»Heimkommen ist doch was Schönes, selbst wenn es so eine Sardinenbüchse ist«, murmelte er.
»Finde ich auch«, antwortete eine weibliche Stimme in seinen Ohrhörern.
Die Kabine des Hüpfers war voller Menschen. Neben Thorpe saß Amber, ihren Anzug fest gegen seinen gepresst. Neben ihr, eingekeilt auf einer Sitzbank, die eigentlich für zwei Personen gedacht war, saß Cragston Barnard. Während ihrer letzten Woche auf dem Kometen waren alle drei für kaum ein paar Stunden aus ihren Anzügen herausgekommen. Am Morgen hatten sie zugesehen, wie der letzte der tiefen Schächte mit Wasser gefüllt worden war. Innerhalb weniger Stunden war das Wasser zu einem Stöpsel von mehr als zwölf Kilometern Länge erstarrt. Nur ein dickes Kontrollkabel, das den Sprengbefehl weiterleiten würde, führte durch den Stöpsel bis nach unten.
Sie hatten insgesamt achtunddreißig Schächte gebohrt, sechs mehr als ursprünglich geplant. Jede einzelne Sprengvorrichtung war sorgfältig innerhalb einer größeren Verwerfung platziert worden. Anders als die auf dem Prinzip der Kernspaltung oder Kernfusion beruhenden Bomben, deren ganze Energie innerhalb von Nanosekunden freigesetzt wurde, benötigten Antimateriesprengkörper Millisekunden, um ihr Maximum zu erreichen. Aufgrund der Verzögerung würden die Annihilierungsprodukte – Pionen und Gammastrahlen – tief in das umgebende Eis eindringen können. Ziel war es, unter dem gesamten Ground-Zero -Krater ein unter hohem Druck stehendes Dampfpolster zu erzeugen. Für diesen Zweck eignete sich eine langsame Energiefreisetzung besser als eine rasche.
»Es wird guttun, sich wieder einmal zu waschen«, sagte Amber mit einem sehnsuchtsvollen Blick zum Schiff hinüber. »Fünf Tage im Raumanzug, das ist ein Dauerrekord, den ich niemals brechen möchte.«
Barnard lachte. »Es ist gut, dass ich hier drin eingeschlossen bin. Nicht einmal meine Frau würde meinen Geruch aushalten.«
»Die Zeit müsste gerade reichen, um sich zu waschen, etwas Warmes zu essen und sich vor der Detonation noch ein bisschen auszuruhen.«
»Wie lange noch?«
Thorpe blickte auf sein Anzugchronometer. »Vier Stunden und siebzehn Minuten. Bis Donnerschlag seine östliche Hemisphäre dem Jupiter zuwendet.«
Amber und Barnard beobachteten schweigend, wie Thorpe den Hüpfer dem Frachter entgegenlenkte. Einhundert Meter vor der Schleuse Eins brachte er ihn zum Stehen.
»Ich will nicht näher heran«, erklärte er. »Wär nicht schön, jetzt noch irgendwo gegenzuknallen, wo wir fast schon zu Hause sind. Ihr werdet springen müssen.«
»Kein Problem«, antwortete Barnard. Der Astronom öffnete die Luke und kletterte auf die Hülle hinaus. Thorpe vergewisserte sich, dass die Korrekturdüsen abgeschaltet waren. Als die Schiffsschleuse aufging, sah man eine Gestalt, die sich vor der Innenbeleuchtung abhob.
Barnard flog die hundert Meter zum Schiff hinüber. Er landete mit den Füßen voran auf der Hülle und ließ sich hineinhelfen. Sobald er drinnen war, schloss sich die Schleusentür für eine lange Minute, dann öffnete sie sich wieder.
»Du bist dran, mein Schatz.«
»Wir sehen uns dann drinnen«, erwiderte Amber, als sich ihre behandschuhten Hände berührten. Sie konnten einander durch die dicken Handschuhe hindurch nicht fühlen, aber darauf kam es gar nicht an. Amber folgte dem Beispiel Barnards und schwebte durch die offenstehende Luke hinaus. Eine Minute darauf verschwand sie ebenfalls in der Schleuse Eins.
»Nun, altes Streitroß, ich schätze, das ist der Abschied«, sagte Thorpe, während er seine Anweisungen in den Autopiloten programmierte. Die Worte waren Teil eines Dialogs aus einem alten Film, den er einmal gesehen hatte. Aus irgendeinem Grund kamen sie ihm passend vor.
Thorpe bewegte sich durch die Backbordluke und richtete sich sorgfältig auf das Habitatmodul des Schiffes aus. Nachdem er sich von der Außenhülle des kleinen Flugapparats abgestoßen hatte, schwebte er über den Abgrund und landete mit dem Kopf voran, wobei er sich mit ausgestreckten Armen abfing, um die Energie zu absorbieren. Dann packte er den Griff und schwang die Füße herum, um sich zügig in die offene Schleuse gleiten zu lassen.
»Willkommen zu Hause«, sagte Dieter Schmidt.
»Danke.«
Schmidt streckte die Hand nach den Kontrollen aus, aber Thorpe hielt ihn auf. »Warten Sie eine Sekunde. Ich will mir das ansehen.«
Die beiden Männer beobachteten den Hüpfer noch für einen Moment. Plötzlich erwachte sein Triebwerk zum Leben, und er begann sich von der Admiral Farragut zu entfernen.
»Wo haben sie ihn hingeschickt?«
»Ich hab ihm nur einen kurzen Zehn-Meter-pro-Sekunde-Stoß gegeben, um ihn von der Flotte wegzubekommen. Okay, lassen Sie uns reingehen.«
Die Außentür schloss sich. Thorpe hörte auf einmal das Rauschen von Luft, während sein Anzug um ihn herum zusammenfiel. Er löste den Helm, sobald die Schleusenanzeigen Grün anzeigten. Die Innentür öffnete sich langsam nach außen, dahinter erschien eine helmlose Amber Hastings, die in der Vorkammer wartete. Bevor er sich bewegen konnte, war sie bereits bei ihm und warf ihm ungeschickt die Arme um den Hals. Sie küssten sich eidenschaftlich, bis ihnen die Luft ausging.
»Das hatte ich schon seit fünf langen Tagen vor«, flüsterte Amber. »Willkommen zu Hause, Liebster!«
»Ja, willkommen. Lust, zusammen zu duschen?«
Sie rümpfte die Nase. »Je früher, desto besser!«
Die kleine Flotte hing bewegungslos in eintausend Kilometern Höhe über dem Kern im Raum. Aus dieser Entfernung nahm Donnerschlag dreißig Winkelgrade ein, was ihm die sechzigfache Größe des Vollmonds von der Erde aus betrachtet gab. Die Beobachtungsposition war mit Vorbedacht ausgesucht worden. Sie lag weit genug weg, dass das menschliche Auge den ganzen Kern mit einem Blick erfassen konnte, andererseits auch nah genug, dass die Messinstrumente der Flotte alles minutiös würden aufzeichnen können. Die Entfernung war außerdem so groß, dass die Schiffe durch die Explosion nicht gefährdet werden würden.
»X minus zehn Minuten, Countdown läuft.«
Die Ankündigung des Flaggschiffs hallte durch die Messe der Admiral Farragut , wo sich die meisten Expeditionsteilnehmer versammelt hatten. Amber war neben Thorpe in eine Ecke gezwängt, während die anderen sich vor dem Holoschirm drängten. Kapitän Olafson, Ingenieur Stormgaard und die beiden Barnards hatten es vorgezogen, vom Kontrollraum aus zu beobachten. Niemand, so schien es, wollte die Explosion für sich alleine miterleben.
»Glücklich?«, fragte Thorpe, indem er seinen Griff um Ambers Taille für einen Moment verstärkte.
Sie überlegte für einen Moment, dann nickte sie. »Und du?«
»Ich bin froh, dass es so gut wie vorbei ist. Noch zehn Minuten, und wir können unser Leben wieder planen.«
»Welche Pläne hast du, Tom, wenn das alles vorüber ist?«
Er sah sie lange an. »Ich dachte mir, ich frage dich, ob du mich heiraten willst.«
»Ist das dein Ernst?« Sie suchte in seinem Gesicht nach einem Anzeichen dafür, dass sein Angebot nur ein Beispiel seines verschrobenen Humors war.
Er erwiderte ruhig ihren Blick. »So ernst, wie man es nur meinen kann. Falls du mich überhaupt haben willst.«
»Du alter Trottel! Natürlich will ich dich. Die letzten sechs Monate über habe ich kaum an etwas anderes gedacht.«
»Na prima. Dann können wir ja den Kapitän die Zeremonie gleich nach der Zündung durchführen lassen.«
»Vielleicht will sie damit nicht behelligt werden.«
Er zuckte mit den Achseln. »Dann wechseln wir eben zur Gargantua über und lassen es deren Kapitän machen. Das wäre mir egal.«
»Was ist mit all deinen Freunden, und mit meinen?«
»Ich würde sagen, wir haben alle, die wir brauchen, hier vor der Nase.« Bis jetzt hatten sie sich mit leisem Flüstern unterhalten. Thorpe hob seine Stimme. »Wie steht’s mit euch, Leute? Lust auf eine Hochzeitsfeier heute Nachmittag?«
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