Das merkte man sofort, wenn man sie einfach nur anschaute. Connie saß halb ausgezogen da, schon ohne Schuhe, eine Haarklammer im Mund, gleichgültig vor sich hin starrend, offensichtlich irgendwo in ihrem Kopf auf einem Trip unterwegs. Ihr längliches, knochiges Gesicht war herb und irgendwie ausdrucksvoll; wahrscheinlich, entschied er, weil die Knochen, besonders die Kieferlinien, so stark hervortreten. Auf der rechten Wange hatte sie einen Pickel. Zweifellos kümmerte sie das nicht, ja, wahrscheinlich bemerkte sie ihn nicht einmal; genau wie Sex bedeuteten ihr auch Pickel herzlich wenig.
Vielleicht konnte sie nicht einmal einen Unterschied erkennen. Für sie, die sie schon lange an der Nadel hing, mochten Sex und Pickel vielleicht etwas ganz Ähnliches oder sogar das gleiche sein. Was für ein Gedanke, dachte er, dieser flüchtige Einblick in die Gedankenwelt eines Fixers.
»Hast du eine Zahnbürste, die ich benutzen kann?« sagte Connie; sie war ein bißchen weggenickt und hatte vor sich hin zu murmeln begonnen, wie es bei Fixern manchmal nachts um diese Zeit vorkam. »Ach, Scheiße – Zähne sind Zähne. Ich putze sie mir …« Ihre Stimme war so leise geworden, daß er ihre nächsten Worte nicht mehr hören konnte, obwohl er an der Bewegung ihrer Lippen erkennen konnte, daß sie weiter vor sich hin brabbelte.
»Weißt du, wo das Badezimmer ist?«
»Was für ein Badezimmer?«
»Das hier im Haus.«
Sie riß sich mühsam zusammen und begann wieder, sich mit mechanischen Bewegungen zu kämmen. »Was sind das für Typen, die da draußen rumhängen? Sich Joints drehen und immer weiterquatschen, obwohl’s schon so spät ist? Ich nehme an, die wohnen hier bei dir. Klar wohnen die hier. Wo sollten Typen wie die auch sonst wohnen?«
»Zwei davon jedenfalls«, sagte Arctor.
Ihre Augen, die an die eines toten Kabeljaus erinnerten, wandten sich ihm zu und starrten ihn an. »Bist du schwul?« fragte Connie.
»Ich kämpfe dagegen an, so gut ich kann. Genau deshalb bist du ja heute nacht hier.«
»Dann wird das wohl eine ziemlich heiße Schlacht werden, was?«
»Worauf du Gift nehmen kannst.«
Connie nickte. »Schätze, ich werd’s wohl gleich rausfinden. Wenn du ein latenter Schwuler bist, wirst du’s vielleicht mögen, wenn ich die Initiative übernehmen. Leg dich hin, und ich besorg’s dir. Soll ich dich ausziehen? Okay, du liegst einfach nur da, und ich mach’ alles.« Sie griff nach dem Reißverschluß seiner Hose.
*
Später döste er im Halbdunkel vor sich hin, schläfrig vom Abdrücken seiner eigenen Fixe, wenn man das so nennen konnte. Connie schnarchte neben ihm vor sich hin. Die lag auf dem Rücken, die Arme beiderseits ihres Körpers auf der Decke. Er konnte sie nur verschwommen erkennen. Sie schlafen wie Graf Dracula, dachte er, diese Junkies. Starren unverwandt immer nur nach oben, bis sie sich urplötzlich aufrichten, wie eine Maschine, die von Position A auf Position B umgeschaltet wird. »Es – muß – schon – Tag – sein«, sagt der Junkie. Oder jedenfalls das Tonband in seinem Kopf, das ihm seine Anweisungen vorspielt. Der Geist eines Junkies ist wie die Musik, die du aus dem Radiowecker hörst … manchmal klingt sie ja hübsch, aber sie ist nur dazu da, dich zu etwas ganz Bestimmtem zu veranlassen. Die Musik aus dem Radiowecker soll dich aufwecken; die Musik des Junkies soll dich in ein Werkzeug zur Beschaffung von immer mehr Stoff verwandeln, ein Werkzeug, das der Junkie so einsetzt, wie es ihm nützt. Er, der selber eine Maschine ist, wird dich in seine Maschine verwandeln.
Jeder Junkie, dachte er, ist eine Bandaufnahme.
Wieder döste er vor sich hin und sann dabei über diese häßlichen Dinge nach. Und wenn der Junkie eine Puppe ist, dann hat er schließlich nichts zu verkaufen als seinen Körper. Wie Connie, dachte er; Connie, die hier neben mir liegt.
Er öffnete seine Augen und drehte sich zu dem Mädchen neben sich um – und sah Donna Hawthorne.
Mit einem Ruck setzte er sich im Bett auf. Donna! dachte er. Er konnte ihr Gesicht deutlich erkennen. Ein Irrtum war unmöglich. Herr im Himmel! dachte er und tastete nach der Lampe auf dem Nachttisch. Seine Finger stießen dagegen; die Lampe kippte um und fiel zu Boden. Das Mädchen merkte nichts davon, sondern schlief ruhig weiter. Immer noch starrte er sie an, und dann, ganz allmählich, sah er wieder Connie, sah ihr scharfgeschnittenes, kantiges Gesicht mit den eingefallenen Wangen, das hagere, düstere Gesicht eines völlig ausgemergelten Junkies – Connie und nicht Donnas; das eine Mädchen und nicht das andere.
Niedergeschlagen ließ er sich wieder zurücksinken, dämmerte wieder ein bißchen weg und fragte sich, was das wohl bedeuten mochte, wieder und wieder, bis sich seine Gedanken in der Dunkelheit verloren.
»Ich hab’ mir nie was draus gemacht, daß er gestunken hat«, murmelte das Mädchen neben ihm irgendwann später verträumt im Schlaf. »Ich habe ihn trotzdem geliebt.«
Er fragte sich, wen sie damit meinte. Ihren ersten Freund? Ihren Vater? Ein heißgeliebtes Spielzeugtier aus ihren Kindertagen? Vielleicht sie alle, dachte er. Aber die Worte hatten »Ich habe ihn geliebt« gelautet, nicht »Ich liebe ihn«. Offenbar gab es diesen Er, wer oder was auch immer er gewesen sein mochte, jetzt nicht mehr. Vielleicht, überlegte Arctor, haben sie (wer immer sie sein mochten) Connie dazu gezwungen, ihn rauszuwerfen, weil er so übel stank.
Durchaus möglich. Er fragte sich, wie alt sie damals wohl gewesen war, dieses verbrauchte Junkie-Mädchen, das neben ihm schlummerte und im Traum ihren Erinnerungen nachhing.
In seinem Jedermann-Anzug saß Fred vor einer Batterie wirbelnder Holo-Schirme und beobachtete, wie Jim Barris in Bob Arctors Wohnzimmer ein Buch über Pilze las. Warum über Pilze? fragte sich Fred und spulte die Bänder im Schnellvorlauf eine Stunde weit vor. Barris saß auch jetzt noch da, las mit großer Konzentration und machte sich Notizen.
Kurz darauf legte Barris das Buch weg und ging aus dem Haus, wobei er den Erfassungsbereich der Kameras verließ. Als er zurückkam, trug er eine kleine Packpapier-Tüte bei sich, die er auf den Kaffeetisch stellte und öffnete. Er entnahm ihr einige getrocknete Pilze, die er sodann einen nach dem anderen mit den Farbfotos in dem Buch verglich. Mit einer für ihn ungewöhnlichen, übertrieben anmutenden Akribie überprüfte er jeden einzelnen Pilz. Schließlich schob er einen erbärmlich aussehenden Pilz beiseite und füllte die anderen wieder in die Tüte; aus der Hosentasche holte er eine Handvoll leerer Kapsein und fing an, den von ihm auserkorenen Pilz sorgfältig zu zerbröseln und die Bröckchen in die Kapseln zu füllen, die er dann verschloß.
Nachdem Barris damit fertig war, klemmte er sich ans Telefon. Da der Apparat angezapft war, wurden die Nummern, die er wählte, automatisch registriert.
»Hallo, hier ist Jim.«
»Und?«
»Ich hab’ was.«
»In echt?«
»Psilocybe mexicana. «
»Was ‘n das?«
»Ein seltener halluzinogener Pilz, der seit Tausenden von Jahren von südamerikanischen Geheimkulten verwendet wird. Du fliegst, du wirst unsichtbar, verstehst die Sprache der Tiere –«
»Nein danke.« Klick.
Erneutes Wählen. »Hallo, hier ist Jim.«
»Jim? Jim wer?«
»Der mit dem Bart … grüne Sonnenbrille, Lederhose. Wir haben uns mal auf ‘nem Happening bei Wanda –«
»Oh yeah. Jim. Yeah«
»Wärst du interessiert, organische Psychedelics zu kaufen?«
»Hm, ich weiß nicht so recht…« Unsicherheit. »Sag’ mal – spricht da wirklich Jim? Du klingst gar nicht wie Jim.«
»Ich hab’ da was Unglaubliches, einen seltenen organischen Pilz aus Südamerika, den indianische Geheimkulte seit Tausenden von Jahren benutzen. Du fliegst, wirst unsichtbar, dein Wagen verschwindet, du bist in der Lage, die Sprache der Tiere zu verstehen –«
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