vor, was geschehen soll?«, fragte der nordamerikanische Vertreter. Er war ein hochgewachsener Mann mit einem permanent finsteren Blick.
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