Don Merriam hatte die Hütte schon fast wieder erreicht, als Johannsens Stimme aus seinem Kopfhörer drang. Er blieb stehen.
»Hör zu, Don«, sagte Johannsen, »du sollst nicht erst hereinkommen, sondern gleich an Bord von Schiff Eins gehen und dich auf einen Alleinflug vorbereiten!«
»Yo, das ist doch ...«, wollte Don sagen, schwieg aber trotzdem.
Der andere lachte leise und fuhr fort: »Ich weiß, daß wir bisher Alleinflüge nur im Simulator geübt haben, aber der Befehl kommt von oben. Dufresne hat schon seinen Anzug an und fliegt in Schiff Zwei. Ich nehme Baba Yaga Drei und gebe eure Meldungen an Gompert weiter, der sie von hier aus zur Erde übermittelt. Du sollst gemeinsam mit Dufresne feststellen, woher das komische Licht hinter dem Mond kommt. Ich glaube nicht recht daran, aber in dem Befehl heißt es, daß ...«
Die Stimme ging in einem unheimlichen Grollen unter, dann schwankte der Boden unter Dons Füßen. Er stolperte und fiel auf den Rücken. Das Grollen verstärkte sich und schien aus dem Boden zu kommen. Überall wurde Staub aufgewirbelt und sank sofort wieder nach unten. Sein Helm war zum Glück unbeschädigt geblieben.
Als das Grollen verklungen war, sagte er: »Yo! Yo!« Dann betätigte er sein SOS.
Aus der Hütte kam keine Antwort.
Paul und Margo gingen langsam hinter den Untertassen-Beobachtern her, die sich stillschweigend darauf geeinigt hatten, zu den Fahrzeugen zurückzukehren und fortzufahren. Doc hatte bleiben wollen, um seine Beobachtungen fortzusetzen, aber die anderen hatten ihn schließlich überredet, doch mitzukommen.
»Rudi ist Junggeselle«, erklärte Hunter Margo, während sie darauf warteten, daß Doc seine Habseligkeiten auflas. »Er bleibt nächtelang wach, um Sterne zu beobachten, Schachprobleme zu lösen oder mit hübschen Mädchen zu flirten — aber die anderen haben schließlich Familien zu Hause.«
Als Doc endlich herankam, wies er mit dem Daumen auf den Bärtigen. »Hat der Kerl etwa versucht, meinen guten Ruf zu untergraben?« fragte er Margo.
»Nein, Professor Hunter hat ihn sogar noch gefördert«, antwortete sie lächelnd. »Sie heißen doch Rudolf Valentino, nicht wahr?«
»Leider nicht«, erwiderte Doc, »sondern nur Rudolf Brecht. Aber die Brechts haben es auch in sich!« Er wandte sich an Ross Hunter. »Eigentlich reiner Blödsinn, daß wir jetzt alle fortfahren und uns auf überfüllten Straßen herumärgern. Wir hätten lieber unsere Beobachtungen an dieser idealen Stelle fortsetzen und später anständig frühstücken sollen.«
»Ich weiß nicht recht, ob das hier die ideale Stelle ist«, begann Hunter ernst, aber Doc unterbrach ihn sofort. »Woraus besteht Ihrer Meinung nach der rote oder der gelbe Teil?« fragte er und wies dabei auf den Wanderer. »Ich stimme für purpurrote Meere und goldfarbene Wüsten.«
»Keine Ahnung«, sagte Hunter.
»Ich glaube eher, daß es dort oben goldene Ozeane und purpurrote Wälder gibt«, warf Ann ein.
»Nein, junge Dame, so einfach ist die Sache bestimmt nicht«, widersprach Doc. »Du mußt dich an die Spielregeln halten und darfst nichts annehmen, was es hier unten nicht schon gibt.«
»Ist das immer Ihre Reaktion auf das Unbekannte, Mister Brecht?« erkundigte Rama Joan sich lächelnd. »Läßt sich das Rezept sogar auf Rußland anwenden?«
»Warum nicht?« wollte Doc wissen. Er wandte sich wieder an Ann. »Hör zu, junge Dame«, sagte er, »wie macht man sich bei deiner Mutter beliebt? Ich habe noch nie etwas mit einer Rama gehabt, aber die Idee gefällt mir allmählich.«
Ann zuckte mit den Schultern. Rama Joan antwortete an ihrer Stelle. »Hüten Sie sich vor allem davor, nur Reflexionen Ihrer selbst zu erwarten«, meinte sie spöttisch. Sie nahm mit einer raschen Bewegung den grünen Turban ab, so daß ihre langen rotblonden Haare sichtbar wurden, die sie zwar als Anns Mutter glaubhafter machten, aber gleichzeitig ihr seltsames Kostüm noch deutlicher hervorhoben.
Das Kofferradio hatte unterdessen ein Konzert von Grieg begonnen, das in diesem Augenblick vom Ansager unterbrochen wurde, der laut und deutlich sagte:
»Meine Damen und Herren, wir unterbrechen unsere Sendung, um eine Sondermeldung zu bringen. Die Autobahnen nach Hollywood, Santa Monica und Ventura sind nicht befahrbar, weil der Verkehr auf ihnen völlig zusammengebrochen ist. Alle Autofahrer werden gebeten, die genannten Straßen vorläufig nicht zu benützen. Bitte, bleiben Sie zu Hause. Die Erscheinung am Himmel ist kein Atomangriff. Ich wiederhole: kein Atomangriff.
Wir haben eben mit Professor Humason Kirk, dem bekannten Astronomen, gesprochen und von ihm erfahren, daß der sogenannte ›Himmelskörper‹ seiner Meinung nach nur eine Wolke aus Metallstaub ist, die das Sonnenlicht reflektiert. Ihr Gesamtgewicht beträgt vermutlich nur wenige Kilogramm, versichert uns Professor Kirk, und sie kann unmöglich ...«
»Dieser Idiot!« rief Doc. »Eine Wolke aus Metallstaub! Warum nicht gleich aus Zucker?«
Die anderen zischten wütend, aber als Doc endlich schwieg, drang nur noch Musik aus dem Lautsprecher.
Don Merriam schätzte, daß er sich nur noch hundert Meter von der Hütte entfernt befand, als das zweite Beben begann. Diesmal war er besser darauf gefaßt und fiel nicht mehr hin, sondern bewahrte mühsam das Gleichgewicht, obwohl der Boden unter seinen Füßen heftig schwankte. Als die Stöße weniger heftig kamen, stellte er die Polarisation seines Helmfensters auf vier Fünftel des Höchstwertes ein, weil die Sonne unterdessen wieder hinter der Erde hervorgekommen war. Er konnte die Hütte nicht erkennen, aber das war bei Sonnenschein immer schwierig. Immerhin bildete er sich ein, die langen Teleskopstützen der Baba Yagas zu sehen, und ging in dieser Richtung weiter.
Das dritte Beben — das zweite in horizontaler Richtung — warf ihn nochmals zu Boden. Dann mischten sich vertikale Stöße unter die waagerechten Bewegungen. Das dumpfe Grollen von vorhin war wieder zu hören. Don wartete nicht länger, sondern kroch wie ein silberner Käfer auf die Hütte zu. Er wünschte sich, er hätte die beiden zusätzlichen Beine eines echten Käfers.
Die Untertassen-Beobachter strebten auf ihre Wagen zu, die sich im Licht des Wanderers deutlich von der Felswand abhoben. Der kleine Mann führte Ragnarok an der Leine, als er sich nochmals Margo näherte, die gemeinsam mit Paul, Doc, Rama Joan, Ann und Professor Hunter die Nachhut bildete.
»Erinnern Sie sich noch an mich? — ich bin Clarence Dodd. Wollen Sie jetzt unterschreiben, Miß Gelhorn?« fragte er und hielt Margo das Blatt entgegen. »Morgen werden alle sagen: ›Warum habe ich bloß nicht unterschrieben?‹ Aber dann ist es schon zu spät.«
Margo hielt Miau mit beiden Händen fest und fuhr den kleinen Mann an: »Verschwinden Sie endlich!«
»Ich unterschreibe jedenfalls, Doddsy«, meinte Doc fröhlich. »Kommen Sie lieber hierher, anstatt die Katze mit Ihrem Straßenköter nervös zu machen.«
Ann kicherte. »Mister Brecht gefällt mir, Mommy«, sagte sie. Ihre Mutter zuckte nur mit den Schultern.
»Das höre ich gern«, rief Doc. »Bessere Reklame kann ich mir gar nicht wünschen.«
Clarence Dodd sah zum Himmel auf, drückte Doc die Hundeleine in die Hand, holte sein Notizbuch aus der Tasche und machte eine neue Zeichnung des Wanderers, der sich in der Zwischenzeit verändert hatte. Die roten und gelben Flecken waren jetzt anders verteilt, so daß die goldene Fläche entfernt an ein Urweltungeheuer erinnerte. Der kleine Mann gab seiner Skizze den Titel ›Nach einer Stunde‹ und klappte das Buch wieder zu.
Einer der Wagen — die rote Limousine — fuhr rückwärts auf die Straße hinaus und verschwand dann in einer Staubwolke weit vor allen anderen.
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