»Das ist ja fast genauso wie das, was Hacker am Computer schaffen«, sagte Tom.
»Um einiges raffinierter, aber damit könnte man es vergleichen.«
»Ist das nicht unmoralisch?«
»Gehört Ihnen dieses Haus? Besitzen Sie all die Dinge, die Ihnen laut Vertrag gehören sollten, tatsächlich? Wenn nicht, wäre es dann nicht fair, wenn Sie ohne einen Penny aus dieser ganzen Sache herauskämen?«
»Sie können doch nicht einfach irgendwelche Geldsummen erfinden oder herbeizaubern. Geld muss doch von irgendwoher aufs Konto kommen.«
Ben hatte nur einen mitleidigen Blick für ihn übrig.
Der Tunnel wurde repariert, und die Zeitreisenden kamen aus ihrer unvorstellbar fernen Zukunft herüber. Tom durfte einen Blick auf sie werfen. Er stand am Fuß der Kellertreppe, als sie aus dem Tunnel auftauchten. Ein Mann und eine Frau, zumindest auf den ersten Blick — Ben sagte, sie hätten ihr Äußeres verändert, damit sie menschenähnlicher aussähen als in Wirklichkeit. Ihre Augen, dachte Tom, waren sehr auffällig. Es waren graue Augen, die sehr neugierig blickten. Sie sahen ihn lange an. Sie betrachteten ihn, dachte Tom, wie man sich vielleicht ein lebendes Exemplar des Australopithecus ansehen würde — mit jener seltsamen Zuneigung, die wir unseren Urahnen gegenüber empfinden.
Dann wandten sie sich zu Ben um und begannen, sich mit ihm zu unterhalten. Dabei sprachen sie zu leise, als dass Tom sie hätte verstehen können. Er nahm das als Aufforderung, sich zu entfernen und sie sich selbst zu überlassen.
Archer und Catherine schufen oben auf dem Hügel im Simmons-Haus Platz für ihn. Das Bett war sehr gemütlich, aber er hatte nicht die Absicht zu bleiben. Er kam sich zu sehr als Eindringling vor. Sie nahmen Rücksicht auf seinen Zustand der Desorientierung, schienen auf Zehenspitzen um ihn herumzuschleichen, wollten ihn nicht in seiner Isoliertheit stören. Das war eine Rolle, die er auf keinen Fall spielen wollte.
Das Simmons-Haus stand zum Verkauf. Archer hatte seinen Job bei Belltower Realty an den Nagel gehängt, wollte aber keinen anderen Agenten für den Verkauf engagieren. Das Anwesen wurde mit dem Hinweis »Verkauf direkt vom Eigentümer« angeboten. »Es ist voller wichtiger Erinnerungen«, sagte Catherine, »aber ohne Grandma Peggy wäre dieses Haus für mich das reinste Mausoleum. Da ist es schon besser, wenn ich mich davon trenne.« Sie lächelte ihn mit einem Anflug von Wehmut an. »Ich glaube, wir alle sind aus diesem Abenteuer mit ganz neuen Ideen über die Vergangenheit und die Zukunft hervorgegangen. Wir denken sicherlich ganz anders über das, was wir behalten können und was nicht.«
Archer sagte, sie wollten nach Seattle ziehen, wo Catherine eher Interessenten für ihre Gemälde finden würde. Er könnte sich dort irgendeine Arbeit suchen, vielleicht sogar am College einige Kurse geben. Tom staunte. »Du willst Belltower nach all den Jahren wirklich verlassen?«
»Ja, diese Trennung muss endlich vollzogen werden. Jetzt fällt es mir viel leichter.«
»Es hat Purpurwinden geregnet«, sagte Tom.
»Ja, überall auf der Post Road. Purpurwinden mindestens einen halben Meter hoch.«
»Das weiß niemand, außer uns.«
»Nein. Aber wir wissen es genau.«
Der August war zu Ende gegangen. Mittlerweile war es September. Es war immer noch heiß, aber die ersten Vorboten des Winters lagen in der Luft, und in den Nächten kühlte es stärker ab.
Er holte seinen Wagen aus der Garage und fuhr damit hinunter zu Brack’s Auto Body, um ihn generalüberholen zu lassen. Der Monteur nahm einen Ölwechsel vor, reinigte die Zündkerzen, stellte den Vergaser und den Choke neu ein und berechnete viel zu viel dafür. Er schob Toms Visa-Kreditkarte hin und her und fragte: »Haben Sie eine längere Reise vor?«
Tom nickte.
»Wohin soll’s denn gehen?«
»Keine Ahnung. Vielleicht zurück in den Osten. Ich dachte, ich fahre einfach drauflos.«
»Machen Sie Witze?«
»Nein, es ist mein Ernst.«
»Das finde ich absolut toll«, sagte der Monteur. »So was nennt man Freiheit, nicht wahr?«
Tom nickte. »Ja, das ist Freiheit.«
Er führte zwei Telefongespräche von der Zelle vor der Werkstatt.
Zuerst rief er Tony an. Es war Samstag. Tony war zu Hause, und man hörte im Hintergrund den Fernseher laufen. Tricia schien zu weinen. Loreen versuchte sie zu trösten.
»Ich bin gerade in der Stadt«, sagte Tom. »Da dachte ich, ich sollte mich mal wieder melden.«
»Heiliger Bimbam«, sagte Tony. »Ich glaubte schon, du wärst tot, ganz bestimmt. Geht es dir gut? Was meinst du damit, du bist gerade mal wieder in der Stadt?«
»Ich kann nicht hierbleiben, Tony. Du hattest mit dem Haus ganz recht. Es war keine gute Investition.«
»Wenn du nur kurz hier bist… wohin willst du denn weiterfahren?«
Er wiederholte, was er dem Automonteur gesagt hatte, irgendwohin nach Osten.
»Das finde ich ziemlich überstürzt. Du benimmst dich wie ein Halbwüchsiger, Tom, richtig unreif. Das Leben besteht doch nicht aus ziellosem Herumgondeln.«
»Vielen Dank für den Rat. Ich werde ihn mir merken. Hör mal, ist Loreen in der Nähe?«
»Du willst sie sprechen?« Er schien überrascht zu sein.
»Ich will ihr nur Hallo sagen.«
»Na schön. Pass auf jeden Fall auf dich auf. Denk aber diesmal daran, dich zu melden. Wenn du irgendetwas brauchen solltest, Geld, zum Beispiel…«
»Danke, Tony. Das finde ich wirklich nett von dir.«
Stille, gedämpftes Murmeln im Hintergrund, dann meldete Loreen sich. »Ich bin auf der Durchreise und wollte nur ein Lebenszeichen von mir geben«, sagte Tom. »Und ich wollte mich bei euch bedanken.«
Sie unterhielten sich eine Weile. Barry hatte gerade Windpocken. Tricia bekam einen Zahn. Tom sagte, er sei herumgereist, und das wolle er noch für eine Weile tun.
»Du klingst irgendwie anders«, stellte Loreen fest.
»Tatsächlich?«
»Ja. Ich weiß nicht recht, wie ich es beschreiben soll. Als hättest du mit irgendetwas deinen Frieden gemacht.« Darauf fiel ihm keine passende Antwort ein, deshalb schwieg er. Sie fuhr fort: »Es ist eine halbe Ewigkeit her, Tom, dieser Unfall, meine ich. Als deine Mutter und dein Vater starben. Aber das Leben geht weiter, Tom. Tag für Tag, Jahr für Jahr. Aber das weißt du selbst, glaube ich.«
Ein letzter Anruf, ein Ferngespräch nach Seattle. Er bezahlte mit seiner Kreditkarte.
Eine männliche Stimme meldete sich. »Ist Barbara zu sprechen?«, fragte Tom.
»Einen Moment bitte.« Geklapper und Murmeln. Dann ihre Stimme.
Sie sagte, sie freue sich, von ihm zu hören. Sie habe sich schon Sorgen gemacht und sei erleichtert zu erfahren, dass es ihm gutgehe. Er bedankte sich bei ihr, dass sie ihn im vergangenen Frühjahr besucht hatte. Es habe gutgetan zu wissen, dass sie sich um ihn sorge.
»Ich glaube, damit hört man nie ganz auf. Es hat mit uns beiden zwar nicht besonders gut geklappt, aber wie Hund und Katze waren wir auch nicht gerade.«
»Es war schön, solange es gut lief«, sagte Tom.
»Ja.«
»Und du bist noch immer mit Rafe zusammen?«
»Wir haben unsere Probleme, aber ja. Ich glaube, es ist eine solide Sache.«
»Es gab Zeiten, da habe ich mir so sehr gewünscht, du würdest zurückkehren, dass ich tatsächlich versucht habe, so zu tun, als gäbe es dich gar nicht mehr. Kannst du das verstehen?«
»Vollkommen«, sagte sie.
»Die Jahre, die wir hatten, waren echte Jahre.«
»Ja.«
»Gute und schlechte.«
»Ja.«
»Vielen Dank für diese Jahre«, sagte er.
»Gehst du denn wieder weg?«, wollte sie wissen.
»Ich weiß noch nicht, wohin. Ich melde mich.«
»Bitte tu das«, sagte sie.
Er verließ die Stadt auf dem Küstenhighway und fuhr bis zu der schmalen Serpentinenstraße, auf der seine Eltern ums Leben gekommen waren.
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