Ein weiterer Sommer des Wartens. Die europäische Weltraumbehörde ESA platzierte eine Reihe orbitaler Teleskope und Interferometer im Weltraum, und im September waren sämtliche Büros bei Perihelion mit hochauflösenden Bildern unseres Erfolges tapeziert. Ich rahmte mir eines davon für das Wartezimmer: eine farbgenerierte Wiedergabe des Mars, ein Ausschnitt, der Olympus Mons als eisige Silhouette zeigte, durchschnitten von frischen Entwässerungskanälen; Nebel, der wie Wasser durch Valles Marineris floss, grüne Kapillaren, die sich über Solis Lacus schlängelten. Das südliche Hochland der Terra Strenum war immer noch Wüste, aber die Krater dieser Region waren unter dem Einfluss eines feuchteren, windigeren Klimas fast bis zur Unsichtbarkeit erodiert.
Der Sauerstoffgehalt der Atmosphäre schwankte einige Monate lang, weil die Population der aeroben Organismen mal wuchs, mal wieder schrumpfte, aber im Dezember hatte er zwanzig Millibar überschritten und stabilisierte sich. Inmitten einer potenziell chaotischen Mischung von Treibhausgasen, eines instabilen hydrologischen Kreislaufs und neuartiger biogeochemischer Rückkopplungsschleifen entdeckte der Mars sein ureigenes Gleichgewicht.
Die positiven Meldungen taten Jason gut. Die Remission dauerte an, und er warf sich in einen fröhlichen, fast therapeutischen, Arbeitsstress. Wenn er überhaupt Grund zum Verdruss sah, dann wegen der medialen Darstellung seiner Person als ikonenhaftes Genie der Perihelion-Stiftung, als wissenschaftliche Berühmtheit, als Aushängeschild für die Umwandlung des Mars. Dies ging mehr auf E. D.s Wirken als auf sein eigenes zurück: E. D. wusste, dass die Öffentlichkeit Perihelion mit einem menschlichen Gesicht verbinden wollte, einem vorzugsweise jungen Gesicht, klug, aber nicht einschüchternd, und schon zu Zeiten, da Perihelion nicht mehr als eine Raumfahrt-Lobbygruppe war, hatte er Jason beharrlich vor jede Kamera geschoben. Jason fand sich damit ab — er besaß ein Talent für anschauliche und geduldige Erklärungen und er war einigermaßen fotogen —, aber er hasste die ganze Prozedur und verließ lieber den Raum, als dass er sich im Fernsehen sah.
Dies war das Jahr der ersten unbemannten NEP-Flüge, die Jason mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgte. Es ging um die Schiffe, die Menschen zum Mars transportieren sollten und die im Gegensatz zu den vergleichsweise simplen Saattransportern neue Technologie darstellten. NEP stand für »nuclear electric propulsion« — »nuklear-elektrischer Antrieb«: Miniaturatomreaktoren speisten Ionentriebwerke, die weitaus schubkräftiger waren als diejenigen, die die Saatraumschiffe angeschoben hatten, stark genug, um gewaltige Nutzlasten zu ermöglichen. Doch diese Leviathane in eine Umlaufbahn zu bringen, erforderte größere Trägerraketen, als die NASA je an den Start gebracht hatte, erforderte, was Jason »heroische Ingenieursarbeit« nannte, heroisch teure obendrein. Angesichts der vorgelegten Kosten wurden selbst im weitgehend unterstützungswilligen Kongress erste Warnflaggen gehisst, doch die Kette der Erfolge ließ kritische Stimmen vorerst verstummen. Jason hatte allerdings Sorge, dass ein krasser Fehlschlag diesem Stillhalten ein Ende setzen würde.
Kurz nach der Jahreswende ging ein NEP-Testschiff im Weltraum verloren. Auf dem Capitol meldeten sich sogleich die Vertreter eines finanzpolitischen Konservativismus und erhoben ihre Vorwürfe, Abgeordnete von Bundesstaaten zumeist, die nicht nennenswert in die Raumfahrtindustrie investiert hatten. E. D.s Freunde im Kongress wiesen jedoch alle Schuldzuweisungen zurück, und schon eine Woche später erfolgte ein erfolgreicher Test, der der Kontroverse das Wasser abgrub. Dennoch meinte Jason, wir seien noch einmal haarscharf davongekommen.
Diane hatte die Debatte verfolgt, hielt sie aber für trivial. »Statt über solche Sachen«, sagte sie, »sollte Jason sich lieber Gedanken darüber machen, was für Auswirkungen diese Mars-Geschichte auf die Welt hat. Bisher haben sie ja nur gute Presse gehabt, nicht wahr? Alle sind begeistert, wir alle wollen etwas sehen, das uns — ich weiß nicht genau, wie ich es nennen soll — die Potenz der menschlichen Rasse bestätigt. Aber die Euphorie wird sich früher oder später verbrauchen, und unterdessen entwickeln sich die Leute zu ausgebufften Spin-Experten.«
»Ist das so schlimm?«
»Wenn das Mars-Projekt scheitert oder nicht die Erwartungen erfüllt, dann ja. Nicht nur, weil die Leute enttäuscht sein werden. Sie haben die Umwandlung eines ganzen Planeten beobachtet, das heißt, sie gewinnen einen Maßstab, um den Spin zu erfassen. Der Spin ist nicht mehr bloß ein abstraktes Phänomen — ihr habt sie ins Auge der Bestie blicken lassen, zu eurem Besten, nehme ich an, aber wenn euer Projekt fehlschlägt, dann raubt ihr ihnen diesen Mut wieder, und dann ist es schlimmer als vorher, weil sie das Ding gesehen haben. Und sie werden euch für euer Scheitern nicht lieben, Tyler, denn ihre Angst wird größer sein als je zuvor.«
Ich zitierte das Gedicht von Housman, das ich vor langer Zeit von ihr gelernt hatte: Das Kind hat nicht mal wahrgenommen / Wie’s in den Bauch des Bär’n gekommen.
»Das Kind beginnt sich einen Reim zu machen«, erwiderte sie. »Vielleicht kann man so die Trübsalszeit definieren.«
Vielleicht. Manchmal, wenn ich nachts nicht schlafen konnte, dachte ich an die Hypothetischen, wer oder was sie auch sein mochten. Es gab im Grunde nur eins, was man wirklich über sie sagen konnte: Sie waren nicht nur imstande, die Erde in diese seltsame Membran einzuschließen, sondern sie waren schon lange da draußen zugange, beherrschten uns, regulierten nach Gutdünken unseren Planeten und den Fluss der Zeit — seit fast zwei Milliarden Jahren.
Undenkbar, dass es etwas auch nur annähernd Menschliches war, das eine solche Geduld aufbrachte.
Jasons Neurologe wies mich auf eine klinische Studie hin, die in jenem Winter in der Ärztezeitschrift JAMA veröffentlicht worden war. Forscher an der Universität Cornell hatten einen genetischen Marker für akute medikamentenresistente MS entdeckt. Der Neurologe, ein freundlicher, korpulenter Floridianer namens David Malmstein, hatte Jasons DNA-Profil untersucht und die betreffende Sequenz darin gefunden. Ich fragte ihn, was das bedeutete.
»Das bedeutet, dass wir seine Medikation ein wenig spezifischer Zuschneidern können. Es bedeutet außerdem, dass wir ihm nie die permanente Remission verschaffen können, die ein typischer MS-Patient erwarten darf.«
»Er scheint doch mittlerweile schon fast ein Jahr symptomfrei zu sein. Kann man das nicht als langfristig bezeichnen?«
»Seine Symptome sind unter Kontrolle, das ist alles. Die AMS brennt weiter, ungefähr wie ein Feuer in einem Kohlenflöz. Der Zeitpunkt wird kommen, wo wir es nicht mehr kompensieren können.«
»Der Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt.«
»Könnte man so sagen.«
»Wie lange wird er noch den Anschein von Normalität aufrecht erhalten können?«
Malmstein dachte kurz nach. »Wissen Sie«, sagte er dann, »genau das hat Jason mich auch gefragt.«
»Und was haben Sie ihm gesagt?«
»Dass ich kein Hellseher bin. Dass AMS eine Krankheit ohne gesicherte Ätiologie ist. Dass der menschliche Körper seinen eigenen Kalender hat.«
»Ich vermute, die Antwort hat ihm nicht sonderlich gefallen.«
»Er hat sein Missfallen deutlich zum Ausdruck gebracht. Aber es ist wahr. Er könnte noch die nächsten zehn Jahre asymptomatisch herumlaufen. Oder er könnte Ende dieser Woche im Rollstuhl sitzen.«
»Haben Sie ihm das gesagt?«
»In einer freundlicheren Version. Er soll nicht die Hoffnung verlieren. Er besitzt Kampfgeist und das zählt viel. Meine ehrliche Meinung ist die, dass er kurzfristig gut zurechtkommen wird — zwei Jahre, fünf Jahre, vielleicht auch mehr. Danach ist alles möglich. Ich wünschte, ich könnte eine bessere Prognose anbieten.«
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