Sobald die Erlaubnis von der Erde erteilt worden war, würden sie das Habitatmodul abtrennen und es auf der Oberfläche absetzen. Als Nächstes würde das Frachtmodul automatisch gelandet werden. Das Antriebsmodul würde in einer hohen Umlaufbahn über dem Kern verbleiben, wo es als Relaisstation dienen würde. Wenn sie erst einmal ihre Wasserstoff-Destillationsapparatur installiert hätten, würden sie jeden einzelnen Kugeltank zum Wiederbetanken auf den Boden überführen.
Der Asteroid wuchs allmählich an, bis er so groß war wie ein Planet. Als sie den Punkt größter Annäherung erreicht hatte, schaltete Karin Olafson das InterKom ein. »An alle, vorbereiten auf starke Beschleunigung! Zwei g in zwei Minuten. Achten Sie darauf, dass Sie fest angeschnallt sind. Lassen Sie alles stehen und liegen und begeben Sie sich sofort zu den Beschleunigungsliegen! Machen Sie eine Rückmeldung, sobald Sie fertig sind.«
Sie wartete so lange, bis sich jeder an Bord für die Beschleunigung klargemeldet hatte. Wie sie es vor dem Start getan hatte, inspizierte sie mittels Kamera die Lage jedes Einzelnen und überprüfte ihr Schiff. Dann checkte sie die Bereitschaft der Kontrollraum-Crew.
»Erster Ingenieur!«
»Klar für Beschleunigungsmanöver, Captain.«
»Computercheck, Mr. Rodriguez.«
»Alle Anzeigen grün.«
»Alle Drucktüren schließen. Magnetfeld der Druckkammer hochfahren. Injektion von Reaktionsmasse und Antimaterie vorbereiten.«
»Ist vorbereitet, Captain«, sagte Erster Ingenieur Stormgaard.
Es entstand eine lange Pause.
»Erste ntimaterieinjektion in dreißig Sekunden. Mr. Rodriguez, geben Sie Alarm.«
Im ganzen Schiff ertönte der Beschleunigungsalarm.
»Achtung, an alle. Fertigmachen für vollen Schub, zehn … neun … acht … sieben … sechs … fünf … vier … drei … zwei … eins … jetzt!«
Barbara Martinez schritt langsam durch den langen Korridor der Raumstation Newton und fragte sich, womit sie sich eine Vorladung zu einem persönlichen Gespräch mit dem Direktor von Sky Watch verdient hatte. Computerprogrammierer sechsten Ranges trafen sich nicht oft mit El Patron, und wenn sie es taten, dann hatten sie im Allgemeinen nicht viel Freude daran.
Sie gelangte zum Chefbüro und überprüfte ihre Erscheinung in dem Ganzkörperspiegel, der für diesen Zweck vorgesehen war. Was sie sah, war eine schlanke, schwarzäugige Brünette mit einem gewandten Lächeln und einem für ihr Gesicht etwas zu großen Mund. Sie studierte ihre Gesichtszüge mit der Distanz eines Menschen, der von seinem Aussehen überzeugt ist. Das Graublau ihrer Uniform kontrastierte vorteilhaft mit ihrer ein wenig dunklen Gesichtsfarbe. Befriedigt meldete sie ihr Erscheinen.
Es kam die gedämpfte Aufforderung einzutreten. Franklin Hardesty saß über einen Bericht gebeugt, dessen Vorderseite den scharlachroten Aufdruck STRENG GEHEIM trug. Zusätzlich zu der Sicherheitsklassifizierung prangte auf dem Bericht das Logo des Systemrates. Der Rat hatte in der Vergangenheit als geheim eingestufte Untersuchungen durchführen lassen, das wusste sie, aber diese hatten sich gewöhnlich mit heiklen soziologischen Themen befasst. Soweit sie informiert war, hatte sich Sky Watch nie mit etwas Geheimerem als Gezeitentafeln beschäftigt.
Hardesty blickte auf und schloss bei ihrem Eintreten den Bericht. »Bitte nehmen Sie Platz, Miss Martinez.«
»Danke, Sir.«
Der Direktor hatte sein Büro auf dem Gamma-Deck, wo die lokale Schwerkraft kaum ein Drittel der Standardschwerkraft betrug. Er behauptete, die höhere Schwerkraft auf den Alpha-und Beta-Decks verursache ihm Schmerzen im Bein.
»Ich habe mir Ihre Akte angesehen, Miss Martinez. Ihr entnehme ich, dass Sie als Astrogeologin ausgebildet sind.«
»Ja, Sir. Ich habe meine Doktorarbeit über die Entstehung der Kometen geschrieben.«
»Warum arbeiten Sie nicht auf diesem Gebiet?«
Sie hob die Schultern. »Wo bekommt ein Experte für Kometen denn schon einen Job? Abgesehen von dieser Expedition zum Kometen Hastings neulich, gab es für einen Spezialisten wie mich nicht viele Möglichkeiten.«
»Ich nehme an, Sie verfolgen die Fortschritte der Expedition.«
»Wenn ich kann. Es ist ziemlich still darum geworden, seit der Komet Jupiter hinter sich gelassen hat. Eine Sternenjagd ist eine langwierige Angelegenheit, nehme ich an.«
»Wie es heißt, kennen Sie einen der xpeditionsteilnehmer.«
Sie nickte. »John Malvan. Ich habe ihn kennengelernt, als er letztes Jahr hier auf der Durchreise war. Er versprach, einen Brocken vom Kometen mitzubringen.«
»Malvan ist Lunas offizieller Repräsentant bei dieser Expedition, nicht wahr?«
»Ja, Sir. Wären Sie so liebenswürdig, mir zu sagen, warum Sie mir all diese Fragen stellen?«
»Sky Watch ist beauftragt worden, eine der Arbeitsgruppen des Rates zu unterstützen. Dazu braucht man unsere allerbesten Leute. Ich denke daran, Sie vorzuschlagen.«
»Ein Forschungsprojekt, Sir? Über den Kometen?«
»Tut mir leid, aber mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Der Job schließt einen ausgedehnten Aufenthalt auf der Erde ein. Interessiert?«
»Ja, Sir!« Wie die meisten bei Sky Watch Beschäftigten, hatte Barbara seit langem die Unterhaltungsmöglichkeiten, welche die Newton Station zu bieten hatte, ausgeschöpft. Trotz der hohen Bezahlung und der luxuriösen Wohnquartiere, war es ihr unmöglich, nicht zu bemerken, dass sie ihr Leben in einem gekrümmten Abzugsrohr verbrachte. Ein ausgedehnter Aufenthalt auf der Erde war genau das Richtige für sie.
»Falls Sie ausgewählt werden, wird man von Ihnen höchste Geheimhaltung verlangen. Sie werden niemandem sagen können, was Sie tun, außerdem wird Ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden.«
»Für wie lange?«
»Es könnte für mehrere Monate sein. Immer noch interessiert?«
»Sie sagen, dass es wichtig ist?«
»Es ist lebenswichtig.«
»Dann bin ich interessiert.«
Hardesty nickte. »Packen Sie Ihre Sachen und halten Sie sich für den Mittagsshuttle bereit. Sie sollen sich morgen um acht Uhr Ortszeit in Raum 1012 in unserem Denver Hauptquartier melden. Dort erhalten Sie weitere Anweisungen. Noch irgendwelche Fragen?«
»Nein, Sir.«
Hardesty erhob sich und hielt ihr seine Hand hin. »Viel Glück. Wir verlassen uns auf Sie.«
Halver Smith eilte durch den heftigen Wind zum Hauptgebäude dessen, was einmal eine pädagogische Hochschule in New Mexico gewesen war. Überall lag Schnee, außer auf den Gehwegen zwischen den Gebäuden. Im Beton verlegte Leitungen ließen den Schnee auf den Wegen schmelzen. Hinter den roten Ziegelhäusern mit ihren grünen Kupferdächern lag ein scharfzackiger Gebirgszug.
Die ehemalige Hochschule war vor fünf Jahren in Smiths Besitz übergegangen, und als Constance Forbin die Notwendigkeit erläutert hatte, die neue Arbeitsgruppe an einem sicheren Ort unterzubringen, hatte er den Campus angeboten. Eine kleine Armee von Handwerkern war zwei Wochen mit den nötigen Umbauten beschäftigt gewesen. Die Renovierung der Schlafsäle war immer noch im Gange.
Obwohl er seine Anzugheizung auf volle Leistung gestellt hatte, zitterte Smith, als er das Verwaltungsgebäude erreicht hatte. Nachdem er von einer Wache identifiziert worden war, durfte er zum zweiten Stock hinaufsteigen. Die Sekretärin des Projektleiters informierte ihn, dass Direktor Warren jemanden in seinem Büro habe, dass er jedoch in ein paar Minuten zur Verfügung stünde. Smith verbrachte die Zeit damit, sich an einem altmodischen Radiator aufzuwärmen.
Als die Tür zum Büro des Direktors aufging, trat eine hübsche junge Frau heraus. Smith fiel sie deshalb auf, weil ihr Haar so dunkel war, dass es bläulich schimmerte. Sie machte ein Gesicht, das Smith wiedererkannte. Es war der benommene Gesichtsausdruck von jemandem, der soeben die Wahrheit über den Kometen erfahren hatte.
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