Über eine Spezialausstattung verfügte sein Wagen allerdings doch – nämlich über sehr ungewöhnliche Reifen. Vor Jahren hatte die Firma Michelin in ihrer X-Serie damit begonnen, Reifen mit eingezogenen Stahlbändern auf den Markt zu bringen. Die Reifen an Bob Arctors Wagen hingegen waren ganz aus Metall. Sie nutzten sich zwar schnell ab, hatten aber Vorteile hinsichtlich der Geschwindigkeit und der Beschleunigung. Ihr größter Nachteil war ihr Preis, aber er bekam sie umsonst – von einer behördlichen Zuteilungsstelle, die im Gegensatz zu der, von der er sein Geld erhielt, kein Dr.-Pepper-Automat war. Die Behördenstelle arbeitete sehr zuverlässig, aber natürlich erhielt er immer nur dann eine neue Zuteilung, wenn es unumgänglich notwendig war. Die Reifen zog er selbst auf, wenn ihn niemand beobachtete. Wie er auch die Zusatzgeräte in seinem Radio selbst montiert hatte.
Seine einzige Sorge wegen des Radios war nicht die mögliche Entdeckung der Umbauten durch jemanden, der – wie Barris – herumschnüffelte, sondern die Möglichkeit eines ganz gewöhnlichen Diebstahls. Wegen der zusätzlichen Geräte würde es eine teure Angelegenheit werden, das Radio im Falle eines Diebstahls zu ersetzen; er würde sich bei der Zuteilungsstelle wahrscheinlich den Mund fusselig reden müssen, bevor man ihm ein neues Radio zugestand.
Natürlich hatte er in seinem Wagen auch eine Waffe versteckt. Barris, gefangen in seinen grellen, ausgeklinkten Acid-Phantasien, würde das Versteck wohl niemals gerade da eingerichtet haben, wo es sich wirklich befand. Barris hätte bestimmt einen möglichst exotischen Platz gewählt, um die Waffe zu verbergen, etwa einen Hohlraum in der Lenksäule. Oder den Benzintank. Ja, wahrscheinlich hätte er die Waffe – ähnlich wie die Helden in dem klassischen Streifen Easy Rider ihre Ladung Koks – an einem Draht in den Benzintank baumeln lassen. Nebenbei bemerkt war gerade dieser Ort wohl das ungeeignetste Dope-Versteck, das man sich nur vorstellen konnte. Jedem Bullen, der den Film mitgekriegt hatte, war wohl sofort das klargewesen, was clevere Psychiatertypen später aufgrund hochwissenschaftlicher Analysen herausgefunden hatten: nämlich, daß die beiden Motorradfahrer es unterbewußt darauf anlegten, erwischt und möglichst auch getötet zu werden. Seine Waffe – die in seinem Wagen – lag im Handschuhfach.
Die angeblich so raffinierten Apparätchen, auf die Barris dauernd anspielte, wenn er von seinem eigenen Wagen sprach, hatten möglicherweise sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit, der Wirklichkeit von Arctors umgerüsteten Wagen, weil viele der radiotechnischen Gimmicks, die Arctor zur Verfügung standen, längst weite Verbreitung gefunden hatten und in TV-Spätprogrammen und in Talkshows von Elektronik-Experten vorgeführt worden waren, die an ihrer Entwicklung beteiligt gewesen waren oder in Fachzeitschriften darüber etwas gelesen hatten oder sie mal gesehen hatten oder aus den Polizeilaboratorien gefeuert worden waren und nun einen Groll gegen ihren früheren Arbeitgeber hegten. Daher wußte der Durchschnittsbürger (oder, wie Barris in seiner pseudo-gebildeten Art stets sagte, der typische Durchschnittsbürger) inzwischen, daß kein gewöhnlicher Bulle das Risiko einging, einen mit überhöhter Geschwindigkeit durch die Gegend rasenden, hochfrisierten und mit Rallyestreifen aufgemotzten 57er Chevy, hinter dessen Steuer ein Etwas saß, das wie ein wildgewordener Teenager aussah, der ausgeflippt war, weil er zu viel Coors-Bier intus hatte, anzuhalten – nur um herauszufinden, daß er einen Geheimen Rauschgift-Agenten gestoppt hatte, der seiner Beute dicht auf den Fersen war. Demnach wußte der typische Durchschnittsbürger also heutzutage, wie und warum diese ganzen Geheimfahrzeuge, die durch die Straßen röhrten, alte Damen erschreckten und manche Spießer so abschockten, daß sie sich hinsetzten und entrüstete Briefe an die Regierung schrieben, im munteren Hin und Her Identifikationssignale miteinander oder mit ihrer jeweiligen Leitstelle austauschten … aber was machte das schon aus? Wirkliche Probleme – erschreckende Probleme sogar –würde es erst geben, wenn die Puks, die Hot-Rod-Freaks, die Motorradrocker und besonders die Dealer, Zwischenträger und Großhändler es fertigbrachten, auch in ihre Fahrzeuge solche ausgeklügelten Vorrichtungen einzubauen.
Dann nämlich konnten sie einfach an jedem Bullen vorbeirauschen. Ungestraft.
»Dann gehe ich eben zu Fuß«, sagte Arctor. Genau das hatte er ja ohnehin tun wollen; er hatte sowohl Barris als auch Luckman elegant ausgetrickst. Er mußte zu Fuß gehen.
»Wo willst du hin?« erkundigte sich Luckman.
»Rüber zu Donna.« Es war unmöglich, zu Fuß bis zu ihrer Bude zu gelangen; mit dieser Ankündigung stellte er sicher, daß keiner der beiden Männer auf die Idee kam, ihn zu begleiten. Er zog sich den Mantel an und trabte zur Haustür. »Bis später, Jungs.«
»Mein Wagen –« setze Barris ein wenig schuldbewußt noch einmal zu einer Erklärung an.
»Wenn ich versuchen würde, deinen Wagen zu fahren«, sagte Arctor, »würde ich bestimmt den falschen Knopf drücken und plötzlich wie der Goodyear-Zeppelin hoch über Los Angeles schweben, und dann würde ich dazu engagiert werden, borsaueres Salz über brennenden Ölquellen abzuwerfen.«
»Ich bin froh, daß du meine schwierige Lage zu würdigen weißt«, murmelte Barris, während Arctor die Tür hinter sich schloß.
*
Fred saß in seinem Jedermann-Anzug vor dem Holo-Schirm von Monitor Zwei und betrachtete teilnahmslos die in rascher Folge vor seinen Augen wechselnden Bilder. Im Kontroll-Zentrum waren noch weitere Beobachter mit der Durchsicht holografischen Bildmaterials beschäftigt, das die an allen möglichen anderen Orten installierten Kameras hierher übermittelt hatten. Meist handelte es sich um Aufzeichnungen. Fred jedoch betrachtete eine Live-Übertragung gerade jetzt ablaufender Ereignisse; zwar zeichnete das ihm zugewiesene Gerät auch auf, aber er hatte das Speicherband mit einer besonderen Schaltung umgangen, damit die Bilder, die eben in diesem Moment aus Bob Arctors angeblich so heruntergekommenem Haus übertragen wurden, gleichzeitig auch auf den Holo-Schirmen erschienen.
Im Innern des Hologramms saßen – in naturgetreuen Farben und mit sehr guter Auflösung – Barris und Luckman. Barris kauerte im besten Wohnzimmersessel und beugte sich über eine Hasch-Pfeife, an der er schon seit Tagen herum werkelte. Er umwickelte den Kopf der Pfeife in endlosen Lagen mit weißem Bindfaden; er konzentrierte sich so sehr auf diese Arbeit, daß sein Gesicht zu einer Maske erstarrt war. Am Kaffeetisch hockte Luckman über einer Portion Swanson’s Hühnchen-Schlemmermahl für frohe Fernsehstunden, die er in großen Bissen herunterschlang, während er sich einen Western im Fernsehen ansah. Vier Bierdosen, allesamt leer, lagen auf dem Tisch, von seiner mächtigen Faust zerquetscht; gerade griff er nach einer fünften, noch halbvollen Dose, warf sie um, verschüttetete das Bier, packte sie und fluchte. Bei diesem Fluch schaute Barris auf, betrachtete ihn wie Mime im Siegfried und nahm dann seine Arbeit wieder auf.
Fred beobachtete weiter.
»Scheiß Sparprogramm«, gurgelte Luckman, den Mund vollgestopft mit Essen, und dann, ganz plötzlich, ließ er den Löffel fallen und kam stolpernd auf die Füße, wankte, drehte sich zu Barris um, beide Hände erhoben, gestikulierend, aber ohne etwas zu sagen. Sein Mund stand offen, und halbzerkautes Essen fiel heraus, auf seine Kleider, auf den Boden. Die Katzen kamen gierig herangestürzt.
Barris hielt in seiner Arbeit an der Hasch-Pfeife inne, blickte auf, musterte den unglücklichen Luckman. Der verfiel regelrecht in Raserei, gurgelte jetzt noch viel schrecklicher als zuvor und fegte mit einer Hand die Bierdosen und das Essen vom Kaffeetisch; alles klapperte zu Boden. Die Katzen hetzten erschrocken davon. Immer noch saß Barris da, Luckman starr anglotzend. Luckman schwankte ein paar Schritte in Richtung Küche; er geriet jetzt in den Aumahmebereich der dort installierten Kamera, und auf einem der anderen Holo-Schirme vor Freds schreckgeweiteten Augen erschien ein Bild davon, wie Luckman im Halbdunkel der Küche zunächst blind nach einem Glas tastete und dann versuchte, den Kran anzudrehen und das Glas mit Wasser zu füllen. Am Monitor sprang Fred auf; betäubt sah er auf Monitor Zwei, daß Barris, der noch immer ruhig im Sessel saß, zu seiner alten Beschäftigung zurückkehrte und sorgfältig immer mehr Bindfaden um den Kopf einer Hasch-Pfeife wand. Barris schaute nicht wieder auf; Monitor Zwei zeigte ihn wieder ganz in seine Arbeit vertieft.
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