»Lebendig«, sagte er jetzt todunglücklich zu ihr, »ohne Besessenheit.«
»Was soll’n das heißen?« Nach einem Augenblick begriff sie, was er meinte. »Ach so, Transaktionsanalyse, stimmt’s? Aber wenn ich Hasch rauche …« Sie hatte ihre eigene kleine Hasch-Pfeife aus Ton herausgeholt, die sie selbst gemacht hatte und deren Kopf wie ein Seeigel aussah, und zündete sie gerade an. »Dann fühle ich mich beireit.« Sie blickte mit glänzenden Augen glücklich zu ihm auf, lachte und streckte ihm die kostbare Hasch-Pfeife entgegen. »Ich lade dich jetzt auf«, erklärte sie. »Setz dich hin.«
Während er sich setzte, erhob sie sich und paffte im Stehen so lange, bis der Shit im Pfeifenkopf kräftig glomm. Dann watschelte sie auf ihn zu und beugte sich über ihn, und als er den Mund öffnete – wie ein Vogeljunges, dachte er, ein Gedanke, der ihm jedesmal in diesen Augenblicken kam –, atmete sie den Hasch-Rauch in einem großen, kraftvollen Strom in ihn hinein und erfüllte ihn so mit ihrer eigenen heißen und kühnen und unverbesserlichen Energie, die zugleich ein Beruhigungsmittel war, das sie beide zusammen entspannte und ganz gelöst werden ließ: sie, die ihn auflud, und Bob Arctor, der diese Gabe entgegennahm.
»Ich liebe dich, Donna«, sagte er. Dieses Aufladen war für ihn an die Stelle sexueller Beziehungen mit ihr getreten, und vielleicht war es sogar besser als Sex; es bedeutete ihm so viel; es war so unglaublich intim und so ganz anders im Vergleich zu Sex, denn hierbei konnte zuerst sie etwas in ihn einströmen lassen und dann, wenn sie das Bedürfnis danach hatte, er etwas in sie. Ein gleichberechtigter Austausch, ein Geben und Nehmen, bis der letzte Krümel Hasch verglommen war.
»Yeah, das kann ich dir nachfühlen, daß du mich liebst, meine ich«, sagte sie, kicherte und setzte sich neben ihn, um einen Zug aus der Hasch-Pfeife zu nehmen, diesmal für sich selbst.
»Hey, Donna, hör mal«, sagte er. »Magst du Katzen?«
Sie blinzelte mit geröteten Augen. »Klamme kleine Dinger. Schleichen ungefähr ‘nen Meter über dem Boden daher.«
»Über, nein, auf dem Boden.«
»Klamm. Hinter den Möbeln.«
»Dann eben kleine Frühlingsblumen«, sagte er.
»Ja«, sagte sie. »Das gefällt mir – kleine Frühlingsblumen, mit Gelb drin. Die, die zuerst rauskommen.«
»Vorher«, sagte er. »Früher als alle anderen«
»Ja.« Sie nickte, die Augen geschlossen, sehr weit weg auf ihrem Trip. »Bevor alle auf ihnen rumtrampeln und sie – weg sind.«
»Du kennst mich wirklich«, sagte er. »Du kannst meine Gedanken lesen. «
Sie lehnte sich zurück und legte die Hasch-Pfeife beiseite. Sie war ausgegangen. »Nichts mehr da«, sagte sie, und ihr Lächeln verschwand langsam.
»Was ist los mit dir?« sagte er.
»Nichts.« Sie schüttelte den Kopf, und das war alles.
»Darf ich meine Arme um dich legen?« fragte er. »Ich möchte dich festhalten. Okay? Dich nur ein bißchen in den Arm nehmen, ja?«
Ihre dunklen, müden Augen mit den geweiteten Pupillen öffneten sich. »Nein«, sagte sie, ohne ihn direkt anzublicken. »Nein, du bist zu häßlich.«
»Was?« sagte er.
»Nein«, sagte sie, diesmal mit einer gewissen Schärfe. »Ich schniefe ‘ne Menge Koks; ich muß supervorsichtig sein, weil ich ‘ne Menge Koks schniefe.«
»Häßlich?« wiederholte er wie ein Echo. Er war wütend auf sie. »Du verfickte –«
»Geh mir bloß nicht an die Wäsche«, sagte sie und starrte ihn an.
»Klar«, sagte er. »Natürlich nicht.« Er kam auf die Füße und wich vor ihr zurück. »O ja, darauf kannst du Gift nehmen!« Er spürte das unwiderstehliche Bedürfnis, zu seinem Wagen hinauszugehen, die Pistole aus dem Handschuhfach zu holen und ihr das Gesicht wegzuschießen – ihren Schädel und ihre Augen in kleine Stückchen zerplatzen zu lassen. Und dann verging das alles wieder – dieser Hasch-Haß, diese Hasch-Wut. »Ach Scheiße«, sagte er niedergeschlagen.
»Ich hab’s nicht gern, wenn irgendwelche Leute meinen Körper betatschen«, sagte Donna. »Ich muß aufpassen, weil ich so viel kokse. Eines Tages – jedenfalls hab’ ich das vor – werde ich über die kanadische Grenze gehen, mit vier Pfund Koks drin, in meiner Möse, meine ich. Ich werde sagen, ich sei katholisch und Jungfrau. Wo willst du hin?« Sichtlich alarmiert erhob sie sich halb.
»Ich hau ab«, sagte er.
»Dein Wagen steht bei dir zu Hause. Ich hab’ dich hergefahren.« Das Mädchen kämpfte sich hoch, zerzaust und durcheinander und halb schlafend, stolperte hinüber zum Schrank, um ihre Lederjacke herauszuholen. »Ich fahre dich heim. Aber verstehst du wenigstens, warum ich meine Möse schützen muß? Vier Pfund Coke bringen in Kanada –«
»Ach, laß doch den Scheiß«, sagte er. »Du bist zu stoned, um zehn Meter weit zu fahren, und du läßt ja nie jemand anders an diesen blöden kleinen Rollschuh ran.«
Sie baute sich vor ihm auf und schrie ihn an: »Weil außer mir keiner meinen Wagen fahren kann, darum! Kein anderer kriegt das jemals richtig hin, erst recht kein Mann! Weder das Fahren noch sonstwas! Deine Pfoten waren schon wieder unten in meiner –«
Und dann war er irgendwo draußen in der Dunkelheit, irrte ziellos umher, ohne Mantel, in einem Teil der Stadt, den er nicht kannte. Er ganz allein. Beschissen allein, dachte er, und dann hörte er Donna, die hinter ihm hereilte, Donna, die versuchte, ihn einzuholen. Ihr Atem ging keuchend, weil sie in letzter Zeit so viel Pot und Hasch geraucht hatte und ihre Lungen von dem ganzen Harz halb verschlammt waren. Er hielt an, stand da, ohne sich umzudrehen, wartete. Er fühlte sich echt down.
Als sie nur noch wenige Schritte von ihm entfernt war, wurde Donna langsamer und keuchte: »Mir tut’s schrecklich leid, daß ich dir weh getan hab’. Mit dem, was ich gesagt hab’, meine ich. Ich war gar nicht so richtig da.«
»Yeah«, sagte er. »Zu häßlich!«
»Wenn ich den ganzen Tag gearbeitet habe und super-super-müde bin, dann haut mich manchmal schon die erste Pfeife um. Wülste nich’ wieder reinkommen? Oder sollen wir was anderes machen? Wülste ins Drive-in? Und was ist mit dem Southern Comfort? Ich kann keinen kaufen … sie verkaufen ihn mir nicht«, sagte sie und unterbrach sich einen Moment lang. »Bin schließlich noch minderjährig, stimmt’s?«
»Okay«, sagte er. Zusammen gingen sie zurück.
»Das Hasch ist doch wohl echt Klasse, was?« sagte Donna.
Bob Arctor sagte: »Das Hasch ist schwarz und klebrig, was bedeutet, daß es mit Opium-Alkaloiden gesättigt ist. Was du rauchst, ist Opium und kein Hasch – weißt du das eigentlich? Darum ist es auch so teuer – weißt du das eigentlich?« Er hörte, wie seine Stimme immer lauter wurde; er blieb stehen. »Du rauchst kein Hasch, Herzchen. Du rauchst Opium, und das bedeutet lebenslängliche Sucht. Und dafür bezahlst du … wie teuer ist dieses Hasch eigentlich im Augenblick pro Pfund? Und du wirst das Zeug rauchen und wegnicken, wegnicken und nicht mal mehr in der Lage sein, deinen Wagen anzuwerfen und dich an Lieferwagen dranzuhängen, und du wirst es jeden Tag brauchen, bevor du zur Arbeit gehst –«
»Ich brauch’ das heute schon«, sagte Donna. »Ich meine, ich muß mir jedesmal erst ‘n Pfeifchen reinziehen, bevor ich zur Arbeit gehe. Und auch mittags und sobald ich nach Hause komme. Darum deale ich ja – um mir mein Hasch kaufen zu können. Hasch ist fab. Hasch bringt’s.«
»Opium«, wiederholte er. »Wieviel kostet Hasch jetzt?«
»Ungefähr zehntausend Dollar pro Pfund«, sagte Donna. »Die gute Sorte.«
»Heiliger Himmel! So viel wie Smack!«
»Ich würd’ nie ‘ne Fixe nehmen. Ich hab’s nie getan und werd’s auch nie tun. Man hält ungefähr noch sechs Monate lang durch, wenn man zu schießen anfängt, ganz egal, was man nun schießt. Sogar Leitungswasser. Man wird süchtig –«
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