Er drehte sich um. Ihre Haut schien in dem grünen Dämmerlicht zu glühen. Sie strich über die senkrechten ockerfarbenen Streifen, die er noch immer trug. Und dann wanderten ihre schlanken Finger zu seinem Arm und den lang verheilten Schnittwunden, die er sich selbst zugefügt hatte. Bei jeder Berührung von ihr erschauerte er, als ob ihre Finger aus Eis oder Feuer wären.
Dann fuhr er ihr mit den Fingern über den Arm. Seine Faust schloss sich leicht um ihren Unterarm, wie um das Bein eines Vogels. Er spürte, dass er den Knochen wie ein Streichholz zu brechen vermocht hätte. Plötzlich fühlte er sich wieder in den Tag zurückversetzt, als er ihr am Strand begegnet war. Er bekam einen trockenen Mund und konnte nur mit Mühe schlucken.
Er verstand seine Lust nicht: die Lust, die nie geschwunden war. Er dachte an die tollen Werkzeuge, die sie gefertigt hatte, ihre langen, geschmeidigen Schritte, die Nahrung, die sie seinen Leuten gebracht hatte – und diese Harpune mit der feinen Spitze, die unvorstellbar für ihn gewesen war, bis er sie an jenem Tag zum ersten Mal gesehen hatte. Da war etwas an ihr, das sein Körper begehrte; die Sehnsucht war schier unerträglich.
Er rollte sich auf den Rücken. Im grünen Dämmerlicht des Pflanzen-Unterstands setzte sie sich auf ihn und lächelte.
Jeder Brocken Feuerstein war ein Miniatur-Friedhof. In einem längst verschwundenen Meer hatten die Kadaver von Krustentieren ein Sediment gebildet, und winzige glasige Nadeln, die einst das Skelett von Schwämmen gewesen waren, wurden zu Feuerstein, der in den sich verdickenden Kalk-Flözen eingeschlossen war.
Kieselstein hatte das Gefühl von Feuerstein immer schon geliebt. Er drehte den glattflächigen, spröden Stein in den Händen und ertastete seine Struktur. Feuerstein-Steinmetze mussten jede noch so subtile Eigenschaft des Steins kennen. Je länger ein Feuerstein den Elementen ausgesetzt war, desto wahrscheinlicher war es, dass er Risse hatte, die durch Frost oder die Wirkung von Fluss- und Meeresströmungen entstanden waren. Dieser Feuerstein wies jedoch keine derartigen Spuren auf. Er war makellos. Er war erst vor kurzem aus seiner Kalkmatrix befreit worden, nachdem eine Klippe eingestürzt war. In diesem Gebiet, im alten Revier der Leute, fand man keinen solchen Feuerstein. Kieselstein hatte guten Feuerstein in den langen Jahren am Strand vermisst, ehe Harpune in sein Leben getreten war.
Dieser Tage war er nie zufriedener, als wenn er Stein bearbeitete – das heißt, er war nie weniger unzufrieden.
Sieben Jahre waren seit der ersten Begegnung mit Harpune verstrichen. Mit sechsundzwanzig baute sein Körper bereits ab. Er war durch die vielen Entbehrungen und Härten eines Lebens gezeichnet, das noch immer sehr hart war, obwohl seine Leute nun mit den Neuankömmlingen zusammenarbeiteten.
Er hatte sich auf Harpune eingelassen, und er hatte sich auch auf das Neue und die Veränderungen eingelassen, die sie bedeutete, aber diese Veränderungen waren trotzdem schwer zu bewältigen. Kieselsteins Bewusstsein war höchst unflexibel. Und je älter er wurde, desto mehr genoss er diese Momente allein mit dem Stein, wenn er sich in einen Winkel seines geräumigen Bewusstseins zurückziehen konnte.
Jedoch war dieser friedliche Moment nicht von Dauer.
»Hai, hai, hai! Hai, hai, hai!«
Da kamen sein Sohn und seine Tochter, der stämmige Sonnenuntergang und die dünne Glatt. Sie rannten zusammen den Strand entlang und plapperten das Kauderwelsch, das durch die Verschmelzung von Kieselsteins und Harpunes Zungen entstanden war. »Komm, komm, komm her zu uns!« Die nackten Kinder mit der von Salz und Schweiß verkrusteten Haut wollten, dass er herbeikam und bei den Baumstämmen half, die Ko-Ko und andere ins Meer schoben.
Er tat so, als hörte er sie nicht, bis sie fast bei ihm waren. Dann schnappte er sich beide mit Gebrüll, und die drei wälzten sich balgend im Sand. Schließlich ließ Kieselstein sich erweichen. Er legte den Feuerstein weg, stand auf und lief hinter den Kindern den Strand entlang.
Es war ein strahlend schöner, warmer Morgen, und die Luft war vom Geruch nach Salz und Ozon erfüllt. Während die Kinder vor dem langsameren Vater förmlich dahinflogen, überholte Glatt bald ihren Bruder. Kieselstein verspürte einen Anflug von Freude über ihre jugendliche Energie. An diesem Ort würde er zwar nie heimisch werden, aber er hatte auch seine Vorzüge.
Ko-Ko, Hände und Robbe bauten eine Art Floß. Harpune war auch da. Sie hatte die Hände auf ihren Bauch gelegt, der schon sichtlich geschwollen war. Sie grinste, als sie Kieselstein sah.
Die Männer hatten im Wald landeinwärts zwei kräftige Palmen gefällt, die Wipfel entfernt und die Stämme mit Lianen und geflochtenen Ranken zusammengebunden. Nun schleppten Hände und Robbe diese primitive Konstruktion über den Strand zum Wasser. Sie legten sich mächtig ins Zeug und plapperten dabei: »Schieb, schieb, schieb!«
»Zurück zurück, nein, zurück, zurück…«
»Hai, hai!«
Kieselstein kam Hände und Robbe zu Hilfe. Aber auch zu dritt war es noch ein hartes Stück Arbeit, und Kieselstein geriet bald wie die anderen ins Schwitzen. An den Beinen klebte heißer stechender Sand. Ko-Ko wollte auch helfen, aber hier half nur brutale Kraft, die außer Kieselstein und seinen Leuten niemand sonst aufbrachte. Und sie wurden durch die beiden Kinder behindert, die eigentlich nur helfen wollten und durch Harpunes Wolf, der ihnen bellend zwischen den Füßen herumsprang.
Der Wolf, den sie als Welpen gefangen und aufgezogen hatte, war zahm. Das war der Anfang einer Beziehung, die länger dauerte als alle anderen zwischen Mensch und Tier, eine Beziehung, die letztendlich beide Spezies prägte.
Kieselstein hatte sein Ziel, die Insel zu erreichen, nie aus dem Auge verloren. Als er einmal in Gedanken versunken am Strand saß, hatte er Kinder beobachtet, die im Wasser mit Treibholz spielten – und da hatte es in seinem Kopf ›klick‹ gemacht.
Im Mangrovensumpf hatten die Vorfahren von Harpune, auch keine besseren Schwimmer als Kieselstein, einen Weg finden müssen, das von Krokodilen verseuchte Wasser zu überqueren. Nach vielen Versuchen und Fehlern – wobei jeder Fehler mit Verstümmelung oder Tod bestraft wurde –, waren sie auf die Idee gekommen, Mangroven-Stämme zu benutzen. Man legte sich flach auf einen solchen Stamm und ruderte mit den Händen. Auf all ihren Reisen hatten die Dürren diese grundlegende Technik nicht vergessen. Und genau das war es, wobei Kieselstein die Kinder mit dem Treibholz beobachtet hatte. Nun sah er eine Möglichkeit, die Insel zu erreichen.
Über das stille Wasser eines Mangrovensumpfs zu paddeln war jedoch eine Sache. Die bewegte Oberfläche eines Meers abzureiten war eine ganz andere Herausforderung.
Nach ein paar spektakulären Fehlschlägen hatte der einfallsreiche Ko-Ko die Idee gehabt, zwei Baumstämme zu vertäuen. Auf diese Weise erlangte man wenigstens etwas mehr Stabilität. Jedoch bestand auch bei diesen Flößen noch die Gefahr des Kenterns.
Schließlich ließen sie die zusammengebundenen Stämme zu Wasser. Sie schwammen und boten eine stabile Fläche.
Ko-Ko und Hände warfen sich ins Wasser, dass es nur so spritzte. Dann legten sie sich flach auf die Baumstämme, streckten die Beine aus und ruderten mit den Armen. Langsam entfernten sie sich von der Küste. Aber die Wellen warfen das Floß umher – und schließlich um. Beide Männer fielen ins Wasser. Und dann löste die Vertäuung der Stämme sich.
Hände kam prustend und grummelnd aus dem Wasser. Mit Ko-Ko zog er die Stämme aus dem Wasser an den Strand.
Kieselstein wusste, dass keine Gefahr bestanden hatte, weil das Wasser hier so seicht war, dass man an den Strand zurückzugehen vermochte. Weiter draußen wurde das Meer aber schnell tiefer, und das mussten sie überqueren, wenn sie die Insel erreichen wollten.
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