Aus den Lautsprechern klirrten die berstenden und röchelnden Geräusche der Agonie; das erstickte Würgen eines Menschen und der scheppernde Lärm von Gegenständen, die zu Boden polterten, weil Luckman in dem verzweifelten Versuch, Barris’ Aufmerksamkeit zu erregen, Töpfe und Pfannen und Geschirr und Besteck um sich schleuderte. Barris, ganz ruhig inmitten des Lärms, arbeitete methodisch an seiner Hasch-Pfeife weiter und schaute nicht wieder auf.
In der Küche, auf Monitor Eins, stürzte Luckman wie vom Schlag getroffen zu Boden. Er sank nicht langsam in die Knie, sondern schlug einfach mit einem widerwärtig dumpfen Geräusch lang hin und lag dann reglos da, alle viere von sich gestreckt. Barris fuhr fort, Bindfaden um seine Hasch-Pfeife zu wickeln, und jetzt stahl sich ein kleines Lächeln auf sein Gesicht, in seine Mundwinkel.
Wie unter Schockeinwirkung stand Fred vor den Schirmen und starrte sie an. Alles in ihm drängte danach, zu handeln, und doch war er zugleich wie paralysiert. Er langte nach dem Polizeitelephon neben dem Monitor, hielt inne, schaute immer noch zu.
Mehrere Minuten lang lag Luckman reglos auf dem Boden der Küche, während Barris wickelte und wickelte. Barris beugte sich vornüber wie eine alte Dame, die gänzlich in ihrer Strickarbeit aufgeht; er lächelte still vor sich hin, wiegte sich vor und zurück, lächelte, lächelte … und warf dann übergangslos die Hasch-Pfeife weg, stand auf, starrte durchdringend auf Luckmans reglose Gestalt auf dem Küchenfußboden, auf das zersplitterte Glas neben ihm und auf all die Trümmer und Pfannen und zerbrochenen Teller. Sein Gesicht verzog sich zu einer höhnischen Parodie plötzlichen Erschreckens. Barris riß sich die Sonnenbrille herunter, seine Augen weiteten sich grotesk, er flatterte wie ein aufgescheuchter Vogel in hilfloser Furcht mit den Armen, rannte ziellos ein bißchen hin und her, wieselte dann auf Luckman zu, hielt ein paar Schritte von ihm entfernt inne, rannte zurück, keuchte heftig.
Er stimmt sich ein, begriff Fred. Er bereitet sich drauf vor, seine ›ich-habe-gerade-etwas-Schreckliches-entdeckt‹ - Nummer abzuziehen. So, als habe er gerade erst die Szene betreten. Barris, auf dem Schirm von Monitor Zwei, krümmte sich zusammen, atmete schwer vor Kummer, dunkelrot im Gesicht, und hüpfte dann zum Telefon. Er riß es mit einem Ruck hoch, ließ es fallen, hob es mit zitternden Fingern wieder auf … er hatte gerade entdeckt, daß Luckman dort in der Küche einen entsetzlichen, einsamen Tod gestorben war, erstickt an einem Essensbrocken, begriff Fred; und keiner war da gewesen, der ihn hätte hören oder ihm gar hätte helfen können. Und jetzt versuchte Barris gerade verzweifelt, Hilfe herbeizurufen. Natürlich zu spät.
Langsam und mit hoher, gepreßter Stimme sprach Barris jetzt in das Telefon. »Fräulein, können Sie mir sagen, wo ich anrufen muß, wenn ich einen dieser speziellen Notdienst-Rettungswagen brauche? Ich meine, einen von denen, die …. wie heißt das doch gleich? Wiederbelebungsversuche? Künstliche Beatmung?«
»Sir«, quietschte die Simme in der Ohrmuschel aus dem Lautsprecher dicht neben Fred, »bekommt da jemand keine Luft mehr? Soll ich –«
»Ich glaube, es handelt sich um einen Herzstillstand«, sagte Barris mit seiner tiefen, ruhigen und irgendwie zugleich drängend und professionell klingenden Stimme in das Telefon, einer Stimme, der man sofort anhörte, daß sich der Sprecher über den tödlichen Ernst der Lage und die Knappheit der noch verbleibenden Zeit sehr wohl im klaren war. »Entweder das, oder er hat versehentlich einen Fremdkörper durch die Luftröhre in –«
»Wie ist die Adresse, Sir?« unterbrach ihn das Fräulein von der Auskunft.
»Die Adresse«, sagte Barris »Moment, die Adresse ist –«
Fred, der immer noch stand, sagte laut: »Mein Gott.«
Luckman, der ausgestreckt auf dem Boden lag, atmete plötzlich krampfhaft. Ein konvulsivisches Zittern durchlief seinen Körper, und dann würgte er das Zeug, das seine Kehle verstopfte, aus, schlug um sich und öffnete seine Augen, die verquollen und verwirrt ins Leere starrten.
»Äh, es scheint ihm jetzt wieder besserzugehen«, sagte Barris glatt in das Telefon. »Vielen Dank; anscheinend braucht er jetzt doch keine Hilfe mehr.« Rasch legte er den Hörer auf.
»Himmel«, murmelte Luckman undeutlich, während er sich aufsetzte. »Scheiße«. Er schnaubte geräuschvoll, hustete und schnappte nach Luft.
»Wieder okay?« fragte Barris voller Besorgnis.
»Ich muß was in die falsche Kehle gekriegt haben. Bin ich ohnmächtig geworden?«
»Nicht eigentlich ohnmächtig. Du bist allerdings in einen anderen Bewußtseinszustand übergewechselt. Für ein paar Sekunden. Vielleicht in einen Alpha-Zustand.«
»Gott! Ich hab’ mich vollgesaut!« Obwohl er taumelte und vor Schwäche zitterte, schaffte Luckman es doch irgendwie, auf die Füße zu kommen; schließlich stand er da, haltsuchend an die Wand gelehnt, und schwankte vor und zurück. »Ich verkomme langsam wirklich«, murmelte er angeekelt. »Wie ein alter Weinsäufer.« Mit unsicheren Schritten tappte er in Richtung Ausguß, um sich zu waschen.
Fred, der alles beobachtete, fühlte, wie die in ihm aufgestaute Angst wieder verschwand. Luckman würde bald wieder ganz okay sein. Aber Barris! Was für eine Art von Mensch war das bloß? Luckman hatte sich nicht dank, sondern trotz seiner »Hilfe« erholt. Was für ein Freak, dachte Fred. Was für ein bekloppter Freak. Was muß eigentlich in seinem Kopf los sein, daß er in einer solchen Situation einfach müßig rumstehen kann?
»Man könnte durch so etwas abkratzen«, sagte Luckman, während er sich am Ausguß mit Wasser bespritzte.
Barris lächelte.
»Gut, daß ich so eine kräftige Konstitution hab’«, sagte Luckman. In großen Schlucken leerte er eine Tasse mit Wasser. »Was hast du eigentlich gemacht, als ich da lag? Dir einen runtergeholt?«
»Du hast doch gesehen, daß ich telefoniert habe«, sagte Barris. »Ich wollte einen Rettungswagen rufen. Ich habe sofort gehandelt, als –«
»Wichs«, sagte Luckman säuerlich und kippte immer mehr von dem frischen, sauberen Wasser herunter. »Ich weiß, was du tun würdest, wenn ich tot umfiele – du würdest meinen Stash klauen. Du würdest sogar meine Taschen nach Stoff filzen.«
»Wirklich faszinierend«, sagte Barris, »diese Beschränkungen der menschlichen Anatomie. Ich meine, daß Nahrung und Luft sich einen gemeinsamen Durchgang teilen müssen. So daß jederzeit die Gefahr besteht, daß –«
Wortlos bedeutete Luckman ihm, sich doch einen runterzuholen.
*
Das Kreischen von Bremsen. Eine Hupe. Bob Arctor blickte hastig auf, spähte hinaus in den nächtlichen Verkehr. Am Bordstein ein Sportwagen mit laufendem Motor; am Steuer ein Mädchen, das ihm zuwinkte.
Donna.
»Mein Gott«, sagte er wieder. Mit einem langen Schritt war er am Randstein.
Während sie die Tür ihres MGs öffnete, sagte Donna: »Hab’ ich dich etwa erschreckt? Ich war auf dem Weg zu deiner Bude und bin erst glatt an dir vorbeigefahren, bis ich plötzlich gecheckt hab’, daß du das warst, der da entlangtrabte. Darum hab’ ich umgedreht und bin zurückgekommen. Steig ein.«
Schweigend stieg er ein und schloß die Wagentür.
»Warum bist du um diese Zeit hier draußen unterwegs?« sagte Donna. »Wegen deines Wagens? Ist er immer noch nicht wieder in Ordnung?«
»Ich hab’ grad’ eine total ausgeflippte Sache erlebt«, sagte Bob Arctor. »Nicht auf’m Trip, sondern …« Er schauderte.
Donna sagte: »Ich hab’ dein Zeug.«
»Was?« sagte er.
»Tausend Tabletten Tod.«
»Tod?« echote er.
»Yeah, hochgradigen Tod. Ich fahr’ besser los.« Sie schaltete in den niedrigsten Fahrbereich, fuhr los und fädelte sich in den Verkehr ein; fast augenblicklich hatte sie den Wagen bis über die zulässige Höchstgeschwindigkeit hochgejagt. Donna fuhr immer zu schnell und zu dicht auf, aber zugleich auch sehr gekonnt.
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