»Jawohl, Sir«, antwortete Captain James Kidley. »Aber auf welchem Bildschirm ist es? Ich sehe es auf beiden.«
»Es ist auf beiden«, warf Oberst Willard Griswold ein. »Sehen Sie selbst, Spike. Es ist dort draußen — und so groß wie die Erde.«
»Entschuldigen Sie, Spike«, sagte Oberst Mabel Wallingford rasch, »aber könnte es sich nicht um einen Test handeln? Sie wissen doch, daß das Hauptquartier I unsere Nachrichtenverbindungen jederzeit zu Testzwecken unterbrechen kann.«
»Richtig«, meinte der General und griff begierig nach dem angebotenen rettenden Strohhalm, »wahrscheinlich handelt es sich nur um einen simulierten Notfall. Okay, nehmen wir also an, daß das Hauptquartier unsere Einsatzbereitschaft überprüfen will.«
Paul warf einen ängstlichen Blick nach oben und stellte fest, daß der Wanderer sich nicht bewegt zu haben schien. Er richtete sich auf, half Margo beim Aufstehen und sah sich um. Die anderen hatten wie er reagiert; überall standen umgefallene Stühle, aber weder die Zuhörer noch die Diskussionsteilnehmer waren zu sehen.
Allerdings gab es eine Ausnahme. Der Ladestock stand aufrecht und sagte mit hoher Stimme: »Kein Grund zur Panik, Leute. Seht ihr nicht, daß das nur ein Luftballon ist? Wahrscheinlich aus Japan — jedenfalls den Farben nach.«
Unter einem Tisch hervor kam Docs laute Stimme: »Bleibt unten, ihr Idioten! Wißt ihr nicht, daß eine Atomexplosion im Raum wie eine glühende Kugel aussieht?« Dann fügte er leiser hinzu: »Haben Sie irgendwo meine Brille gesehen, Rama Joan?«
Ann kam auf Paul und Margo zu. »Weshalb haben eigentlich alle Angst?« erkundigte sie sich fröhlich. »Das ist doch die größte Untertasse aller Zeiten.«
Der Ladestock sprach mit der gleichen hohen Stimme weiter: »Der japanische Luftballon bewegt sich sehr langsam, Leute. Er wird dicht über uns hinwegfliegen, aber keine Angst, er fällt nicht herunter.«
Der kleine Mann ging zu ihm hinüber, griff nach seinem Arm und schüttelte ihn heftig.
»Wie kann ein Ballon die Sterne völlig verdecken?« fragte er laut. »Wie ist es möglich, daß er alles fast taghell erleuchtet? Was haben Sie dazu zu sagen, Charlie Fulby?«
Der Ladestock sah sich um. Dann verdrehte er die Augen, wollte sich an einem Stuhl festhalten und sackte wortlos zusammen. Der kleine Mann schüttelte den Kopf und sagte: »Jedenfalls ist das dort oben nicht Arletta.«
Im gleichen Augenblick tauchten Doc, der seine Brille wiedergefunden hatte, und Hunter, der Professor mit dem Bart, hinter dem Tisch auf.
»Das war keine Atomexplosion«, verkündete Doc, »sonst hätte die Feuerkugel sich bereits weiter ausgedehnt. Außerdem wäre sie zu Anfang wesentlich heller gewesen.«
Rama Joan war ebenfalls wieder aufgestanden. Ihr Smoking wirkte jetzt leicht zerknittert, der grüne Turban war verrutscht.
Der Wanderer stand weiter unbeweglich am Himmel: samtweich und doch klar umrissen, unvorstellbar und doch offensichtlich. Seine beiden Hälften erinnerten an das Yin-Yang-Symbol von hell und dunkel, männlich und weiblich, gut und böse.
Während die anderen nach oben starrten, nahm der kleine Mann ein Notizbuch aus der Jackentasche und zeichnete auf eine der freien Seiten eine saubere Skizze des neuen Himmelskörpers. Er stellte die unregelmäßig verlaufende Trennlinie durch ein geschwungenes umgekehrtes S dar, schraffierte die purpurrote Fläche und ließ den goldenen Teil weiß.
Don Merriam sammelte die letzten Behälter ein und machte sich auf den Rückweg. Er sah nach oben und stellte fest, daß die Sonne innerhalb der nächsten Sekunden hinter der Erde auftauchen würde. Dann herrschten hier wieder hohe Temperaturen, während der schwarze Planet von dem reflektierten Licht silbern beleuchtet wurde.
Dann blieb er wie erstarrt stehen. Die Sonne war noch nicht wieder sichtbar geworden, aber die Erdoberfläche leuchtete hell — mindestens zwanzigmal heller als er sie je bei Mondschein hatte glänzen sehen. Er erkannte die beiden Amerikas und am rechten Rand ein Glitzern, das Grönland sein mußte.
»Sieh dir nur die Erde an, Don«, sagte Johannsen in diesem Augenblick.
»Das tue ich bereits, Yo. Was hat das zu bedeuten?«
»Keine Ahnung, aber vielleicht hat irgendwo auf dem Mond eine riesige Explosion stattgefunden. Zum Beispiel in dem sowjetischen Stützpunkt — der Raketentreibstoff könnte sich entzündet haben.«
»Selbst das wäre nicht so hell, Yo. Ich glaube eher, daß Ambartsumian eine neuartige Leuchtfackel ausprobiert.«
»Nukleare Festbeleuchtung?« meinte Johannsen. »Dufresne hat eben einen dritten Vorschlag gemacht: Alle Sterne auf der anderen Seite des Mondes haben sich in Novä verwandelt.«
»Das könnte hinkommen«, stimmte Don zu. »Aber was hat der komische Fleck im Atlantik zu bedeuten, Yo?«
Der Fleck, von dem er sprach, war ein goldener und purpurroter Lichtpunkt auf dem ruhigen Wasser.
Hunter und Doc waren in ein Gespräch vertieft und hoben nur gelegentlich die Köpfe, um den Wanderer anzustarren. Paul trat hinter sie und warf plötzlich ein: »Hören Sie, ich weiß zufällig daß es Himmelsaufnahmen gibt, die genau das zeigen, was Sie ...«
»Ruhe! Ich kann mich jetzt nicht mit Ihrem Unsinn befassen!« fuhr Doc ihn an. Gleichzeitig lächelte er freundlich und fuhr dann fort: »Ross, ich gebe zu, daß das Ding so groß wie die Erde ist, wenn es wirklich so weit wie der Mond von uns entfernt ist. Aber wir ...«
»Falls es tatsächlich eine Kugel ist«, warf Hunter ein. »Vielleicht ist es eine flache Scheibe.«
»Möglich, aber unwahrscheinlich«, meinte Doc. »Ich wollte sagen, daß der Durchmesser der Kugel nur etwa dreißig Kilometer betragen kann, wenn sie nur tausend Kilometer über uns steht. Ist Ihnen das klar?«
»Selbstverständlich«, versicherte Hunter. »Gleichseitige Dreiecke und achttausend Kilometer geteilt durch zweihundertfünfzig.«
Doc nickte zufrieden. »Und wenn das Ding nur hundert Kilometer hoch über uns steht ...«
»Dann beträgt sein Durchmesser nur drei Kilometer«, warf Hunter ein.
»Richtig«, stimmte Paul zu, »aber in diesem Fall würde es für eine Erdumkreisung nur neunzig Minuten brauchen. Das sind vier Grad pro Minute — und das müßte ziemlich gut zu sehen sein.«
»Ich bin völlig Ihrer Meinung«, antwortete Doc und wandte sich dabei an Paul wie an einen alten Kollegen. »Vier Grad entspricht etwa dem Gürtel des Orion. Soviel Bewegung ist mit bloßem Auge erkennbar.«
»Woher wollen Sie wissen, daß das Ding sich in irgendeiner Kreisbahn befindet?« fragte Hunter. »Wie kommen Sie überhaupt darauf?«
»Das ist doch ganz natürlich«, erklärte Doc laut. »Schließlich nehmen wir auch an, daß es Sonnenlicht reflektiert. Jedenfalls kommt das Ding aus dem Raum, deshalb müssen wir davon ausgehen, daß es den dort gültigen Gesetzen unterliegt, bis wir das Gegenteil bewiesen haben.« Er drehte sich nach Paul um. »Was haben Sie vorher von Himmelsaufnahmen gesagt?«
Paul begann seinen Bericht.
Margo hatte ihren Platz nicht verlassen, als Paul auf die Plattform geklettert war. Um sie herum sprachen Unbekannte eifrig durcheinander, zwei Frauen knieten neben dem Ladestock, der kleine Mann suchte irgend etwas zwischen den Stühlen, aber Margo achtete nicht auf die anderen, sondern starrte auf das Meer hinaus, das der Wanderer geisterhaft beleuchtete.
Der Turban tauchte vor ihr auf und sagte: »Ich kenne Sie — Sie sind mit einem der Astronauten verlobt. Ich habe Ihr Bild in Life gesehen.«
»Richtig, Rama Joan«, stimmte eine andere Frau in hellgrauer Hose zu. »Ich habe das gleiche Bild gesehen.«
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